Die Jugend ist melancholisch geworden. Der Zeltnachbar berichtet traurig, dass er sich zwischen den ganzen Teenagern leider für den ältesten Besucher des Festivals hält. Das ist so lange witzig, bis man feststellt, dass der Zeltnachbar jünger ist als man selbst. Aber ruhig Blut, ganz so minderjährig gestaltet sich das Sonnenrot-Festival dann doch nicht. Dafür ist das Line-Up auch zu bunt gemischt. Jan Delay mit „Disco Nr. 1“ und Maxïmo Park sind die Headliner der beiden Veranstaltungstage, mit denen die Organisatoren nicht viel falsch machen konnten, auch wenn Herr Delay sein Konzert wegen einem Gewitter abbrechen musste („Hey sorry, aber ich will auch nicht sterben“) und bei Maxïmo Park viele Besucher mehr damit beschäftigt waren, sich mit Schlamm zu bewerfen, anstatt zu lauschen. Dabei hatte es doch so schön warm begonnen. Am Freitag trieb es die Menschen an den Echinger See, direkt neben dem Campingplatz, wo ein betrunkener Hase, genauer: ein Betrunkener im Hasenkostüm versuchte, Mädchen kennenzulernen und mit diesen wankenden Ambitionen die Badegäste begeisterte. Auf dem Festivalgelände durchnässte die Feuerwehr die Menge via Schlauch, damit auch niemand einen Hitzschlag bekommt.
Viele deutsche Bands haben die Verantwortlichen gebucht, unter anderem Anajo, Get Well Soon, 2Raumwohung und Tocotronic. Highlight unter den einheimischen Gruppen: Bonaparte. Mehr Zirkusgruppe als Band, tanzen hier mit Tierköpfen maskierte Musiker strippend über die Bühne, die Menge ist begeistert und grölt: „Anti, Anti!“, den bislang größten Hit, bekannt geworden durch den Spielfilm „13 Semester“.
Nach fünf Jahren Bandgeschichte immer noch ein bisschen ein Geheimtipp: die Schweden von Friska Viljor, die die Besucher mehr zum Tanzen bringen, als so mancher Headliner und tatsächlich das schönste Konzert des Festivals geben. Obwohl sie bereits am späten Nachmittag auftreten schleicht so mancher Camper, der noch mit dem Rausch vom Vorabend kämpft Richtung Bühne. Aber so muss es auch sein, auf einem gelungenen Festival, dass plötzlich etwas überspringt auf das Publikum und alle zufrieden grinsen und das warme Dosenbier, die Fünf-Minuten-Terrine und die überquellenden Dixie-Klos vergessen. So hört man erstaunt einen hüpfenden Festivalbesucher seinem Kumpel kurz vor Ende des Auftritts von Friska Viljor brüllen: „Bis grad eben hatte ich Liebeskummer, aber das ist jetzt egal!“. David Steinitz