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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Hinterm Hofbräuhaus das Jenseits Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Cornelia Fiedler  am  2. August 2010

Es ist ein absurder, komischer Alptraum in knalligen, kantigen, alkoholvernebelten Bildern, den Comic-Zeichner Uli Oesterle geschaffen hat. Dass die Frauenkirche nach einer Technoparty in Schutt und Asche liegt, ist noch die geringste Sorge von Hector Umbra, dem Helden aus Oesterles gleichnamigem Graphic Novel. Als Hectors Freund, DJ Osaka, plötzlich spurlos verschwindet und er selbst von angriffslustigen Wachturm-Verkäufern verfolgt wird, schwant ihm, dass die seltsamen Visionen, die ihn seit Wochen heimsuchen, mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben könnten, als befürchtet: „Irgendein absurder Mist braut sich hier zusammen und ich stecke bis über beide Koteletten drin.“

Alles beginnt mit einer versoffenen Nacht in einer schäbig-szenigen Bar. Joseph, seines Zeichens tätowierter Frauenschwarm und Kumpel von Hector, will weiterziehen. Die anderen haben die Schnauze voll vom Feiern. Joseph verschwindet in die nicht mehr ganz junge Nacht, und wie eine dumpfe Vorahnung leuchtet über der Tür ein Schild mit der Aufschrift „EXIT“. Gemeinsam mit den müden Saufkumpanen starrt der Leser auf diese rot leuchtenden Neonbuchstaben, ein, zwei, drei, vier, fünf Bilder lang, bis der Schriftzug das ganze Gesichtsfeld füllt. Der Freund kehrt nicht zurück. Er „krepiert an einer Überdosis. Einer Überdosis Leben“, wie Hector es formuliert. Das Leben in der Stadt geht weiter, die Party auch, doch alles neigt sich langsam aber sicher dem Wahnsinn zu. Oesterle erzählt mit mal subtilem, mal schenkelklopferischem Humor, in kräftig gezeichneten, meist düster-farbigen Bildern. Mal zart, mal grob, aber immer voller Empathie für seine viel zu schwachen Helden. Der Wahnsinn tritt in Form uniformierter graugrüner Dämonen auf: Eine Art Parasiten, die menschliche Hirne besetzen, von ihnen leben und nur für wenige sichtbar sind. Als willige Erfüllungsgehilfen kommandieren sie ein Heer von Zeugen Jehovas. Die Machtübernahme soll auf einem riesigen Rave erfolgen. Als Medium haben die Dämonen ausgerechnet DJ Osaka erkoren. Hector und ein kleiner Junge namens Remington sind die einzigen, die sie vielleicht aufhalten können.

Die altbekannten Münchner Schauplätze verschwimmen mit Bildern einer bizarren Unterwelt: Durch eine kleine Disko hinterm Hofbräuhaus gelangt Hector ins Totenreich, wo sein Freund Joseph vor dem Fernseher hängt (rein kommt selbstverständlich nur, wer tot ist oder auf der Gästeliste steht); am Hauptbahnhof springt ein Mann vor die U-Bahn, um seinen Sohn vor den „gehirnten“ Dämonen zu schützen; und die wirr vor sich hinredende obdachlose Frau ist deshalb auf den Isarbrücken unterwegs, weil sie dort mit schwarzer Farbe unsichtbare Portale kennzeichnet. Die Kombination aus Lokalkolorit und Fantasy ist charmant, würde aber allein nicht über 216 Seiten tragen, wären da nicht die schrägen Gestalten um Hector Umbra, die einem in ihrem vulgären, selbstherrlichen Party-Mackertum ans Herz wachsen: Auf ihren kantigen, in dicken Tuschestrichen gezeichneten Gesichtern spiegelt sich eine verzweifelte Entschlossenheit, wenn sie sich, mit Spielzeugpistolen bewaffnet, in den Showdown stürzen. Bei jedem Lesen entdeckt man neue liebevoll gestaltete Details: Den McDonald’s-Slogan „Iss ja wieder gut“ etwa, oder dass Bierflaschen beim Anstoßen „Beck“ und Zigaretten beim Ausdrücken „Stupp, Stupp“ machen.

Der Comicverlag Edition 52 hat HECTOR UMBRA im April in einer limitierten Luxus-Edition veröffentlicht. Mit neuem Cover und einem handsignierten Druck kostet diese stattliche 49 Euro. Für eingefleischte Fans ein Muss, für alle anderen willkommener Anlass, „Hector Umbra“ wieder oder endlich zum ersten Mal zu lesen. Cornelia Fiedler

Uli Oesterle: „Hector Umbra“. Carlsen Verlag, Hamburg 2009. 216 Seiten, 24,90 Euro.

Luxus-Edition: Edition 52, Wuppertal 2010, 216 Seiten, 49 Euro.

Abbildung: Carlsen Verlag

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Ein Kommentar zu “ Hinterm Hofbräuhaus das Jenseits ”

  1. Hallo Cornelia Fiedler!
    Schön, dass Ihr meinen Comic-Favoriten 2010 hier vorstellt. Sicher eine Luxus-Ausgabe braucht keiner wirklich, aber diese Geschichte, die Charaktere, die Umgebung und eben die Herstellung der passenden Atmosphäre durch die Farbgebung, wird sicher zeitlos bleiben. Nicht zu vergessen die Ideen in der Geschichte und die Poenten sind wirklich einfach gut.
    Schwierig war die afrikanische und bayrische Lautsprache von Hubbsi. Ich habe versucht diese auch für andere zu übersetzen ( http://www.youtube.com/user/Mediacontainer ; http://www.youtube.com/watch?v=YCqxB2C-4q0 ).
    Mich würde nicht wundern wenn Uli Oesterle zusammen mit dem Münchener Schriftsteller Friedrich Ani eine Geschichte umsetzt. Ich glaube die Charaktere, die Gefühle und die Atmosphäre in Anis Geschichten, speziell “Kommissar Tabor Süden” in der Umgebung von München, könnte Oesterle ungemein gut darstellen. Ich bin auch ein Fan von Friedrich Ani und anscheinend von “Münchener Atmosphären”.
    Viele Grüße vom Creativitywatcher

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