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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Leben, ohne dass es weh tut Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Astrid Kaminski  am  2. März 2010

Faustin Linekula. Foto: Antoine Tempé

Der Tänzer, Choreograf und Regisseur Faustin Linyekula lebt und arbeitet in Kisangani und Kinshasa (Demokratische Republik Kongo). Dort gründete er 2001 die Studios Kabako – ein Netzwerk für künstlerischen Austausch. Seine Produktionen sind regelmäßig auch in Europa zu sehen. Die politische, gesellschaftliche und geschichtliche Situation seiner Heimat beschäftigt ihn ebenso wie die Suche nach einer durchlässigen Präsenz des Körpers und des Denkens. Linyekula eröffnete die Veranstaltungsreihe „Woodstock of Political Thinking“ des Spielart Festivals in München. Aktuell tourt er mit einem Solo, das Raimund Hoghe, der langjährige Dramaturg von Pina Bausch, für ihn entwickelte.

Einer seiner Freunde ist zum Tod verurteilt und sitzt seit Jahren im Gefängnis. Er hatte sich nach dem gewaltsamen Sturz der Mobutu-Diktatur, 1997, den Rebellen angeschlossen. Faustin Linyekula blickt, wie so oft, wenn er überlegt, gleichzeitig in die Ferne und nach innen. Er fragt sich, was aus ihm geworden wäre, wenn er Zaire nicht vor dem Kriegsausbruch verlassen hätte. Auch ein Rebell? Wäre er denselben Weg gegangen wie der Freund Antoine Vumilia Muhuido? Auch wenn die Frage nicht zu beantworten ist, beschäftigt sie Linyekula immer wieder.

In seiner aktuellen Arbeit, der Punkoper „More More More Future“, stellt er die intellektuellen Aufschreie, die der Freund im Gefängnis verfasst hat, mit der Ndombolo-Musik des kongolesischen Popmusikstars Flamme Kapaya ins Zentrum seiner kantigen Inszenierung. „Pop schläfert ein, Punk will wachrütteln.“ Darum habe er die Energie des Nbombolos ins Extrem getrieben, die Texte, die sonst von Autos und schönen Frauen handeln, durch die seines Freundes ersetzt, sagt Linyekula. „Also, sang Zarathustra“, heißt es da, nachdem all die Parolen der Gegenwart zynisch durchlöchert wurden, nachdem dem Publikum klar gemacht wurde, dass hier die „professionellen Stimmungskiller“ am Werk seien. Getanzt wird nur von den Sängern. Die Tänzer vermessen den Bezugsraum nach seinen Widersprüchen. Ihre Körper werden zum empfindsamen Knäuel der Verstrickungen.

Und doch ist Pessimismus allein nicht die Haltung, die dem kindlich schmalen Künstler entspricht. In einem Prinzip des im Mussolini-Italien inhaftierten, kommunistischen Denkers Antonio Gramsci kann er sich finden: „Pessimismus des Intellekts, Optimismus des Willens“. Heiner Müller fasste den Gedanken als Dualismus auf; Linyekula geht es um die Verbindung. Die Warnungen eines aktiven Intellekts sollen die Handlungen bestimmen, ihren Spielraum begrenzen; der Wille den Intellekt in Bewegung halten.

Erwartungen will der Choreograph bestimmt nicht erfüllen. Am wenigsten die vom gebildeten Afrikaner, der in der europäischen Kunstwelt auf der glatten Oberfläche eines ästhetisch-populistischen Diskurs mitmischt und nebenbei eingängige Rhythmen und spektakuläre Körperdynamik produziert. Diese Verweigerungshaltung wird begleitet von einer ungemein ehrlichen Einladung zum Mitdenken, Mitfragen, Mitscheitern. „Wenn die Dinge, die mich bewegen, Desaster sind, dann kann ich sie eben nicht auf der Bühne weglassen.“ Anfang des Jahres hat Linyekula auf der Probenbühne der Comédie Francaise Racines „Bérénice“ inszeniert. Als er den Schauspielern bestimmte Positionen am Boden erklären wollte, mischte sich ein Verantwortlicher mit der Überzeugung ein, diese große alte Tragödie müsse aufrecht stehend gespielt werden. „Aber, wenn die Tragödie das eigene Leben ist“, fragt Linyekula das Münchner Publikum bei der Veranstaltung „Woodstock of Political Thinking“, „wählt man dann tatsächlich die Position?“

„Ich heiße Faustin, ich komme aus der Demokratischen – Lüge – Republik – Lüge – Kongo – gibt es nicht – , ehemals Zaire, ehemals Belgisch-Kongo. Ich bin Geschichtenerzähler“, so eröffnet Linyekula seine Münchener Performance „Cargoship“ und damit ein dreitägiges „Diskurs-Happening“ im Haus der Kunst. Ein ähnliches Projekt, „Radio Okapi“, hatte er 2004 bereits selbst in Paris, Nairobi und Wien veranstaltet. Der Name dieser Performance-Serie ist vom tatsächlich existierenden Sender der UNO und der Schweizer Stiftung Hirondelle übernommen, der von 2001 an eine unabhängige Berichterstattung in der DR Kongo gewährleistete. Bei der Bühnenvariante sollten die Zuschauer die Aufgabe übernehmen, die im akustischen Format dem Äther zukommt: Übermittlung.

In Faustins Geschichte, so kündigt er an, sollen kein Krieg, kein Töten, keine Kindheitsgeschichten vorkommen. Er will mit dem Körper erzählen, denn er sei Tänzer, wiederholt er. Eine Tanzausbildung hat er nie absolviert. Schnell wird klar: Dieses Vorhaben muss scheitern. Nicht weil es ihm an Beweglichkeit, Leichte oder Dynamik mangeln würde, sondern weil das, was er vermeiden will, in seinem Körper gespeichert ist. Es bewegt sich aus ihm heraus, sobald er sich rührt. Ein Echo davon findet sich in Stimmen, die er um sich versammelt hat: Die des nigerianischen Literatur-Nobelpreisträgers Wole Soyinka, des englischen Soziologen Stuart Hall und des kamerunischen Denkers Achille Nbembe. Wie soll der Kontinent mit den labilen Staaten und gekappten Wurzeln funktionieren, fragen sie. Wie an die Vergangenheit vor dem Bruch (durch den Kolonialismus) anknüpfen, und gleichzeitig die Veränderungen, die längst die Identitäten bestimmen, annehmen? Faustin steht dabei schon viel zu lange Kopf, seine Arme und Beine wabern vegetativ in der Luft. Irgendwann schreit er: „Wie soll ich zu meinem Volk zurück, wenn das Blut in Flammen steht, und das Land in Ruinen liegt?“ So muss die Verzweiflung vieler Afrikaner klingen. Im europäischen Theater klingt sie nach Pathos. In diesem Schrei liegt die ganze Spannbreite zwischen dem abstraktem und dem akuten Kunstanspruch der zwei Kontinente.

Nach mehreren Jahren im Ausland, in Kenia, wo er das Tanzzentrum Gàara mitbegründete, und in Europa, wo er inzwischen ein sehr geschätzter Theatermacher ist, der im nächsten Sommer zum zweiten Mal eine Arbeit beim Festival d’ Avignon zeigen wird, kehrte er 2001 in die DR Kongo zurück. Zunächst nach Kinshasa. Dort gründet er ein ideelles Kunstforum, die „Studios Kabako“, benannt nach einem 1994 an der Pest gestorbenen Freund.

Inzwischen gibt es das Forum, allerdings nicht in der Hauptstadt, sondern in der Dschungelmetropole Kisangani, aus der er stammt. Zwei Gebäude konnte er dort schon kaufen: Eines in der Nähe der Universität, das mit Theater und Kinosaal ausgestattet wird, und einem riesigen Studioraum in acht Kilometer Entfernung vom Zentrum. Ein drittes ist mit der Wiener Architektin Bärbel Müller im ärmsten Teil der Stadt in Planung. In seiner Heimat gebe es leider keine Architekten, sondern nur ein paar Ingenieure, erklärt Linyekula. Müllers Auffassung von Gebäuden als Stadtaku-punktur fasziniert ihn. Das Geld für die Studios und für seine Familie, in der er der einzige Verdiener ist, erarbeitet er sich dort, wo Geld ist. Das ist für ihn Europa. „Einen Staat, der sich um solche Zentren oder überhaupt um Kultur oder überhaupt um die Interessen anderer kümmert, gibt es bei uns nicht.“

Dass es nicht ein, sondern mehrere Gebäude sind, ist ihm wichtig. Dezentralisation ist eine seiner Strategien gegen totalitäre, undemokratische Strukturen. Unter Demokratie, macht er nebenbei klar, verstehe er keine Schafe, die wählen gehen, sondern das Prinzip der Wahl. Das bedeute auch: zu wählen, was man opfern muss. Der kompromisslose Denker und behutsame Erzähler weiß, wovon er spricht, denn er könnte in Europa ein angenehmeres Leben haben, anstatt in einer Stadt zu leben, in der ein Viertel der Menschen weder an Trinkwasser noch an Kanalisation angeschlossen ist; in der froh ist, wer sich eine einzige Mahlzeit am Tag leisten kann. „Ich bin inzwischen privilegiert“, sagt Linyekula, „aber das macht meine Situation nur materiell besser.“ Kisangani sei eine katastrophale Stadt. Trotzdem könne man in einer verhältnismäßig sicheren Zeit wie dieser auch ihre Vorzüge genießen: die wunderschöne Lage und den Fluss Lualaba, der beruhigend rhythmisiert.

Wenn Faustin Linyekula mehr Ruhe und einen Ort braucht, um neue Kraft zu schöpfen, fährt er in die Wälder. Dort hört er Jazz, manchmal Mozarts „Requiem“ und liest viel Poesie, was ihm sehr wichtig ist. Adonis ist sein momentaner Lieblingsdichter, der Traum sein liebster Gefährte. Wovon er träume? „Von einem Theater ohne ,Parasitengesten‘ und einem Leben, in dem ich so offen wie im Theater sein kann, ohne dass es weh tut.“ Astrid Kaminski

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