Welches Antlitz hat der Krieg? Ein blutverschmiertes, ganz und gar körperliches – eine entstellte Fratze? Oder doch ein wohlgeformtes, ästhetisch ansprechendes, das in seiner Ungreifbarkeit so gar nicht an Vernichtung erinnert?
Die Antwort der italienischen Performance-Gruppe „Orthographe“: Die Entwicklung moderner Waffentechnik verlief parallel zur Entwicklung der Kameratechnik, bis zum Punkt, an dem sich nicht mehr klar zwischen Kamera- und Waffensystem differenzieren lässt. Die Kamera erfasst ihr Ziel nicht nur, sondern setzt es auch ästhetisch ins Bild. Ergo ästhetisiert moderne Waffentechnik den Krieg. Verleiht ihm ein adrettes Äußeres. Macht ihn erträglich. Und – in Form kleiner Videoclips – konsumierbar.

(Foto: Cesare Fabbri)
Diese Entwicklung dokumentieren „Orthographe“ in ihrer vierzigminütigen Inszenierung „Controllo Remoto“, die in der Münchner Reaktorhalle ihre Deutsche Erstaufführung erlebt: Zwei camerae obscurae werfen aus den hinteren Winkeln der Bühne ihre knochenbleichen, gespenstischen Bilder auf eine hauchdünne Leinwand. Sie scheint zu schweben. Tatsächlich, sie schwebt – getragen von wenigen Luftballons, und von Windmaschinen minimal in Bewegung versetzt. Auf sie legen sich die Projektionen von Fotos aus dem amerikanischen Sezessionskrieg – als die Kameratechnik noch nicht weit genug entwickelt war, um mehr als Statisches einzufangen, wie Gruppenfotos der Soldaten vor oder das verwüstete Feld nach der Schlacht. Ein Klangteppich baut sich auf, wie aus verzerrten, unendlich in die Länge gezogenen Glockenschlägen gewoben. Ein flatterndes, tieffrequentes Dröhnen wird miteingeflochten, es lässt die kahlen Betonwände der Reaktorhalle näher rücken, hämmert in die Magengruben der Zuschauer, die auf einmal vom gleißenden Licht der Projektoren geblendet werden. Die Leinwand ist kollabiert, richtet sich langsam wieder auf, damit sich der zweite Akt auf ihr ausbreitet: Aufnahmen aus den Abwurfschächten amerikanischer Bomber, und wie diese ihren Inhalt tausendfach aus ihren Bäuchen entleeren. Im Rauch der Nebelmaschinen und dem Licht der Miniatur-Flak-Scheinwerfer wird aus dem Bombenhagel ein farblich übersättigtes, surreales Bleiballett.
Im dritten Akt feiern Waffensystem und Kamera Hochzeit und verschmelzen nun miteinander, sie zeugen und gebären die Bilder, die den ersten Irak-Krieg und fortan alle modernen Kriege prägten: Aufnahmen der Feindbekämpfung aus maximaler Distanz – ein Ziel, ein Fadenkreuz, eine Explosion. Die Distanz zwischen Geschütz und Ziel ist so absurd groß, dass sie den Bordschützen in unerreichbare, unbekämpfbare Ferne entrückt und den Beschossenen auf seine bloße Wärmesignatur reduziert, zu einer gräulichen Scheme auf dem Bildschirm degradiert. In der Tonspur, den Funksprüchen der Bordschützen, offenbart sich dann das ganze Ausmaß der Perfidie und Asymmetrie dieser Kriegsführung: Aus sicherer Distanz wird Beschuss zum Genuss, bei dem man freudig „Yummy, yummy, yummy!“ ausruft.
„Orthographe“ simulieren als ergänzende Antithese die andere Position und Situation in diesem asymmetrischen Machtverhältnisses: In etwa von der Stelle, an der in Kinosälen die Projektoren postiert sind, ergießt sich ein Hagel aus grünen Laserstrahlen auf die Bühne, den mit Leuchtspurgeschossen durchsetzten Maschinenkanonensalven nachempfunden, die soeben aus den fliegenden Festungen auf den schutzlosen Gegner niederprasselten. Der Geschosshagel will nicht aufhören, Salve um Salve durchbohrt jeden Quadratmeter der Bühne und schießt in Verbindung mit dem ohrenbetäubenden Kanonenlärm die Nerven der Zuschauer sturmreif. Die verbliebenen zwei Akte sorgen nicht für Erleichterung, sie sind gleichermaßen minimalistisch wie auch bedrohlich: Eine aufblasbare tierähnliche Gestalt, von einem herzschlagschnell getakteten roten Stroboskop angeblitzt, wächst langsam zu voller Größe heran, um ebenso langsam wieder in sich zu versinken. Ein Hirsch? Ein Götzenbild in Kalbsgestalt? Die Überlegungen verlieren sich im Dunkeln und reißen jäh ab, als die Neonröhren an den Wänden der Reaktorhalle angehen und die Besucher mit einem Fußtritt aus kaltem Licht in die Realität zurückstößt. Verhaltener Applaus. Verunsichert. Teilweise schockiert, wie manche Zuschauer später bekennen.

(Foto: Cesare Fabbri)
Mit „Controllo Remoto“ haben „Orthographe“ ein die Sinne erschöpfendes Bombardement erschaffen, das sich mehr noch als durch die Absenz von Moral und Message durch die durchdringende Homogenität auszeichnet, durch organischen Rhythmus und Tempo. Eine bruch- und nahtlose, geschmeidig gefertigte Montage. Im anschließenden Künstlergespräch mit Regisseur Alessandro Panzavolta bestätigt dieser den Eindruck einer Besucherin: Genau diese Ambiguität moderner Kriegsrhetorik habe er darstellen wollen: Krieg minus Menschen plus ästhetische Aufbereitung ergibt ein sinnlich ansprechendes, als schön empfundenes Bild der Kriegsmaschinen. Die Idee zu „Controllo Remoto“ (was sich mit „Fernbedienung“, aber auch mit „Beherrschung aus der Ferne“ übersetzen ließe) sei Panzavolta gekommen, als er einen Fernsehbeitrag sah, in dem amerikanische Kriegsheimkehrer den Krieg in Videospielen nachspielten. In einer ästhetischen Simulation aus sicherer Distanz Kontrolle ausübten über den Gegner, über ihre eigene Erfahrung.
Und um was für ein Tier hat es bei dem aufblasbaren Götzenbild nun gehandelt? Um ein rotnäsiges Rentier! Damit habe er, so Panzavolta, einen Gegenentwurf konzipieren wollen, einen subversiven Akt der Guerilla-Gegenwehr, wie sie der Widerstand gegen die faschistischen Regimes des vergangenen Jahrhunderts mit sich brachte. Eine nicht minder absurde Gegenwehr in einem maximal asymmetrischen Krieg. Die Gesprächsleiterin Renate Klett hakt halb im Scherz, halb im Ernst nach: „Wie habe ich das nun zu verstehen? Das Rentier als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln?“ Im Grunde genommen: ja. Panzavolta betont die messianische, Hoffnung spendende Qualität dieses Rentiers: „Es ersteht jedes Jahr aufs Neue auf.“ Weihnachten kann kommen.
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Marko Pfingsttag