Es ist ein absurd-komisches Horror-Hörspiel, das die britische Truppe Forced Entertainment beim Spielart-Festival in München live auf die Bühne bringt: Von einer Sekunde auf die andere wird ein junges, intellektuelles Pärchen, Kim und Jackson, aus dem Alltag gerissen. Kim wird angeschossen, die Wohnung konfisziert, die beiden fliehen. Sie geraten von einer bizarren Gefahr in die nächste: Bewaffnete Unbekannte sind hinter ihnen her, also stürzen sie sich in die Kanalisation. Kaum dem Exkremente-See entstiegen, werden sie von Killerinsekten angegriffen – und das ist erst der Anfang. Dass ihnen die Scheiße buchstäblich bis zum Hals steht, nehmen die beiden auf ihre weltfremde Art unglaublich gelassen. Dadurch entwickelt die Story ihre ganz eigene Komik: In den absurdesten Situationen debattieren Kim und Jackson plötzlich darüber, was Ratten wohl denken, oder ob es tatsächlich ein Sternbild namens Rambo gibt.

"Void Story" - Foto: Hugo Glendinning
Autor und Regisseur Tim Etchells inszeniert die Geschichte als bebildertes Live-Hörspiel: Zwei Frauen und zwei Männer sitzen rechts und links auf der Bühne des Carl-Orff-Saals im Gasteig an kleinen Tischen mit Leselampen. Sie sprechen alle Rollen in herrlich überzogenem britischen Englisch und spielen dazu Geräusche und Musik ein. Auf einer Leinwand zwischen ihnen läuft der Horror-Trip von Kim und Jackson als rasanter Stummfilm aus verfremdeten Foto-Collagen in Schwarzweiß ab. Die Performance lebt vom Kontrast zwischen der irrwitzigen Geschichte in zerstückelten Bildern und der Gelassenheit der vier Akteure an den Mikrofonen. Diese sind ein eingespieltes Team: Seit 25 Jahren gibt es Forced Entertainment. Die Gruppe hat das experimentelle Theater in Großbritannien mit begründet. Im Gegensatz zu vielen ihrer Projekte lässt „Void Story“ keinen Raum für Improvisation: Jeder trockene Kommentar, jeder Schrei, jedes Stöhnen und Gurgeln sitzt auf den Punkt genau. Das Zusammenspiel ist routiniert, fast schon zu perfekt. Die Performance ist zwar live, könnte aber ebenso gut als Film ablaufen.
Es erinnert an die Zeichentricksequenzen aus „Monty Python’s Flying Circus“, wie die Hauptfiguren in schnellen Bilderfolgen durch unrealistisch proportionierte Foto-Landschaften stolpern. In kurzem Sommerkleid und bravem Hemd wirken die beiden immer fehl am Platz – aus ihrem gewohnten Leben ausgeschnitten und in den falschen Film eingeklebt. Treffender könnte man bildlich nicht umsetzen, dass die Protagonisten Extremsituationen ausgesetzt sind, die sie nur schwer begreifen können. „I’ve seen movies, I should know, how this works“, klagt Jackson, als er sich alleine durch einen Wald schlagen muss. Doch gerade ihre völlige Ignoranz scheint den beiden zu helfen, ausweglose Situationen zu überstehen. Das lakonisch-gelassene Wegstecken von Knochenbrüchen, Schuss- und Stichverletzungen lässt „Void Story“ wirken wie ein Computerspiel. Level um Level muss durchgestanden werden, egal, was kommt: sei es ein Paartanz-Marathon, die Flucht vor einem lüsternen Geist oder der Kampf gegen aggressive Hundemeuten. Irgendwann bricht die Reise durch eine düstere Zukunftsvision einfach ab – in den Köpfen der Zuschauer spuken Tim Etchells’ Figuren sicher noch länger herum.