Eine Legende zu sein, das ist eine Bürde. Als Legende wird man beschrieben, besungen, bedichtet, bis nicht mehr viel übrig ist vom wahren Kern des Legendentums. Nur wenige Legenden haben es soweit gebracht, dass sich sowohl Disney als auch Mel Brooks als auch Kevin Costner an ihnen ausgetobt haben. Robin Hood ist aber dermaßen legendär und populär, dass jeder Generation zumindest eine Neuinterpretation des Stoffes geschenkt werden muss.
Regisseur Ridley Scott, Epos-erprobt durch „Gladiator“ und „Königreich der Himmel“, hat nun mit Drehbuchautor Brian Helegand, Epos-erprobt durch „The Postman“ und „Ritter aus Leidenschaft“, einen Blick in den ersten Lebenslaufabschnitt des englischen Bogenschützen geworfen: Robin (noch Longstride, nicht Hood) als einfacher Kreuzzügler, noch fern des Sherwood Forest, der aus den Wirren des Krieges in die Querelen von Nottingham hineingezogen wird. König Löwenherz stirbt während der Kreuzzüge. Durch einen Zufall fällt Robin die Aufgabe zu, die königliche Krone in die Heimat zu bringen, wo er an Lady Marian Loxley (Cate Blanchett) gerät, und sie im Kampf gegen den blutrünstig Steuern eintreibenden Königsbruder unterstützt.
Durch diese Schwerpunktverlagerung ändert sich in der Legendengeschichte nur wenig, denn richtige Kerls bleiben nun mal richtige Kerls: Sie schießen mit dem Bogen, schlagen mit der Axt, raufen miteinander und delektieren sich in ihrer Freizeit an süßem Bienen-Met und verschwitzten Dorfmädchen. Die Kulissen, die Schlachten, dies ist freilich beeindruckend ausstaffiert, choreografiert, inszeniert. Da landen die durchtriebenen Franzosen, die nach dem britischen Königreich gieren, an der englischen Küste, wie ein paar Jahrhunderte später die Amerikaner in der Normandie: Kleine Kriegsschiffe mit Klappe vorne dran, die das Soldatenfutter in den Pfeilhagel am Strand entladen, die Inszenierung erinnert an Spielbergs „Der Soldat James Ryan“. Überhaupt ist der Pfeil an sich einfach eine tolle Sache, da kann man es schon verstehen, dass Ridley Scott sich zu einer Kamera-wird-zum-Pfeil-und-fliegt-durch-den-Wald-Aufnahme hat hinreißen lassen.
Russel Crowes Robin: ein bieder-rechtschaffenes Kerlchen mit Prinzipien. Hier werden Versprechen noch gehalten, zur Sicherheit mit Blut besiegelt. Gekämpft wird von Mann zu Mann, immer an der Seite der Schwächeren. Motto: „Sich erheben. Immer und immer wieder. Bis die Lämmer zu Löwen werden“.
Crowe schafft es, dies alles mit nur einem Gesichtsausdruck zu spielen, der aber sitzt: maskulin-süffisant. Flirten ist denn auch eine seiner Stärken, weshalb er Lady Marian bittet, ihm aus dem Kettenhemd zu helfen, bevor er in den dampfenden Waschzuber steigt.
Wie in Gladiator ist der Weg zur Gerechtigkeit ein grausamer. Und natürlich ist der Weg auch immer das Ziel, denn der Kampf für das Gute endet nie.
Der Schluss des Films ist der Anfang der Legende. Nur ein Teil des Unrechts ist geahndet, aber Robin Hood hat seine Mannen und seine Marian beisammen und ist endlich angekommen im Basislager für zukünftige Guttaten und Abenteuer: Im Sherwood Forest zeigt er den Kids wie man Pfeil und Bogen zu handhaben hat. Auf jede Robin-Generation folgt die nächste.
David Steinitz