Auf dem Weg zum Theater rollt ein glühend roter Sonnenball über die Dächer Avignons. Bald wird er hinter den Rändern der Remparts verschwinden. Es ist Mitte Juli, kurz nach acht Uhr abends: Zu dieser Zeit des Tages weicht die Hitze in der Provence einer wohligen Wärme, die sich wie der eigene Atem um den Körper legt und ihn fast schwerelos macht. Der Innenhof des Cloître des Célestins aus dem späten 14. Jahrhundert, altbewährter Spielort des Festival d’Avignon, ist schon beinahe komplett gefüllt.
„En atendant“, das neue Stück der belgischen Choreographin Anne Teresa de Keersmaeker, wartet nicht auf Nachzügler, sondern beginnt pünktlich – eine Ausnahme beim Festival – um 20.30 Uhr. Das ist keine Publikumserziehung, sondern ein choreographisches Mittel. De Keersmaeker hat die verschiedenen Stadien der Dämmerung in ihr Stück, das ganz ohne Kunstlicht auskommt, einbezogen. Die Bühnengestaltung ist ähnlich stark vom Ambiente geprägt: In der Mitte des Innenhofs, zwischen zwei urgroßväterlichen Platanen, umgeben vom trockenen Laub des Vorjahres, markiert ein kaum von der Umgebung sich abhebendes Carré aus gestampfter Erde die Spielfläche. Dieser puristische Umgang mit dem Raum ist die ausschlaggebende Idee von „En atendant“ (altfranzösisch für „Wartend“) und wirkt wie eine Huldigung an die Architektur, die Stadt, die Landschaft und nicht zuletzt das Festival, dessen bunter Lärm immer wieder über die Mauern des Klosters hinein purzelt in das konzentrierte Lauschen des Stückes.
Es ist, als würde aus der verstärkten Präsenz der Steine und der Bäume, dem indirekten, warmen Licht, dem milden Wind und den eifrigen Kommentaren der Zikaden die Poesie der Provence (und ihrer großen Dichter, von Petrarca bis René Char) zu sprechen anfangen.
Die Flöte von Bart Coen, mit der „En atendant“ einsetzt, wird so zum Gefäß für den oft schlaflosen Mistralwind, dessen Nervosität sich einen chromatischen Lauf heraufschraubt und dann plötzlich verebbt, die Luft aber klirrend zurücklässt.
Komponiert hat diese artistisch-musikalische Atemverschraubung aber unabhängig vom provenzalischen Lebensgefühl der ungarische Flötenvirtuose Istvan Matuz. Die Auswahl dieser Komposition und der hauptsächlich den Abend bestimmenden Werke der Ars Subtilior zeugt einmal mehr von de Keersmaekers ausgesuchtem Musikverständnis. Die Ars Subtilior, in deren Zeitraum auch der Bau des Cloître des Célestins fällt, war eine Stilepoche der Musik, die eine intellektuell und rhythmisch höchst komplexe Struktur aufweist und bis zum Ende des 20. Jahrhundert, als manieriert abgetan, fast vergessen war. Der Avignoner Papstpalast galt als wichtiger Förderer ihrer Komponisten – auch in den Tönen ist also die Geschichte des Aufführungsortes anwesend. Die Choreographin hat leise, beinahe darbende Kompositionen ausgewählt, in denen das Warten auf Erfüllung und die Fragen nach dem richtigen Leben anklingen – Musik, die so konzentriert ist, dass sie den Tanz weniger trägt als ihm Vorsicht und Bescheidenheit abverlangt.
Diesem Anspruch werden die fünf Tänzer und drei Tänzerinnen im Zusammenspiel mit den vier Musikern gerecht. Ihre Bewegungen sind leise, eng um die eigene Achse angelegt und in Partner- und größeren Formationen nie pulkartig oder auftrumpfend. Eher suchen sie, weniger fordernd als nachgebend, einen offenen, destabilisierenden Fluss. In einigen sehr schönen Sequenzen werden die horizontalen Körper durch die Stütze der Arme sanft auf den Boden gesenkt, das Ohr kommt dicht an die Erde, der Körper bäumt sich beim Atmen kurz auf und senkt sich erneut zu einem zärtlichen Horchen. „La terre nous aimait un peu je me souviens“ (etwa: „Ich erinnere mich ein wenig liebte uns die Erde“) heißt es in einem Gedicht von René Char, das den Ausdruck dieser Szenen beschreiben könnte.
De Keersmaeker arbeitet dabei nicht mehr wie in ihren älteren Stücken im deutlichen Bezug zu Rhythmus und Phraseneinheiten der Musik. Diese Ebene der Choreographie hat sie anscheinend mit „The Song“ vom letzten Jahr erst einmal abgelegt. Darin hatte sie das für ihre Arbeit vorausgesetzte Verhältnis von Musik und dazu korrespondierendem Tanz umgedreht: Die Basis bildeten die Bewegungen der Tänzer. Die daraus entstehenden Geräusche – als Vorstufe oder Parallele der Musik – wurden von einer Geräuschemacherin interpretiert. Diese Freiheit von musikalischen Vorgaben bestimmt auch „En atendant“. Die Korrespondenz ist vielmehr eine atmosphärische, der man eine starke Beschäftigung mit dem musikalischen Gehalt jedoch unbedingt anmerkt, die also keineswegs rein emotional gelagert ist.
Dennoch ist diese neue Art von Dialog, der de Keersmaeker auf der Spur ist, bislang nur durch Andeutungen und die große Konzentration der Suche anwesend. Ihr zweiter Beitrag zum Festival d’Avignon im Abstand von 18 Jahren ist bislang mehr eine andächtige Huldigung als ein großes Werk, bezwingend in seiner Bescheidenheit und der dadurch möglich gemachten Annäherung an den Ort der Aufführung. Dass dieses Stück eine ähnliche Symbiose mit den weiteren Tourneeorten, normalen (Stadt-)Theaterinnenräumen, eingehen kann, ist unwahrscheinlich. Wird die Zwiesprache zwischen Tanz und Musik ihre puristischen Resonanzräume trotzdem entfalten können?
So schön wie in Avignon werden die Aufführungen schwerlich enden können: Die Dämmerung hat sich inzwischen auf die Tänzer und Musiker gelegt und die Bewegungen, und mit ihnen die Töne, zum Schweigen gebracht. Ein letztes hörbares Atmen, als wäre es Musik – oder Tanz? Und obwohl das Treiben des Festivals hinter den Klostermauern immer noch vernehmbar ist, hat sich im Empfinden eine Stille eingestellt, von der alle Geräusche besänftigt werden. Astrid Kaminski
„En atendant“ ist vom 28.07. – 31.07.2010 beim Wiener ImpulsTanz zu sehen
ein sehr schöner artikel!
habe das stück bei impulstanz gesehen. leider fehlte eben jene dämmerung, so dass die künstliche veränderung der lichtstimmung zwar wahrgenommen werden konnte, aber nicht derart im einklang war mit den ausklingenden bewegungen der tänzer und den weichenden klängen der musiker.
die bewegungen, die hier beschrieben worden sind, verloren dennoch nicht an reiz und qualität. in der hohen halle der ehemaligen “getreide-börse”, die als gemäuer heruntergekommen wirkte, durch die im verhältnis zu raum und bühnenfläche asymmetrisch angeordneten holzpodeste für zuschauersitze etwas provisorisch, durch tanz musik und licht aber irgendwie mystische gestalt angenommen hatte, konnte ich dennoch eine ähnlich spannende symbiose erfahren, in der eine entfaltung von “puristischen resonanzräumen” möglich wurde.
Ob dies aber in “gewöhnlichen” Theaterräumen auch so möglich gewesen ist, bezweifle ich ebenfalls!