Keine Requisite ist unversehrt auf der Bühne des Carl-Orff-Saals im Gasteig. Das eine Klavier wurde der äußeren Schale beraubt, ist nur noch ein Skelett. Aber es funktioniert, das ist das wichtigste. Das andere Klavier ist noch vollständig, doch auch diesem ist die eigene Vergänglichkeit anzusehen. Die Badewanne taugt nur noch als Container für Altpapier, der Kühlschrank beherbergt einen Fernseher, im Ofen sind die Partituren untergebracht. Gegenstände, für die eigentlich vorgesehen war, auf dem Sperrmüll zu verenden, wurden noch einmal begnadigt. Vor dem endgültigen Exitus dürfen sie noch einmal Staffage für den Liederabend “Geen Krimp, Gustav!” sein. Auf dem Programm steht ein Auszug aus Gustav Mahlers Vertonungen von Liedern aus „Des Knaben Wunderhorn“.
„In diesen Liedern fühlt man den Herzschlag des deutschen Volkes… Hier trommelt der deutsche Zorn, hier pfeift der deutsche Spott, hier küsst die deutsche Liebe. Hier perlt der echt deutsche Wein und die echt deutsche Träne.“ Heinrich Heine war begeistert von „Des Knaben Wunderhorn“, Clemens Brentanos und Achim von Arnims Sammlung deutschsprachiger Volkslieder. Sie erschient Anfang des 19. Jahrhunderts und befeuerte nachhaltig das Nationalgefühl des romantischen Menschen.
So derangiert, wie die Bühne anmutet, so sind auch die Musiker in Szene gesetzt. Mezzosopranistin Barbara Zechmeister trägt ein rotes, viel zu großes Hausfrauenkleid, Bariton Simon Bailey, weiß geschminkt, weiß gewandet, wirkt wie ein Clown aus einer anderen Zeit. Dazu Pianist Florian Ziemen, ein Herr in weißem Jackett und Schnurrbart. In der Mitte Stimmkünstler Jaap Blonk in ausgebeulten Hosen, der die Lieder in seine eigentümliche dadaistische Sprache übersetzt. Klangcollagen, durcheinander spielende Musiker – am Ende bleibt eine trübselige Ruinenlandschaft von Mahlers Liedern übrig.