Wie kurzfristig kann Theater auf aktuelle Diskurse reagieren? Am ersten Wochenende des Spielart-Festivals fand das dreitägige Symposium „Woodstock of Political Thinking“ statt. Über dreißig geladene Gäste aus aller Welt machten sich Gedanken über die Zukunft der öffentlichen politischen Debatte und welchen Beitrag Kunst dabei leisten kann – oder muss. Eine Woche später, am 29.11.2009 um 00:01 Uhr, erhalten fünf Performancegruppen – keine davon besteht aus mehr als vier Personen – genauere Anweisungen für eine Darbietung, die sie achtzehn Stunden später zur Aufführung bringen sollen: Zitate zweier Redner des „Woodstock“-Happenings bilden den inhaltlichen Ausgangspunkt für die sogenannten Spielplatz-Performances, deren Dauer auf jeweils maximal dreißig Minuten begrenzt ist. Jede Gruppe bekommt einen Raum auf dem Gelände zwischen Pathos Transport Theater, Schwere Reiter Straße und den Ateliers an der Dachauer Straße zugewiesen. Pünktlich um 18:30 Uhr erwartet Projektinitiator Jörg Witte das Publikum und führt durch den Abend.
Promenade, Pathos Transport Theater:
Ein monotones Gitarrenriff mit hölzernem Sprechgesang als Ouvertüre: Das passt zum kärglichen Raum mit seinen unverputzten Wänden und nackten Betonpfeilern. Ein junger Rapper verkündet: „Dieser Lärm ist Poesie“. Ist das die vorauseilende Entschuldigung für den mangelnden Sprachfluss? Als nächstes rezitiert Peter Radtke – Regisseur, Autor und Vorsitzender der „Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien“ – den österreichischen Lyriker Erich Fried: „Es ist was es ist/ sagt die Liebe“, dazu lassen die übrigen Performer einen mit Glitter gefüllten, goldenen Ballon anmutig durch die Luft tanzen. O-Töne vom Band erklingen, wohl im Verlauf des Tages Passanten entlockt: verschiedene Sichtweisen auf die Liebe – philosophisch, sexuell, irrational. Peter Radtke legt noch ein Zitat drauf: „Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt“. Einstein. Jetzt wird die goldene Gummikugel dem Publikum zugespielt und artig zurückgestupst. Gerade als sich ein Ballspiel entwickeln will, funkt ein Performer dazwischen und zerpiekst den Ballon mit einer Nadel. Es knallt und glitzert, aber nicht laut und blendend genug, um über einen sehr zusammengeschusterten und phrasenfetten Auftakt hinwegzutäuschen. Nix wie weg – und schnell weiter.
Promenade, Atelier:
Robin Arthur und Tim Etchells von der renommierten Künstlertruppe Forced Entertainment aus Sheffield sitzen an zwei Tischen, dem Publikum zugewandt. Vor ihnen liegt ein ganzer Wust bedruckter Zettel, unter anderem mit den dem Projekt zu Grunde liegenden Zitaten des Quantenphysikers Hans-Peter Dürr und des kongolesischen Tanzperformers Faustin Linyekula. Zu Beginn tragen Arthur (Dürr) und Etchell (Lineykula) die Texte verbatim vor. Sie beginnen von Neuem, doch diesmal geraten einzelne Begriffe und Satzbausteine durcheinander, aus „matter doesn’t exist“ wird „Kongo doesn’t exist“, Dürr versteht kein „atom of French“, und Gott stellt sich als Choreograph und Nuklearphysiker in einem vor. Wie mit einem Rubikwürfel hantieren Arthur und Etchells mit den Zitatvorlagen, sinnentfremden sie immer weiter, bis von deren Ernst und Sinn nichts mehr übrig ist. Die Idee, die beiden Texte so offensichtlich zu verwerten, mag ein wenig uninspiriert sein, die Umsetzung strotzt aber vor Spontanität, Kreativität und Witz. Das Publikum applaudiert lange und frenetisch, was die beiden Künstler sichtlich irritiert.
Promenade, Pathos Büro:
Im weiträumigen, stimmig ausgeleuchteten Büro des Pathostheaters sitzen die vier Performer um einen Tisch. Zettel, Weinflaschen und Essensreste liegen darauf verstreut, es sieht nach achtzehn durchkonferierten Stunden aus, von denen scheinbar nicht alle kreativ ergiebig waren. Genau das macht die Gruppe zum Gegenstand ihrer Performance: Mechanisch wiederholen sie immer wieder einzelne Fragen, die in ihrem Bezug manchmal leicht die Zitatvorlagen streifen („Würde Faustin Linyekula mit mir tanzen wollen?“), öfter willkürlich sind („Kommt morgen der Weihnachtsmann?“). Meistens aber verdeutlichen sie den wohl schweren Entstehungsprozess der Inszenierung: „Warum konnte ich heute nicht ausschlafen? – Will ich hier sein? – Hätte ich wissen müssen, dass ich als Schwarzer nicht einfach Passanten ansprechen darf“? Schließlich fangen die Performer an, durch den Raum zu rennen. „Ist es möglich jeden Zuschauer zum Laufen zu bringen“? Es ist nicht möglich. Nur zwei, die sich nicht wehren können, werden auf einer Couch mit Fußrollen durch das Büro geschoben. Als die Konstruktion unvermittelt zusammenbricht, reagiert das Theater nicht nur kurzfristig, sondern sofort: „Ist das Sofa kaputt?“
Promenade, Probebühne Schwere Reiter:
Der Putz bröckelt von den Wänden, grüne und blaue Scheinwerfer tauchen den Raum in eine gespenstische Atmosphäre. Jede Menge Elektronik. Vor den beiden Musikern des Experimentalduos 48nord türmen sich die Sampler, Mischpulte und Computer. Auf zwei Bildschirmen ist eine undefinierbare grauweiße Pixelmasse zu sehen. In der Mitte steht jemand im weißen, fluffigen Kaninchenganzkörperkostüm. Das Kaninchen singt: „O Papagei, wie grün sind deine Federn“. Dann, Kakophonie-Attacke der beiden Musiker. Ohrenbetäubend. Auf einem dritten Bildschirm erscheint ein Pixelhase, rennend, sich zu Boden werfend, verzweifelnd gestikulierend. Das echte Kaninchen macht es nach. Tele-Gym im Irrenhaus. Plötzlich wird es ruhig, sanfte Musik erklingt. Das Kaninchen will tanzen, sucht sich einen jungen Mann aus dem Publikum. Eng umschlungen wiegen sich die beiden im Takt. Seltsam, wie rührend das ist. Dann wieder „O Papagei“, Lärmwand, noch ein langsamer Tanz. Weiß der Henker, was sich die Performer hierbei gedacht haben, aber eindrucksvoll ist das allemal. So ungefähr muss es im Kopf von David Lynch aussehen.
Promenade, Feinspeiserei:
Bevor es losgeht, verteilen die Performer Bier und Wein. Wollen sie das Publikum kaufen? Auf der Bühne ist nämlich nicht viel los. Drei Schauspielerinnen und eine Sängerin fallen einander ins Wort, keifen herum und reden über München. Dazu druckt man Falschgeld und schnippt Edelsteinplagiate von der Bühne. Allein Hildegard Schmahls sympathisch schrulligem Spiel ist es zu verdanken, dass die Belanglosigkeit der Darbietung zumindest unterhaltsam gerät.
Promenade, Fazit:
Ein ernstzunehmender Test für die Reaktionsfähigkeit des Theaters auf aktuelle gesellschaftliche Debatten ist das Spielplatz-Experiment nicht, dazu sind die inszenatorischen Vorgaben zu überspitzt formuliert und die zeitlichen Einschränkungen zu extrem – was sowohl die Dauer der Performances als auch das Zeitfenster für deren Konzeptionalisierung anbelangt. Die von Jörg Witte ausgesuchten Zitate werden dementsprechend meist nur oberflächlich in die Darbietungen miteinbezogen. Man merkt den Künstlern an, dass sie sich noch auf einer Baustelle befinden. Doch es ist gerade das Unfertige, das Fragmentarische, das Willkürliche, das den Abend letztendlich so unberechenbar und damit angenehm kurzweilig macht.