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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Söhne der Betonwüste Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Marko Pfingsttag  am  5. August 2010

Pressekonferenzen und Publikumsgespräche können mit den zusätzlichen Informationen, die man auf ihnen sammelt, auch recht desillusionierend sein. Im Falle des marokkanischen Akrobatiktheaters “Chouf ouchouf” (Arabisch für „schau, aber schau genau hin“) heißt das, von zwei Vorstellungen Abschied zu nehmen. Erstens: Die europäischen Spuren haben sich aus Nordafrikas Identität geradezu ausgewaschen. Die meisten der zwölf Akrobaten, die dazu angehalten waren, beim Publikumsgespräch ein wenig über sich zu erzählen, sprechen weder Französisch noch Englisch, sondern nur Arabisch. Die Illusion von Marokko beziehungsweise Tanger als Enklave, als „Interzone“, nach der sich Burroughs und Kerouac noch heute lässig absetzen würden, muss aufgegeben werden. Das Land hat sich, wenn man so will, emanzipiert. Zweitens: Was als genuines, rein marokkanisches Trademark präsentiert wird, daran sind Migranten beteiligt wie an anderen wirtschaftlichen Unternehmungen auch. Viele der Akrobaten stammen aus arabischsprachigen Nachbarländern. Dem Erbe der marokkanischen Akrobatik, das man wiederaufleben lassen wollte, haftet der Makel einer „invented tradition“ an.

Foto: Mario del Curto / Strates

Sei’s drum, man sollte diese nachrangigen Informationen als das behandeln, was sie sind, und sich auf “Chouf ouchouf” ohne derlei kritisches Grübeln einlassen. Die Leistung der Groupe Acrobatique de Tanger – unter der Regie des Schweizer Duos Zimmermann & de Perot – spricht für sich. Ihm gelingt es, die Facetten eines Großstadtmolochs und seiner Bewohner in aller Deutlichkeit und Plastizität zu porträtieren: Die Sommerhitze, die auf Tanger lastet und das Atmen schwer macht. Die stickige Enge der Gassen. Das Pulsieren des Straßenverkehrs, dessen Lärmfragmente zu einem gleichförmigen, letztlich lautlosen Rauschen verschwimmen. Wie digitalisierte Ameisen krabbeln die Akrobaten dabei über die Bühne, bremsen ab, biegen in rechten Winkeln ab, kriechen über- und untereinander, und formen eine hintergründige Kulisse, vor welcher ein Schreibtisch-Mufti mit Fez auf dem Kopf seine Macht demonstriert. Er zerdrückt und verwringt eine leere Plastikflasche – im gleichen Maße und Rhythmus verbiegt sich ein Einzelner, ein anonymes Subjekt aus der Untertanenschar. Welche auch kollektiv auftritt: Lauter Arbeitssuchende, Antrag- und Bittsteller reihen sich in der Amtsstube des Muftis auf und ducken sich vor dem Machtwort der Bürokratie.

“Chouf ouchoufs” größte Stärke ist es, ausnahmslos Bilder zu erschaffen, die reichlich Assoziationspotential bieten, aber ohne eine Deutung aufzudrängen. Man weiß nicht, was geschehen ist: ob die Stadt brennt, ob Bürgerkrieg herrscht. Aber alle flüchten voller Angst mit ihren Habseligkeiten auf die Häuserdächer, recken ihre Arme, um auch den Letzten solidarisch hinaufzuziehen. Dessen Kletterversuch scheitert jedoch, er droht vom Chaos, das zwischen den Betonmonolithen tobt, verschluckt zu werden.

Eben diese Monolithen – rollende Holztürme zu vier Meter Höhe, die sich gerne zu einer geschlossenen Wand formieren – sind es, die in ihrer Konkretheit eine der wenigen abstrakteren Szenen produzieren: Da rollen sie von einem Bühnenrand zum anderen, setzen dabei auf ihrer Rückseite einzelne oder gleich mehrere Akrobaten ab und sammeln diese auf dem Rückweg wieder ein. Eine minutiös choreographierte Illusion: En passant verschluckt die Stadt Menschen. Und speit sie wieder aus. Und der Mensch kann nicht das Geringste dagegen tun.

Bei allen dramatischen und tragischen Momenten durchzieht das Großstadtpanoptikum ein froher, humorvoller Grundton, der in der amüsantesten Szene gipfelt: Das Ensemble türmt sich zu zwei Menschenknäueln auf, die je auf gerade mal einem Beinpaar durch Tangers Gassen manövrieren. Der eine Mob maskulin brummig, der andere weibisch nörgelig, man gerät aneinander, liefert sich ein kurzes Brabbelgefecht und geht wieder getrennter Wege. Man weiß nicht, was Gegenstand des Streits war. Vielleicht haben sie debattiert, warum sie in New York und Hongkong auftreten, ihr Tourplan aber keinen einzigen Termin in Deutschland vorsieht. Das wäre eine Frage fürs Publikumsgespräch gewesen.

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Marko Pfingsttag

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