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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Johanna aus dem Walde Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Barbara Wopperer  am  11. Juli 2010

Foto: Declair

Simon Solberg ist ein Kind des Kinos. Er liebt und verehrt es in all seinen Facetten. Darum spielt er mit diesem Medium, integriert es ins Theater. Das erkennt man in jenen kleinen, starken Momenten seiner Inszenierungen, die dem anderen Medium Respekt zollen. Wenn Solberg eine Bühne auf der Bühne aufbaut zum Beispiel und König Karl mitsamt der Jungfrau von Orleans eine Wahlkampfrede halten lässt, übertragen auf großer Leinwand. Oder wenn er in seiner Inszenierung von Shakespeares sterngekreuztem Liebespaar die Julia in einer Kiste hausen lässt, von einer Kamera aufgenommen und auf eine große Bildfläche projiziert. Er schafft damit Parallel-wirklichkeiten, die die Bühne gar nicht herzugeben scheint.

Also ist es nur konsequent, dass Solberg, ob er nun Italien inszeniert oder Frankreich, den einen Klassiker oder den anderen, stets eindrucksvolle Bilder erschafft. Im Fall von Schillers “Johanna von Orleans” ist dies zunächst ein Meer aus Büschen, ein wogendes Grün, das die Bühne im Volkstheater gänzlich verstellt, aus dem hin und wieder Menschen auftauchen, mal ein König, mal ein nackter Mann, mal eine radschlagende, mal eine fahnenschwingende Johanna. Allein: Es gelingt ihm nicht, diese Bilder mit Leben zu füllen. Seine Johanna (Kristina Pauls) steht die gesamte, knapp bemessene Dauer des Stücks über wortwörtlich im Wald. So klar und strukturiert Solberg seine Bühne einsetzt, den Wald Blumentopf um Blumentopf verschwinden lässt, Zäune einzieht zwischen Frankreich und England, wie er sie schon zwischen Capulet und Montague aufbauen ließ, Räume bis ins kleinste Detail hinein genau ein- und ausbaut, so unscharf geraten ihm seine Figurenzeichnungen. Das ist umso trauriger, als Solberg – selbst Schauspieler – eigentlich mit dem Anspruch antritt, die Stücke um seine Spieler aufzubauen. Statt dessen aber mischt er aus Schillers Jungfrau ein großes Kuddelmuddel englischer und französischer Rollen, von Freund und Feind, bei dem am Ende weder Johanna noch der Zuschauer durchzublicken im Stande ist.

Die Klarheit, die man sich von Solbergs Schiller-Interpretation, in der alle Rollen seltsam farblos bleiben, wünschen würde, gießt er im Übermaß über all jene Ebenen aus, die er dem Stück jenseits der ursprüng-lichen abzugewinnen versucht. So darf denn Jan Viethen (ob als Lionel oder Dunois, weiß man wie auch sonst im Stück nicht so genau) in einer Art Propaganda-Rede sich nicht ein, zwei, oder dreimal, sondern gleich fünfmal versprechen – auch wenn man bereits beim ersten „Afrika äh Frankreich“ begriffen hatte, dass hier der Kolonialismus angeklagt sein soll, der dann zu allem Unnütz auch noch explizit benannt wird. Unausgegoren erscheint Solbergs Inszenierung, zwischen Urvertrauen auf starke Bilder und deren Übererklärung. All zu oft verlässt sich der Regisseur auf filmische Mittel: Klar gelingt es mit stimmungsvoller Musik und mini-malem Spiel zwischen Johanna und Lionel auf einmal eine eindeutig zweideutige Spannung entstehen zu lassen. Was aber bleibt, wenn die Musik verstummt, die Topfpflanzen abgeräumt, die Schlachten geschlagen sind? Herzlich wenig. Schauspieler, die ihre Rollen nicht mit Leben füllen, Schiller-Worte, die kontextlos durch den Raum geistern, eine Johanna, deren sporadisch anmutende Auftritte zwischen krächzendem Geschrei und uncharismatischem Gesäusel torkeln, die stolpert, wo sie irrlichtern müsste.

Solberg präsentiert sich mit der “Jungfrau von Orleans” am Volkstheater einmal mehr als Regisseur mit Vision und Chuzpe, aber ohne klare Linie; als Talent, das es noch zu bändigen gilt. Das Schmerzzentrum der Texte, die er inszeniert, wolle er freilegen, so hat er selbst es einmal formuliert. Noch aber hebt er dabei munter wahllos Löcher aus und schaufelt dabei die eigentlichen Schmerzzentren zu; verschließt, was er an einer Stelle freigelegt hatte, an anderer Stelle mit aus allen Inspirationsquellen zusammengerafftem Dreck. Will Solberg nicht als ewiges Talent enden, muss er lernen, auf seine Stärken zu vertrauen, Bilder nicht nur zu zeigen, sondern sprechen zu lassen. Und er muss der Versuchung widerstehen, scheinbar Abstraktes für den Zuschauer so lange vorzukauen, bis der nur mehr vorverdaute Aussagen vorgesetzt bekommt. Die nämlich schmecken keinem. Barbara Wopperer

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