Nachts ist es im Wald so unheimlich finster, dass die Bäume sich zu bedrohlichen Gestalten verwandeln und der Wind zu deren Stimme wird. Wenig weckt die Fantasie so sehr wie kaum auszumachende Konturen. Auch im Schlafzimmer verwechselt man noch gelegentlich den Pullover über der Stuhllehne mit einer buckligen Gestalt. Bekanntlich ist es seit jeher nicht nur Angst einflößend, sondern gleichsam lustvoll, sich die Bedrohung im eigenen Kopf zusammen zu dichten. So plastisch und erfahrbar wie bei dem Videospiel “Alan Wake” (Xbox 360) von Remedy Entertainment war dieser Schauer bisher jedoch selten.
Bei diesem Third-Person-Thriller dreht sich alles um den erfolgreichen Schriftsteller Alan Wake, der mit seiner Frau Alice in der amerikanischen Kleinstadt Bright Falls Urlaub macht, um seine frustrierende Schreibblockade zu überwinden. In der ersten Nacht, nach einem Streit, ver-schwindet seine Frau. Wake hört nur noch ihre Schreie und sieht ihren Sturz ins Wasser. Ob sie nun wirklich in den See neben ihrer Ferienwohnung gefallen ist oder von etwas hineingezogen wurde, ist nicht ganz klar. Nachdem er Alice hinterher gesprungen war, wacht er am nächsten Morgen wieder im Trockenen auf. Alan Wake beginnt an seiner geistigen Gesundheit zu zweifeln, zumal die Wälder um die beschauliche Stadt herum gerade in der Nacht ein merkwürdiges Eigenleben führen.
Bright Falls erinnert oft an Twin Peaks, das Städtchen aus der gleichnamigen Serie von David Lynch. Nicht nur die uralten und weitreichenden Wälder an der Grenze zu Kanada, sondern auch einzelne Elemente der Stadt selber: Auch hier gibt es ein Diner mit dem besten Kaffee der Welt und auch hier treibt sich eine schrullige Frau herum, die stets einen Gegenstand in ihren Armen hält wie ein Neugeborenes. Nur ist es diesmal nicht die Log Lady mit einem Stück Holz, sondern die Lamp Lady mit einer Laterne.
Die Erzählweise des Spiels ist wie eine TV-Serie angelegt: Es gibt eine Episoden-Struktur mit der obligatorischen Zusammenfassung zu Beginn jeder Folge – ein schönes Experiment im Videospielformat, das sich wie zeitgenössische Serien mehr an Filmen als am Fernsehen anlehnt. Als Prolog versteht sich eine sechsteilige Miniserie die unter anderem auf YouTube zu finden ist, in der Remedy mit Schauspielern eine gelungene Vorgeschichte zu “Alan Wake” inszeniert haben. Solche Merkmale können einen nicht sonderlich ablenken. An Verweisen auf Film, Fernsehen und Literatur mangelt es in Remedys Spiel kein bisschen – sie bilden das Fundament. Schon einmal haben die finnischen Entwickler mit der “Max Payne”-Serie sehr erfolgreich ein popkulturelles Mosaik geschaffen – dort trafen Comic Elemente auf Film Noir und Actionfilm. So findet Alan Wake während seiner Suche immer wieder alte Fernseher, die Episoden der Serie „Night Springs“ senden: eine Mystery-Serie in Schwarz-Weiß, die unerklärliche Phänomene behandelt und mit ihrer Titelmusik und Inszenierung deutlich an die “Twilight Zone” erinnert, nur deutlich lustiger ist. Ähnlich verschachtelt entwickelt sich die Geschichte um den Schriftsteller, der (wie ein Sutter Cane in “The Mouth of Madness”) auf die fixe Idee kommt, in seinem eigenen Roman zu stecken, den er noch nicht einmal geschrieben hat – um dabei im nächtlichen Wald von düsteren Gestalten gejagt zu werden.
Die Flucht vor den schattenhaften Halunken, die oft wie Holzfäller aussehen, gehört zu den zentralen Spielelementen. Hier gilt es, die Gegner mit einer Taschenlampe abzuwehren, um sie mit Pistole oder Gewehr vorübergehend außer Gefecht zu setzen. Vorübergehend ist das Stichwort, denn wirkliche Sicherheit bieten nur die Lichtkegel von Laternen oder die Lampen in Hütten. Es ist ein äußerst spannungsreicher und stimmungsvoller Überlebenskampf, jedes Mal aufs Neue – selbst wenn sich der Spielablauf mit der Zeit ähnelt. Die Spannung entsteht zum einen dadurch, dass der Einsatz von Waffen so eingeschränkte Wirkung gegen die Überzahl an Bösewichten hat. Zum anderen ist die visuelle Gestaltung der Natur so gelungen: Die Bäume beginnen in kräftigen Windstößen zu wogen, die Farben weichen aus dem Bild und Konturen beginnen wie auf einem nassen Tableau zu zerfließen. Ohne die außergewöhnlich realistischen Licht- und Schatteneffekte der Entwickler wäre es gar nicht möglich, so tief in der Spielewelt zu versinken. Ist man einmal mit Glück entkommen, beginnt wieder die Suche nach Indizien für die mysteriösen Vorfälle, wobei es keine großen Rätsel zu bewältigen gibt, Alan Wake bewegt sich relativ geradlinig durch die Handlung – das Spiel steht ganz im Dienste der atmo-sphärischen Erzählung. Die amerikanische Landschaft wurde äußerst lebendig und detailreich umgesetzt, gerade tagsüber bereitet ein Spaziergang durch den sonnengelb gefärbten Wald so viel Vergnügen, dass die Geschichte zeitweilig zur Nebensache wird.
Freilich liegt es gleichsam an der Story von Remedy-Autor Sam Lake, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Denn selbst wenn viele Geheimnisse um die Kleinstadt gelüftet werden, bleiben genug Kuriositäten verborgen. Aufgelockert wird der Erzählfluss durch Ironie, die den Grusel aber nie untergräbt. Die „Taken“ etwa – so heißen die schwarzen Figuren mit Äxten und Sägen – grunzen gelegentlich absurde Bemerkungen durch den Wald: „Fishing can be hobby or a sport.“ oder „There are 65 billion cows and pigs in the world.“ Solche Momente sind ein willkommener Ausgleich, der das Spiel vor einer unfreiwillig komischen Ernsthaftigkeit bewahrt, die all zu vielen Horrorgeschichten anhaftet. Und auch der Held selbst, der in Tweed-Sacko, Kapuzenpulli und Cowboystiefeln ein Klischee von Bestseller-Autor ist, bleibt vom Humor nicht verschont. Nicht zuletzt sein geschwätziger Agent, der nach einiger Zeit in der Stadt aus Sorge um seinen geliebten Klienten ankommt, bringt Leichtigkeit in das schauderhafte Geschehen. Dass die Figuren dennoch ernsthaft und sympathisch bleiben, gehört zu den großen Leistungen des Spiels. Florian Altenhöfer
Alan Wake
(Finnland 2010)
Entwickler: Remedy Entertainment, Ltd.
Herausgeber: Microsoft Game Studios
Plattform: Xbox 360