Der Mann im Skelett-Outfit stolziert die große Treppe auf der Bühne herunter. Die Lichteffekte setzen ihn eindruckvoll in Szene, das Bühnenbild ist bunt, weil üppig, und die vierköpfige Band spielt einen fetzigen Beat. Angeheizt von einem spaßigen „Warm-Up-Artist“, ist das Publikum beim Einmarsch des Knochenmannes außer sich und applaudiert frenetisch. So zumindest sollte es normalerweise ablaufen. Eigentlich sollte es auch beim Münchner Theaterfestival Spielart so ablaufen. An diesem Abend in der Muffathalle ist aber alles irgendwie anders.
Irgendetwas muss bei der renommierten britischen Theatergruppe „Forced Entertainment“ mächtig schief gelaufen sein, um es milde und stark untertrieben auszudrücken. Der vermummte Mann auf der kargen Bühne – die Konturen eines Skeletts auf der schwarzen Kleidung tragend – erklärt seinem Publikum in launigem british-english seine ungewohnte Situation. „Normally“ wäre hier eigentlich eine gigantische Treppe, „normally“ würde dort die Band spielen, „normally“ wären hier überall Pflanzen und – natürlich – „normally“ hätte ein Komödiant seine Scherzchen und Anekdötchen als „Warm-Up“ präsentieren sollen. „Normally“ steht aber beim Stück mit dem zunächst unpassend klingenden Titel „Spectacular“ wahrlich nicht auf dem Programm. Und so klopft sich das knochige Skelett fragend auf den doch sehr wohlgeformten Bauch und schüttelt seinen Totenkopf, bevor er das Publikum mit präzisen Beschreibungen dazu bringt, die Bühne imaginär und somit individuell nachzubauen.
Das sechsköpfige Ensemble von „Forced Entertainment“ befasst sich nunmehr seit 25 Jahren mit dem Theater und seinen Mechanismen, Automatismen und Konventionen. Dabei wird das Werk nicht einfach nur aufgeführt, vielmehr wird es durch die Schauspieler als „Schnittstelle“ mit seinem Publikum und dessen Erwartungen verknüpft. Subtil bricht „Spectacular“ die Grenze zwischen Werk und Publikum auf, präsentiert dem Zuschauer ein Theaterstück über das Theater und befördert das Ganze auf eine höchst verblüffende Metaebene.
So tritt der Knochenmann mit seinem Publikum in einen dialogähnlichen Monolog, hinterfragt seine eigene Besetzung sowie den Sinn des kompletten Stücks samt Outfit, zweifelt an der Aussage des Theaters und fragt sich grämend, ob seine Darbietung die Erwartungen des zahlenden Theaterpublikums überhaupt erfülle. Die Aufführung scheint in der Aufführung zur Nebensache zu werden. Ohne Treppe, warm-up und Band macht alles eh keinen Sinn. Somit bleibt viel Zeit, aus dem Nähkästchen zu plaudern und dem Publikum einen Einblick in die Arbeit eines Schauspielers zu gewähren. Wann bietet sich denn schon die Möglichkeit, solch exklusive Informationen aus erster Hand zu bekommen?

Auch auf den Todeskampf gibt's Haltungsnoten. Foto: Hugo Glendinning
Der spaßige Workshop währt allerdings nicht lange, da Ensemblemitglied Claire sich dazu entschieden hat, ihre große Todesszene auf der Bühne zu zelebrieren. Sie werde alsbald auf der Bühne sterben, lässt sie das Publikum und Robin – so der Name des Skeletts – wissen. Wer mit einem leisen, schauspielerisch herausragend-subtilen Todeskampf gerechnet hatte, wurde bitter enttäuscht. Stattdessen windet sich Claire vor Schmerzen schreiend auf dem Boden, legt auf ihrem Todesweg etliche Bühnenmeter auf Bauch und Rücken zurück und wischt so nebenbei mit ihrer Kleidung fast den kompletten Bühnenboden. Es ist ein langer und qualvoller Tod, der noch dazu in Schüben kommt. Das Leben wird herausgeschrieen, nicht ausgehaucht. Robin wiederum philosophiert, nur kurzzeitig von Claires non-subtilem Todeskampf abgelenkt, über die korrekte Atemtechnik des Schauspielers, während Claire in der anderen Ecke der Bühne ihren letzten Atemzug macht. Mit Phrasen wie „You know, I really liked that“ bis hin zu „What is it? I just don’t get it“ kommentiert, interpretiert, analysiert und kritisiert er ab und an Claires Darbietung. Ein Zuschauer auf der Bühne.
Dramatik und Humor, zwei elementare Bestandteile des Theaters, werden von den Ensemblemitgliedern Claire Marshall und Robin Arthur zu einer Einheit zusammengeführt. Das Publikum wird bespielt und gleichzeitig ausgespielt, kurzzeitig in melancholische Stimmung versetzt, um dann abrupt mit einer lustigen Einlage herauskatapultiert zu werden. Dramatik und Humor tauschen nicht abwechselnd die Plätze, vielmehr geschehen sie parallel auf der Bühne. Um stets beide Schauspieler permanent im Blickfeld zu haben, hätte man die Fähigkeiten eines Chamäleons gebraucht. Aber diese visuelle Einschränkung ist nun mal Teil des Theaters.
„Spectacular“ ist ein Blick hinter die Bühne des Theaters, der allerdings auf der Bühne stattfindet. Verwirrend und doch so einleuchtend. Unspektakulär und doch so „Spectacular“. „Normally“, so Robin, würde die Band jetzt nach vorne kommen und sich verbeugen. „Normally“. Aber an diesem Abend war so gar nichts „normally“.