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Wenn die Kunst bezahlen muss Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Barnabas Szöcs  am  1. Dezember 2009

Wer sich durch den Münchner Hauptbahnhof schlängelt, muss stets darauf gefasst sein, jeden Moment etwas ungewöhnliches zu erleben: strittige Streitigkeiten, trinkende Trinker, predigende Prediger, bettelnde Bettler, pöbelnde Pöbler, oder praktizierende Praktikanten, die mit Aufnahmegerät, Notizblock oder Mikrofon händeringend nach Antworten für ihre Umfragen suchen. Eine ständige Reizüberflutung. So auch gestern gegen 16 Uhr.

Die Bühne der Passantenbeschimpfung Foto: Barnabas Szöcs
Die Bühne der Passantenbeschimpfer Foto: Barnabas Szöcs

Ein bisschen Kultur wäre jetzt genau das Richtige, um die angeschlagenen, von Umfragen und Predigten ausgelaugten Passanten wieder aufzubauen, zu beruhigen, und vielleicht sogar zu berühren. Man könnte den Bahnhof etwa permanent mit klassischer Musik berieseln. Vielleicht ein wenig Chopin, während man am Bahnsteig wartet. Oder Maria Callas, die jeden Biss von der Rostbratwurst begleitet. Wie wäre es mit Bildern und Gemälden überall am Bahnhof verteilt. Bunte Installationen, von der Decke herunterhängende Skulpturen oder kleine Gedichte, die an Säulen und Wänden befestigt wären. Der kleine Kulturhappen für zwischendurch: aufheiternd, anspruchslos, abwechslungsreich. Vielleicht macht es sogar nachdenklich, wer weiß?

Nachdenklich machte gestern auch die Wiener Theatergruppe „God’s Entertainment“ mit ihrer Performance. Peter Handkes Theatersprechstück „Publikumsbeschimpfung“ –1966 uraufgeführt und darauf bedacht, allein mit Sprache die Rolle des Publikums in der Inszenierung zu thematisieren – wurde von der Gruppe für den öffentlichen Raum „adaptiert“ und entsprechend in „Passantenbeschimpfung“ umbenannt. Was das grob bedeutet? Man nehme irgendwelche Freiwillige, vergüte sie mit fünf Euro, verkable sie, stelle ihnen ein Gruppenmitglied als Digitalkameramensch und Aufpasser an die Seite und schicke sie dann los, um fünf Minuten lang Sätze aus Handkes „Publikumsbeschimpfung“ in einem nur kleinen Bereich des Bahnhofs zu verkünden.

„Fünf Minuten für die Kunst – Fünf Euro für die Geldtasche“ – so zumindest der Ansatz. Ein wenig Nachhaltigkeit an einem Ort, wo sonst nur Flüchtigkeit herrscht. Was noch wichtiger ist: Die Trennung von Darstellern und Zuschauern wird so aufgehoben. Wenn das Publikum nicht zur Kunst kommt, dann kommt eben die Kunst zum Publikum, ob gewünscht oder nicht. Auch gut. So schwärmen die Vorleser – zumindest schon mal fünf Euro reicher – aus, um das Verhältnis von Darsteller und Publikum neu zu definieren. Die Hobbyperformer gehen mit Leidenschaft an die Sache, lesen aus der „Publikumsbeschimpfung“ lautstark vor, gewinnen ab und an einen Passanten, der stehen bleibt und sich geduldig – ja sogar kopfnickend – anhört, was die verkabelten Menschen denn so zu sagen haben. Eine junge Dame nimmt das ganze noch wörtlicher als alle anderen und feuert ihre Handkesalven auf zwei unschuldige Bahnpolizisten ab, die, von soviel Kultur ganz bewegt, nach etwa 20 Sekunden den Standort wechseln.

Aber schöne Worte alleine genügen vielleicht in einem Theater, wo der Zuschauer akustisch alles einwandfrei mitbekommt. Auf einem belebten, lauten Bahnhof bedarf es schon etwas Technik, um die Botschaft auch verständlich zu vermitteln.

Kameras und Mikrofone sollten es richten und so konnten Interessierte an zwei Flachbildschirmen verfolgen, wie sich die Vorleser ihre fünf Euro verdienten. Über Lautsprecher sollten die Stimmen der breiten Masse zugänglich gemacht werden. Sollten. Lediglich einzelne Wortfetzen drangen verständlich durch, der Rest klang wie eine schlecht übertragene Rede von Fidel Castro. Flimmernde Bildschirme und stark verwackelte Bilder machten auch den optischen Part letztlich unbrauchbar.

Was blieb? Das Publikum lernte, dass es besser ins Theater geht, wo es wenigstens alles versteht. Und die Darsteller? Ein wenig Handkelektüre und die Möglichkeit, den Bahnhof mit der eigenen Stimme behallt zu haben. Immerhin. Ob was von Handke übrig war? Ob dieser Tag der Kunst nutzte? Wen interessiert das schon, fünf Euro sind schließlich fünf Euro.

Barnabas Szöcs / Florian Altenhöfer

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