Es ist eine sternklare, kalte Nacht. Und ich bin aufgelegt zu Abenteuern. Mein Treffen mit den Urbanauten steht bevor. Ein Adrenalinstoß, ein Frösteln, ein nervöser Blick auf den Handybildschirm. Ich stehe vor dem Nationaltheater. Es wird der erste flash mob meines Lebens sein. Und irgendwie ist es wie mit dem Überraschungsei: Spannung, Spiel und – na ja, für die Nervennahrung musste ich doch selbst sorgen.
Plötzlich klingelt es überall auf dem Platz und 100 Leute setzen sich gleichzeitig, fremdgesteuert wie in einem Science Fiction, in Bewegung und in Richtung Residenztheater. Der Auftakt zum großen selbstinszenierten, realen Drama. Nur ich hab noch keine weisungsgebende sms erhalten. Na ja, macht ja nix. Ich folge einfach beherzt dem Schwarm.
Im Foyer des Resis werden wir instruiert – per Powerpointpräsentation. Plötzlich ist alle Aufregung verschwunden Wir sind also doch nicht in irgendeinem James-Bond-Film, es ist nicht meine mission impossible. Wir sind immer noch in Deutschland; und alles muss seine Richtigkeit haben. Wir werden darüber aufgeklärt, dass wir allein für unser Handeln verantwortlich sind. Auch wenn wir jetzt gleich auf sms-Geheiß hin als Schwarm ausziehen sollen. Jawoll, meine Herrn!
Während ich den anderen auf die Straße folge, ist die Lust erstmal verflogen. Plötzlich scheint es doch eine doofe Idee gewesen zu sein. Was finden die Menschen eigentlich in New York an diesen Aktionen? Das Youtube Video, auf dem plötzlich einfrierende Menschen in der Grand Central Station zu sehen sind, erschien spektakulär, witzig und innovativ! Das hier ist eher dröge.
Da brummt die nächste sms ein. Wir sollen jetzt so richtig fies schwarmmäßig eine Tram 19 in Richtung Pasing besetzen und eine Idee abliefern, was wir als Schwarm dort so anstellen könnten. Da mir nichts Kreatives einfällt, außer „Oh Tannenbaum“ zu singen, behalte ich meine Idee lieber für mich und blicke stumm um mich. Wenig später wird allerdings klar, dass andere auch nichts Besseres wussten. Drum werden wir genötigt, „Alle Vögel sind schon da“ zu singen. Plötzlich ist zwischen Stachus und Hauptbahnhof Wiesn. Amüsieren und gleichzeitig ärgern kann ich mich darüber, dass keinem die vierte Zeile des Kinderliedes einfällt, woraufhin alle die erste wiederholen. Na ja.
Zum Gruppenfoto vor dem Hauptbahnhof dürfen wir, der Schwarm 03, dann auch endlich aus der unangenehm vollen Bahn. Das war’s – denke ich und bin einigermaßen enttäuscht. Doch da piept’s schon wieder von überall her; und wir schwirren in Richtung Karstadt. Es ist kurz vor acht und das Kaufhaus ziemlich ruhig und leer. Bis wir kommen. Vier Stockwerke hinauf, über Rolltreppe, entgegen der Fahrtrichtung. Da werden sogar die in Standbymodus versunkenen Verkäuferinnen noch mal wach.
Als wir wieder nach draußen kommen, scheint das Experiment endgültig gescheitert. Vom Schwarm, der schützenden Gruppe, dem großen Wir-Gefühl, das wir hier erleben sollten, ist nicht mehr viel übrig. Einige haben den Aufzug genommen, andere stecken noch im vierten Stock. Manche haben die Karstadt-sms erst gar nicht erhalten und lümmeln noch auf dem Tramgleis herum. Der versprengte Resthaufen macht lange Gesichter. Bis jemand voller Enthusiasmus, das gezückte Handy in der Hand, verkündet, es ginge jetzt zu den Schließfächern im Hauptbahnhof. Hinterste Ecke, dicht zusammen drängeln, schweigen. Das ist doch mal was! So richtig auf dem Höhepunkt der Absurdität angekommen, entfaltet diese Situation unglaublichen Situationswitz. Sehr dreiste Schwarmianer machen jetzt noch Bilder von schweigenden Erwachsenen, die verstockt und mit groß aufgerissenen Augen, die Hände in den Manteltaschen vergraben, lemminghaft in einer abgeschiedenen Bahnhofsecke herumlümmeln. Das Leben ist einfach ab und zu doch großes Theater. Ich muss darüber nachdenken, was ich antworten sollte, wenn mich jetzt jemand fragte, was ich hier mache.
Ich wundere mich still, sauge den einzigartigen Moment in mich auf, als ein langgezogenes Ohm und ein Mmh und ein Uh durch die Schließfächer weht. Der Klang hebt an, da erblicke ich die Nachricht: Fangt an, zu summen und bewegt euch in Richtung des Faches 4042. Ferngesteuert tappern wir nach vorne. Als Gruppe, geordnet, keiner drängelt. Ich erblicke schon von Weitem, dass da einer was gefunden hat. Gerade in diesem Moment fühle ich mich doch als Verschworene. Ich habe diesen einen Moment von Spannung und Kindergeburtstag. Da hat doch tatsächlich jemand für mich was versteckt. Überraschungseier ?! Als ich an dem Fach vorbei komme, hält man mir einen Eimer mit tiefroten, langstieligen Rosen hin. Ich darf mir eine nehmen. Ich bin glücklich. Als wir dann aufgefordert werden, uns vor der Überwachungskamera auf der Brücke zum Burger King zu versammeln und mit der Rose in selbige zu winken, tue ich das gern. Ich fühle mich gut als Mitglied im Schwarm 03. Und weiß: Mission bestanden.
Ich hab schallend gelacht….guter Text!