Respektlos und fern jeglicher Idee eines Kanons ist schon die Auswahl der Meisterwerke: Da steht „Faust II“ neben „Hase und Igel“, „Per Anhalter durch die Galaxis“ neben dem „Nibelungenlied“, die „Bibel“ neben „Jugend ohne Gott“. Eine Seite mit maximal acht Bildern muss reichen, um das subjektiv wichtigste Buch oder Theaterstück darzustellen – als Comic.
Beeindruckend sind vor allem jene, die sich von Inhalt und Erzählweise der Vorlage lösen, die nicht nach, sondern neu erzählen. Schlaglichtartig greift etwa Stefan Dinter Momente aus „Der Hund von Baskerville“ heraus – Bilder, wie sie beim Lesen im Kopf aufflackern und wieder verschwinden: drei schemenhafte Gestalten im Mondlicht, ein Fläschchen Phosphor, eine Leiche im Feld, im Vordergrund über mehrere Panels hinweg ein Mann im Profil. Bruchstückhafte Erinnerungen verschwimmen hier und setzen sich wie auf einem Filmplakat wieder zusammen. Nicht alle beteiligten Künstler schaffen diesen Sprung zu einer eigenen Erzählweise. Immer wieder gerät einigen Künstlern das 8-Bilder-Tableau zu einer – notwendig ausschnitthaften – Nacherzählung. Diese ist mal einfallslos, mal sehr charmant, wie bei Isabel Kreitz‘ „Buddenbrooks“.
Von der Flut an Publikationen, die versuchen, jeden Bereich künstlerischen oder sonstigen Schaffens auf ein leicht verdauliches Mittelmaß herunter zu brechen, hebt sich dieser Comicband wohltuend ab. Die kurzen Bildersequenzen können und wollen keinen billigen Ersatz für das jeweilige Werk bieten. Sie sind eher Anregung, Aufforderung, das Original wieder – oder endlich einmal – zur Hand zu nehmen. Manchmal raten sie davon auch dringend ab! Obwohl die Herausgeber, das Comiclabel Moga Mobo, mit der starren Seiteneinteilung ungewöhnlich enge Vorgaben gemacht haben, gibt der Band einen Eindruck von der Vielfältigkeit und Ausdrucksstärke einer immer noch oft stiefmütterlich behandelten Kunstform.
Einzigartig bleibt der Beitrag von Marc Herold zu „American Psycho“: Sieben Bilder, die in ihrem harten Schwarzweiß-Kontrast an die plakative Optik einer bebilderten Gebrauchsanweisung erinnern, zeigen in Nahaufnahme: Zähneputzen, Haarewaschen, Rasieren. Auf dem achten sieht man, nun in einem weicheren Stil gezeichnet: einen Mann. Er hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand. Der Titel: „American Psycho“.
Cornelia Fiedler
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Moga Mobo: „100 Meisterwerke der Weltliteratur“. Ehapa Comic Collection/ Egmont, Köln 2009. 112 Seiten, 9,95 Euro.