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Blut und Rosen Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Susanne Alder  am  15. März 2010

Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlung/Museum Brandhorst

„Ich fange jetzt mit Pop Art an“, soll Andy Warhol 1960 zu einem Freund gesagt haben. Zwei Jahre später entstanden die ersten Serienbilder von Suppendosen und Dollarscheinen, kurz darauf die verschiedenen, kolorierten Marilyn-Siebdrucke, die mittlerweile zum Inbegriff von Warhols Schaffen geworden sind.

Das Museum Brandhorst im Münchner Museumsviertel besitzt neben solchen Klassikern über hundert weitere Warhol-Werke und ist damit seit seiner Eröffnung im Mai 2009 die wohl größte Warhol-Sammlung Europas. Das erste Bild, das der Besucher sieht, noch bevor er die eigentlichen Ausstellungsräume betritt, ist denn auch ein riesiger Warhol: „Still-Life (Hammer and Sickle)“ aus dem Jahr 1976. Rot und schwarz auf weißem Grund sind die beiden Werkzeuge Hammer und Sichel dargestellt. Alltagsgegenstände simpel in Szene gesetzt, typisch für Warhol. In verschiedenen Räumen im Erd- sowie im Untergeschoss sind Warhols Werke arrangiert, mal für sich stehend, mal in Kombination mit Arbeiten anderer Künstler. Manches wirkt noch etwas durcheinander gewürfelt. Jeff Koons kleine Skulptur AMORE wirkt zwischen Warhols Bilderserie LADIES AND GENTLEMEN, für die afroamerikanische Drag-Queens Model gestanden haben, und Damien Hirsts überdimensionalem, gläsernen Pillenschrank ziemlich verloren.

Das Museum ist sehr großzügig und vor allem schlicht konzipiert. Auf drei Ebenen mit einer durchschnittlichen Raumhöhe von neun Metern ist gut ein Viertel der über 700 Werke umfassenden Sammlung ausgestellt. Alle Säle haben weiße Wände und Dielenböden aus dänischem Eichenholz. Auch die breite Treppe, die die Etagen miteinander verbindet, ist mit Eichenholz verkleidet. So entsteht eine reine, fast unberührte und vor allem zurückhaltende Atmosphäre, in der die ausgestellten Werke optimal zur Geltung kommen. Die Räume sind auf jedem Stockwerk anders angeordnet. Schon das Gebäude selbst gilt als innenarchitektonisches Kunstwerk. Neben den beiden beeindruckenden Twombly-Sälen fällt besonders der 460 Quadratmeter große Patio im Untergeschoss auf. Daran anschließend sind in einer Blackbox Videoinstallationen unterschiedlicher zeitgenössischer Medienkünstler zu sehen. Obwohl es im ganzen Ausstellungsbereich – mit wenigen Ausnahmen – keine Fenster gibt, können nahezu alle Räume mit Tageslicht beleuchtet werden. Mit transparentem Kunststoff bespannte Elemente bilden Lichtdecken, die die von außen kommende Helligkeit und das hinter der Decke verborgene Kunstlicht gleichmäßig verteilen. Ein aufwändiges Lamellensystem leitet das Tageslicht gebündelt auch über die Seitenwände in das Innere des Museums.

Nicht nur im Innern des Museums werden künstlerische und handwerkliche Parameter geschickt miteinander kombiniert. Bereits die Außenansicht macht klar, dass beim Bau viel Wert auf Ästhetik und technische Raffinessen gelegt wurde. 36 000 bunte Keramikstäbe sind senkrecht auf der Fassade angebracht. Sie schillern – je nach Lichteinfall und Position des Betrachters – in dreiundzwanzig verschiedenen Farben. Aus der Ferne wirkt die Fassade wie eine Fläche aus irisierenden Farbfeldern. Von Nahem teilt sie sich in ihre Einzelfarben auf, die unregelmäßige Oberflächenstruktur wird sichtbar. (Die Sammlung Brandhorst gleicht bereits von außen einem abstrakten Kunstwerk und macht damit unübersehbar auf die Funktion des Gebäudes als Kunstmuseum aufmerksam.)

Neben Andy Warhol liegt der Schwerpunkt der Sammlung von Udo Brandhorst und seiner verstorbenen Frau Anette auf Cy Twomblys Werk. Nur Houston (Texas) besitzt mehr Arbeiten des Amerikaners als die Münchner. Eigens für Twomblys Lepanto-Zyklus, den er 2001 für die Biennale in Venedig geschaffen hatte, wurde im Obergeschoss des Museums ein Saal entworfen. An der elliptisch gewölbten Wand sind zwölf abstrakte Werke zu sehen, die sich auf die historische Seeschlacht bei Lepanto im Jahre 1571 beziehen.

Damals konnten die Mittelmeermächte mit Spanien an der Spitze in einer verlustreichen Schlacht den ersten Sieg gegen das Osmanische Reich erzielen. Steht der Besucher in der Mitte des halbkreisförmigen Raumes, erblickt er ein beeindruckendes Panorama. Mit einer ein-igen Kopfbewegung kann er den dramatischen und wechselhaften Ablauf des Flottenkampfes miterleben. Wie die Schiffe sich einander nähern und schließlich aufeinanderprallen. Überall Blut und Flammen. Die Schlacht fand an einem besonders sonnigen Tag statt. Das Licht spiegelte sich auf der Wasseroberfläche. Twombly erzeugt diese starken Gegensätze mit leuchtenden Farben und ineinanderfließenden Linien; es ist fast so, als würde man Fotos von der Schlacht anschauen, so lebensnah und präzise stellt der Zyklus das damalige Geschehen dar.

Auch die weiteren Räume der oberen Etage sind Cy Twombly gewidmet. Während der Bauzeit war der 81-jährige Künst-ler selbst vor Ort, um die Räumlichkeiten zu begutachten und an deren Gestaltung mitzuwirken. Für den zweiten großen Saal hat er sechs überdimensionale Rosen-Bilder gemalt. Inspirationsquellen waren unter anderem Gedichte Ingeborg Bachmanns und Rainer Maria Rilkes. Die jeweiligen Verszeilen hat Twombly in seiner unverkennbaren Krakelschrift zwischen die Blumen geschrieben. Rot, Blau und Gelb erstrahlen die Rosen, und mit ihnen der gesamte Saal. Die starken Farben knallen auf den Besucher nieder, kreisen ihn förmlich ein. Obwohl das Haus gut besucht ist, ist es leicht, sich in diesem Moment verloren zu fühlen. Susanne Alder

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