Das ist ja gar nicht Thessalien! Weiße, holzvertäfelte Wände, hohe, milchige Fenster, dunkelgrüne Tapeten mit dünnen, hellen Streifen, weißes Mobiliar, üppige Blumengestecke. Christof Loys Inszenierung der Gluck-Oper „Alceste“ auf dem diesjährigen Festival von Aix verortet man eher im protestantischen europäischen Norden um 1900 als im mythologischen Griechenland. Das Bühnenbild Dirk Beckers hat etwas dermaßen biederes, erstickend bürgerliches, dass man jeden Moment den Auftritt eines problembeladenen Ehepaars, ihrer unschuldigen Kinderschar und eines tyrannischen Provinzpfarrers erwartet, eben so wie man das aus jedem zweiten Bergman-Film kennt. Sie werden kommen, alle.
Loy hat aus Euripides todernster Beinahe-Tragödie über Opferwille und unsterbliche Liebe ein bourgeoises Familiendrama um Versagensängste und Selbstbestimmung gemacht. Bis man allerdings merkt, dass das Ganze hervorragend funktioniert, vergeht eine kleine Weile. Zuerst ist man irritiert angesichts der fürchterlich spießig anmutenden Kulisse und dieser Ansammlung erwachsener Menschen, die in niedlich geschneiderten Kostümchen eine Bande ängstlicher, dümmlich dreinblickender Kinder spielt – hinter Hosenträgern, Matrosenhemden, Karomustern und rosa Kleidchen verbirgt sich das English-Voices-Ensemble, das seine Rolle als Chor musikalisch glanzvoll ausfüllt. Doch dann wird schnell klar, dass Loy nicht ganz so humorlos ist, wie es sein schwedischer Regie-Kollege Bergman war. Spätestens als der etwas minderbemittelte und am dämlichsten kostümierte kleine Junge mit der viel zu großen pastellfarbenen Fliege die Rolle des allsehenden Orakels übernimmt, wird augenfällig, dass Loy die Vorlage mit einer gesunden Portion Respektlosigkeit behandelt.
Alceste (mit Anlaufschwierigkeiten: Véronique Gens) und Admete (laufend überzeugend: Joseph Kaiser), bei Gluck noch das unsterblich verliebte königliche Herrscherpaar über ein gewaltiges Reich, sind effektiv nur noch die liebenden Eltern einer unüberschaubaren Schar von Kindern. Aus Apollons Hohepriester ist ein brutaler Dorfpfarrer geworden, der den Kleinen schon mal die Bibel um die Ohren haut. Herkules, Göttersohn und Retter in der Not, ist ein fröhlicher Dandy mit rosa Blume am Revers. Bemerkenswert ist, wie Loy den Blickwinkel auf die etwas angestaubte Geschichte verschiebt und die dramatische Grundkonstellation dabei unangetastet lässt. Admete ist immer noch dem Tod geweiht und Alceste will sich noch immer opfern, um ihn zu retten. Doch ihr Motiv erscheint weniger heldenhaft, ist weniger ein Zeichen bedingungsloser Liebe. Alceste ist verzweifelt und der Tod scheint ihr ein Weg zur Flucht aus ihrer Verantwortung. Auf der anderen Seite wirkt ein führerloses Volk, seines Königs beraubt kollektiv ins Unglück stürzend, heute reichlich antiquiert. Die Idee, ihm eine Gruppe Kinder entgegenzusetzen, ist einfach wie genial. Die Kindlichkeit wird zum tragenden Gedanken der gesamten Inszenierung – Ivor Bolton und das unter ihm frisch und zierlich aufspielende Freiburger Barockorchester tragen mit dazu bei. Das Bühnenbild ist auf einmal nicht mehr geschmacklos kitschig: es ist ein Puppenhaus. Die verzerrten architektonischen Proportionen, die zu großen Fenster, der zu große Tordurchgang zum hinteren Bühnenbereich, ein staubiger Dachboden als Hadesersatz und verkleidete Kinder als Totenseelen – alles ist ein Spiel. Und spielend überkommen die Kinder die Angst vor dem Tod, verkörpert durch den fanatischen, eisernen Pfarrer, der auf das menschliche Opfer drängt. Dabei ist Loy weit davon entfernt das Stück ins Lächerliche zu ziehen. Er nutzt den Stoff, um eine eindringliche Parabel des Mündigwerdens dieser kleinen Menschen zu zeichnen, die sich von der elterlichern Protektion loslösen und auch der Ängste schürenden, religiösen Indoktrination eine Absage erteilen.
So steht am Ende eines vergnüglichen, humorvollen Opernabends ein überraschend nachdenkliches Bild, ein zauberhafter Moment, der sich irgendwo verliert zwischen Einsamkeit und Zuversicht: Hinter dem Tordurchgang tut sich ein schwarzes Nichts auf. Staunend und mit vorsichtiger Neugierde treten die Kinder in den noch zeitleeren Raum, in ihre ungewisse Zukunft. Kein Licht, keine Verheißung, keine Versprechungen – nur sie selbst sind im Stande, die gähnende Leere zu füllen. Patrick Bethke