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Bewusstseinsbilder zu Zeiten der Polschmelze Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Astrid Kaminski  am  29. November 2009

Die fünfte Darbietung innerhalb der mentorierten Spielart-Serie für angehende Bühnenkünstler spielt im Teilchen-Zoo-Zeitalter. Als wären Quarks tatsächlich Spielzeug und die ganze Raum-Zeit-Philosophie eine Stand-up-Comedy des Denkens. Der eine Gedanke erschlägt den anderen und treibt bis zu dessen Wiederauferstehung sein Unwesen. Im besten Fall gelingen den beiden ein paar versöhnliche Momente, die sie durch chorische Bewegungsimpulse feiern. Die haben sie sich ganz unverfroren in den schlechteren MTV-Clips abgeguckt, was sie durch ekstatische Gesichtsausdrücke quittieren.

Gedanke eins und zwei sind der österreichische Performer Thomas Kasebacher, der die gefühlte Hälfte der Zeit schnorchelnd unter einem Mehlberg verbringen muss, und der Engländer Bruno Roubicek, beide im grauen Anzug. Manchmal sind sie aber auch das Un- und das Bewusste. Mehr oder weniger gesteuert werden sie von der Neuseeländerin Kate McIntosh, die in ihrem Stück „Dark Matter“ davon ausgeht, Gedanken seien Bewegung und darum am besten physisch zu veranschaulichen. In der Ästhetik einer Late-Night-Performance stellt sie sich im grünen Glitzerkleid vor abknüpfbaren Sternen im Münchner Schwere Reiter-Theater der Chaostheorie und dem Chaos in ihrem Kopf.

Und das macht sie dynamikreich, originell und mit einer faszinierenden stimmlichen und körperlichen Präsenz, was ebenso für ihre zwei Mitperformer gilt. Um ihre Gedankengänge abbilden zu können, untersucht sie die Dinge Brett, Mehl, Luftballon, Seil oder Glas auf ihr passives Bewegungspotential hin und aktiviert es mit einem oftmals perfekten Timing und einer lässigen Freude an Situationskomik und -Tragik. Kasebacher lässt sie mittels eines rudimentären Heimlabors das Verhältnis Raum-Zeit demonstrieren: Das Universum aus der Glaskanne wird in ein Glas, das „Raum“ symbolisiert, gegossen. Es läuft über. Was auf dem Tisch bleibt, wird zum Bewussten, was zu Boden tropft, zum Unbewussten. Mit ein paar Papierhandtüchern wird beides aufgewischt und über einem Trichter, dem Denken, ausgewrungen. Das Extrakt ist die Erinnerung. Die ausgepressten Papierhandtücher sind die Seele, die mittels Luftballon gen irgendwas auffährt.

Die Gedankendemonstrationen sind, was das Beispiel belegt, nicht mit wissenschaftlichem Denken kompatibel, und doch schaffen McIntosh und ihre routinierten Mitspieler es, eine Poesie der Handlungen herzustellen, die erahnen lässt, welcher Geist, auch wenn er sich nicht zu erkennen gibt, ihnen Pate stand.

Wer McIntosh als Mentor zur Seite stand, wird auf weniger mystische als diskrete Art deutlich. Tim Etchells, der künstlerische Leiter von Forced Entertainment, in Assoziationspoetik und Bühnenselbstbespiegelung bestens geschult, hat am Text mit gearbeitet, und ab und an wirken die Einfälle so, als hätte er ein bisschen beim Bügeln geholfen. Dabei ist McIntoshs künstlerische Persönlichkeit jedoch so ausgeprägt, dass sie gar keinen Geleitschutz mehr braucht. Kate McIntosh, zurzeit im Tanz- und Performance-Mekka Brüssel zuhause, weiß, wie man sich publikumswirksam ein Universum auf die Bühne schustert, sich mit Luftballons kasteien und den Sternenhimmel mittels Flaschenzug schief hängen kann. Willkommen im Bühnenzoo.

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