Einen Koch sucht man im Autorenverzeichnis vergeblich, Rezepte und Zutaten gibt es auch nicht. Mengenangaben? Fehlanzeige. Dafür aber bietet Ist man, was man isst? jede Menge Bilder von lukullischen Speisen in allen Formen und Variationen, zubereitet und angerichtet von den besten Filmemachern: Leckere Spaghetti von Stanley Kubrick („A Clockwork Orange, 1971“), knackige Maiskolben von Charlie Chaplin („Modern Times“, 1936), verführerischer Honig und gelierte Kirschen, serviert auf Kim Basingers Zunge in Adrian Lynes „9 ½ Weeks“ (1986). Bereits auf dem Titelbild scheint uns Louis de Funès erwartungsvoll zu fragen: Brust oder Keule?
Essrituale lautet der Titel des Buchs der Herausgeber Anton Escher und Thomas Koebner, die von Ethnologen, Soziologen und Filmwissenschaftlern in 13 Artikeln näher beleuchtet werden. Die neue kultur- und medienwissenschaftliche Reihe „Projektionen“ (edition text + kritik) verbindet Kultur- und Natur-Phänomene mit dem Medium Film und erläutert anhand ausgewählter Beispiele, wie soziokulturelle Bewandtnisse im Film dargestellt werden, und was sie bedeuten (könnten). Ess-Szenen sind symbolische Akte, konnotierte und aufgeladene Handlungen, die – besonders in der filmischen Darstellung – weniger mit Speisen und ihrer Zubereitung an sich zu tun haben (weshalb auch kein Chef de Cuisine als Autor fungiert), dafür umso genauer auf gesellschaftliche Zusammenhänge und zwischenmenschliche Beziehungen und Hierarchien verweisen. Dabei schrecken die Autoren auch vor Themen wie Ekel, Völlerei und Fressorgien nicht zurück, entsprechende filmische Beispiele existieren schließlich genug.
Im Vorwort nennt Filmwissenschaftler Thomas Koebner die sechs Säulen des Buches, an denen sich alle enthaltenen Essays entlang hangeln: Ort, Zeit, Perspektive, Bedeutung, Rituale und die Speise selbst. Verbindet man dies mit Essen im Film, wird schnell klar: kaum eine im Film explizit dargestellte Speise ist willkürlich ausgesucht oder gar unbedeutend für die Rezeption. Die Speisen und das Speisen sind vielmehr Spiegel der Zeit und der jeweiligen Gesellschaft. Und so arbeitet sich das Buch durch die filmhistorische Speisekarte, von „Repas de bébé“ (Brüder Lumière) aus dem Jahr 1895 bis zu aktuellen Beispielen wie Sam Mendes’ „Revolutionary Road“ (2008). Die hervorragende Filmauswahl integriert so gut wie jedes vorhandene Genre.
Norbert Grob und Bernd Kiefer weichen in ihrem Beitrag „In der Bar – Elf Situationen aus elf Filmen“ leicht von der eigentlichen Thematik des Essens ab, um sich Bar und Tresen zu widmen, den Orten, an denen sich sogar „Schicksale entscheiden,“ wie in Casablanca (1942) zwischen Ingrid Bergman und Humphrey Bogart oder in My Darling Clementine aus dem Jahr 1946, in der die Fehde zwischen Henry Fonda und Victor Mature am Tresen statt mittags auf offener Straße ausgetragen wird.
Carsten Bergemann widmet Altmeister Stanley Kubrick gar einen kompletten Artikel, beginnend mit „Full Metal Jacket“ (1987) und der gewagten These, dass dies Kubricks letzter Film war, in dem gegessen wurde. Hintergrund: Der korpulente Soldat Private Pyle (Vincent D’ Onofrio) verspeist unerlaubt einen kalorienreichen Donut, was die Bestrafung seiner Kameraden zur Folge hat, die sich ihrerseits am nächsten Abend durchaus schmerzhaft an Pyle rächen. Danach, so Bergemann, wandelt sich Pyle in einen Mustersoldaten, einen „Tötungsautomaten“, der das Ende der Menschlichkeit in allen weiteren Kubrick-Filmen einleitet. Das Verzehren von köstlichen Speisen, Lust und Genuss am Essen als Versinnbildlichung des Lebens, wird es in den folgenden Werken Kubricks nicht mehr geben. Mit dem Donut kommt das Ende der Menschlichkeit. Besonders verifizierbar scheint die These allerdings nicht, da Kubrick nach „Full Metal Jacket“ nur noch „Eyes Wide Shut“ (1999) gedreht hat, bevor er im Alter von 70 Jahren starb.
Essen und Speisen als Sparte ist ein dankbares Thema. Ekel etwa, so argumentieren Manuel Koch und Michelle Koch, stellt für den Rezipienten einen gewissen Reiz dar, weil das Geschehen auf der Kinoleinwand stattfindet und das Verspeisen von (teils subjektiv gesehen) abscheulichen Nahrungsmitteln gleichzeitig auf eine soziokulturelle Bewandtnis schließen lässt oder gar als Machtinstrument genutzt wird. Eines der widerwärtigsten Beispiele für Ekel und Essen im Film liefert ohne Zweifel Pier Paolo Pasolinis „Salò o le 120 giornate di Sodoma“ aus dem Jahr 1975, wenn Menschen zur Koprophagie erniedrigt werden.
Essen als Selbstdarstellung, als Demonstration von Macht oder als Objekt der Lust: die kulturwissenschaftliche Bandbreite von Essen im Film könnte noch viele leere Seiten füllen. Dieses Buch jedenfalls stimuliert die Filmgeschmacksnerven, erläutert Filmtheorien anhand der Beispiele verständlich und regt an, sich die ausgewählten und behandelten Filme anzusehen, selbst wenn einige (detailliert) beschriebene Szenen doch etwas schwer im Magen liegen.
Barnabas Szöcs
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Escher, Anton / Koebner, Thomas (Hrsg.): „Projektionen: Ist man, was man isst? – Essrituale im Film“. edition text + kritik. München 2009. 231 Seiten, 26 Euro.