Der spanische Choreograph Nacho Duato teilt seinen Erfolg mit dem Staatsballett
Bach passt nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern eigentlich immer, eignet sich aber natürlich für die besinnlichere Jahreszeit ausgezeichnet. Auch Nacho Duato passt eigentlich immer. Dance-d’école- und Modern-Dance-Liebhaber kommen bei dem spanischen Choreographen gleichermaßen auf ihre Kosten, und sogar Verfechter des Zeitgenössischen Tanzes können nicht umhin, seiner Bewegungsphantasie einiges Staunen und der Virtuosität Respekt abzugewinnen. Selbst ein von seinen Eltern wahrscheinlich erpresster ostentativ lottriger Halbwüchsiger im Premierenpublikum schielt manchmal verstohlen durch seine Stirnfransen. Bach und Duato sollte also das Erfolgsrezept des Bayerischen Staatsballetts für die zweite Premiere in der Jubiläumsspielzeit zum 20-jährigen Bestehen heißen, die seit dem Weihnachtsvorabend gespielt wird.
Die Plausibilität ist etwas simpel, aber sie geht auf. Das Bayerische Staatsballett ist das erste fremde Ensemble, das Duato dafür gewinnen konnte, sein 1999 uraufgeführtes Ballett “Vielfältigkeit. Formen der Stille und Leere” einzustudieren. Der zweiteilige Abend ist ursprünglich mit der Compañia Nacional de Danza, dem Madrider Ensemble, dem Duato in dieser Spielzeit ebenfalls seit 20 Jahren vorsteht, entstanden und wurde zur Feier der europäischen Kulturhauptstadt Weimar produziert.
Johann Sebastian Bach hat einige glückliche und wie stets produktive Jahre in Weimar verbracht und sich dann mit einer abenteuerlichen Eskapade, die ihm einen Monat Knast einbrachte, vom ungerechten und uneinsichtigen Fürsten verabschiedet. In seiner Weimarer Zeit entstand zeitgleich zum Tuberkulosetod des erst 19-jährigen Prinzen Johann Ernst, der Bachs Schüler und selber angehender Komponist war, eine der ergreifendsten Kantaten: „Ich hatte viel Bekümmernis“.

Giuliana Bottino, Silvia Confalonieri, Marlon Dino, Foto: Wilfried Hös
Die Sinfonia aus dieser Kantate ist eine Schlüsselstelle in der Choreographie Duatos. Giuliana Bottino, eine quirlige Corps-de-ballet-Tänzerin, die in der allegorischen Funktion der musikalischen Muse besetzt wurde, wird darin vom dunkel und geheimnisvoll lockenden Tod verführt und entgleitet dem Komponisten. Dabei wird die romantisch-klassische „Der Tod und das Mädchen“-Szenerie variiert: Der Tod ist weiblich und barbusig (in hoher Konzentration getanzt von Silvia Confalonieri), und tritt als Rivalin des Mädchens auf. Giuliana Bottino als Verkörperung der Musik ist hier nur ein Bauernopfer des weiblichen Todes, der es eigentlich auf den Komponisten, getanzt vom barock kostümierten Marlon Dino, abgesehen hat. Trotzdem beherrschen nicht Leidenschaft und Eifersucht diese Szenerie, sondern ein beinahe keusches Ringen um Interessen, geführt in einem von äußerer Spannung geladenem, aber wunderbar harmonisch getanztem Pas de trois.
Bach hatte nach der Komposition dieser Kantate noch 35 Jahre zu leben, im Stück aber geht es auf sein Ende zu, nicht ohne das Accompagnement des schönsten Pas de deux des Abends von der elegant-empfindsamen Emma Barrowman, die sogar rückwärts mit in den Nacken gelegtem Kopf rasend schnelle Sechszehntel in eine lotrechte Linie spult, und dem punktgenauen Matej Urban. Das sehr grafisch angelegte Licht (Brad Fields) des zweiten Teils, das bei dunklem Grundtonus von oben blaue Lichtkegel wirft und die Tänzer von der Seite golden anstrahlt, tut ein Übriges.
Eine tiefere Bedeutung kann dabei der Ikonographie auf der Bühne jedoch nicht beigemessen werden. Duato handelt, wie so oft, nach dem Assoziationsprinzip. Der Tod sei eine wichtige Komponente im Leben und Werk des Komponisten, von dessen über 20 Kindern nur wenige überlebten. Dem sollte der zweite Teil des Abends Formen der Stille und Leere Tribut zollen. Also muss auch der Komponist nochmals sterben, wozu dessen von der Decke schwebender Lebensfaden mit allzu erklärender Geste abgerissen wird. Dann klettern die personifizierten Werke in das zuvor wie eine stilisierte Endzeitorgel wirkende Gerüst des Bühnenbildners Jaafar Chalabi und ordnen sich zwischen den Stahlrahmen notengleich zu ewigem Leben. Solche Bilder sind eigentlich zu plakativ um schön zu sein.

Fitnesstraining für die Ewigkeit. Foto: Wilfried Hösl
Im ersten Teil “Vielfältigkeit” gibt es hingegen puren, bedeutungsfreien und energiegeladenen Ensemble-Tanz zu einer bunten Auswahl einzelner Sätze aus Bachs Werken. Duato will seine Lieblingsinterpreten wie Anner Bylsma für die Cellosuiten oder Elizabeth Walfisch für die Sonaten für Violine und Cembalo dabei haben; also kommt die Musik vom Band. Da es sich nicht um eine inhaltlich zwingende Reihenfolge handelt, sondern um ein Vorliebenprogramm, hätte Duato hier gut daran getan, seine Liebhaberobjekte unter den live spielbaren Werken zu suchen. Eineinhalb Stunden Bach vom Band wirkt in einer Staatsoper doch eher schäbig und stumpf. Auch wenn die Lösung einem Nummernprogramm, in dem es um emotionale Assoziationen und meist weniger um die Stücke selbst geht, angemessenen ist.
Dabei wird jedoch niemals über die Musik hinweggetanzt. Rhythmus, Phrasierung und Stimmeinsätze laufen in Tanz und Musik häufig synchron, manchmal werden sogar Harmonik und Schematik der Fugentechnik berücksichtigt, dabei aber nicht durchgehend abgebildet. Duatos Stärke ist es, so vertraut im Umgang mit musikalischen Formen zu sein, dass seine tänzerischen Ergänzungen und Auslassungen selbst Musik werden. So kopiert er selten die Rhythmen, sondern erfindet zusätzliche im Puls der Musik. Auch die Affekte, die er einsetzt, sind nicht tänzerische Umsetzungen musikalischer Mittel, sondern von der Lebenswelt impulsierte, originelle Bewegungsphantastereien. Das führt so weit, dass ihn manchmal sein spanisches Temperament weiter trägt, als es ein Bachbezug erlauben würde. Der optische Ausdruck der Tänzer, die dramatischen Gesten, geflexten Händen, grahamschweren Becken, tiefen Pliés und das viele Schwarz der semihistorischen Kostüme, scheint dann eher nach Musik von Duatos Landsmann Enric Granados zu verlangen.
Duatos vielgefragte Choreographie ist weder ganz konsequent, noch würde sie den Anspruch der Genialität erheben. Sie ist sogar etwas unreflektiert altmodisch und in manchen Teilen leicht epigonal. Da wird wie in Jiří Kyliáns, seines wichtigen Lehrmeisters, Mozartstücken gefochten und gewitzelt (wenn auch weniger in Stummfilm- als in Schattenspielästhetik) und geradeheraus Musik vertanzt. Trotzdem ist “Vielfältigkeit” ein Produkt verspielter Virtuosität und gefühlter Expressivität, wie sie selten in zeitgenössischen Werken zu finden sind. Zudem ein temporeiches Bravourstück, mit dem das Bayerische Staatsballett wieder einmal seine hervorragende Disposition beweisen konnte. Darin spiegelt sich, was das 20. Jahrhundert im Ballett integriert und erreicht hat, ohne seine Existenz in Gefahr zu bringen. Für ein Jubiläum geeignet, aber noch nichts über die Zukunft verratend.