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Mit Verzweiflung durch die Leinwand Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Nicole Baumann  am  4. Dezember 2009

Er hat ein blaues Auge. Es steht ihm gut. Passt in das verschreckte Gesicht dieses zierlichen Mannes mit blauer Baseballkappe, der auf der Flucht ist. Vor sich selbst. Vor der Verantwortung. Vor der Zeit. Vor Gefühlen, die zu sehr ins Herz gehen. Der Performancekünstler Colin Gee verkörpert diesen namenlosen Mann in seinem Film Dakota und auf der Bühne der Blackbox des Münchner Gasteig.

Der Mann ist Kraftfahrer, was den Film zwangsläufig zum Roadmovie werden lässt. Die typische Weite amerikanischer Landschaften, offener staubiger Straßen, sind die beherrschenden Bilder des Kurzfilms. In dieser Weite versucht er, sich und seiner Familie mit illegalen Frachtaufträgen einen Unterhalt zu erwirtschaften und gerät dabei in eine Zwickmühle aus Zeitdruck, Gewissenslast und Trauer über Abwesenheit. Die Sehnsucht nach familiärer Idylle, nach der Nähe zu seiner Tochter, erzählt er in Rückblenden, die Gedankenfetzen gleichend auftauchen. Sie begleiten ihn auf seiner Reise, die durchaus komische Elemente beinhaltet: skurrile Begegnungen, kluge Menschenbeobachtungen. Da blitzt der Clown Colin Gee durch, der lange Zeit beim Cirque du Soleil war.

Colin Gee beherrscht seine Mittel. Zeichnet präzise mit Mimik, tänzerischer Körperbeherrschung. Ein Meister der Reduktion. Die eigentümliche Stille, die der Kunstfigur Gees anhaftet, wird gekonnt von seiner Schwester, der Komponistin Erin Gee, aufgenommen. Intim, verhalten, nie ausbrechend webt sie einen Klangteppich und verdichtet dadurch die Distanz, die von diesem Film ausgeht. Gerade in größter Verzweiflung angekommen, der LKW samt Fracht ist verloren gegangen, bricht der Film ab. Nur die Musik bleibt zurück. Dann betritt der Mann aus dem Film die Bühne. Dieser erste Moment ist von großer Wirkung: das Gesicht, die Kappe, der Gestus. Nur die zur Maske stilisierende Schminke und in schwarz gehaltene Kleidung unterscheiden ihn vom Film-Ich – überhöhen ihn zur Kunstfigur. Das markante Gesicht im gleißenden Licht wirkt geisterhaft und faszinierend.

Was Gee dann allerdings in den folgenden 40 Minuten auf der Bühne monologisiert und pantomimisch verklärt darstellt, verliert von Minute zu Minute an Wirkung. Seine Schwester sitzt am Mischpult, steuert ihre surrenden und rauschenden Geräuschflächen zu der Liveperformance Gees hinzu. Bewegung wird Klang. Sprache wird Bewegung. Körper ist Geräusch. Je tiefer Gee in die Form abtaucht, umso mehr verliert er das Publikum. Irgendwie ist das alles leise und behutsam und doch so dicht, dass der Betrachter nicht mehr dazwischen kann. Auf allen Ebenen stellt Gee die Verzweiflung und Gefangenschaft dieses Mannes dar und doch berührt es nicht. Er begibt sich in die Isolation und ist plötzlich ferner, als der Mann auf der Leinwand es war. Am spannendsten ist die beatboxende Schwester, die plötzlich zum lebendigen Bindeglied zwischen Colin Gee und seinem Publikum wird. Jetzt sitzt jeder Ton, jeder Atemzug. Nur hinter die Maske dieser Perfektion lässt er uns nicht mehr schauen. Schade.

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