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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Wo die Gewalt beginnt Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Cornelia Fiedler  am  16. August 2010

Längst nicht mehr illegal: Wolfram Kastners Branfleck am Münchner Königsplatz. Foto: Arne Bockelmann

Wolfram Kastner, Jahrgang 1948, eckt gerne an. Cornelia Fiedler hat den freischaffenden Münchner Künstler in seinem Atelier in der Schellingstraße getroffen.

Herr Kastner, wann wurden Sie das letzte Mal festgenommen?

Letztes Jahr in Mittenwald. Ich habe dort vor einer Kapelle eine Aktion gemacht. In der werden die Kriegsverbrecher der Gebirgsjäger geehrt, wie zum Beispiel Herr Josef Salminger, der für ein Massaker der Wehrmacht verantwortlich war. Dieser Leute wird dort unter anderem mit einem Eisernen Kreuz gedacht, in dem wiederum ein Hakenkreuz zu sehen ist. Ein Kollege und ich haben uns dort hingestellt, in Camouflage-Uniform. Wir haben ein schwarzes Tuch vor den Eingang gehalten mit der Aufschrift „Soldaten sind Mörder, keine Helden.“ Dazu hielten wir jeder ein Bild mit Angaben zu Massakern in Nordgriechenland in der Hand. Wir machten nur ein Foto, nichts weiter. Eine Stunde später, wir saßen im Biergarten, kam auf einmal von beiden Seiten Polizei und hat den Kollegen aus Berlin, den Fotografen und mich verhaftet.

Aus dem Biergarten?

Aus dem Biergarten, mit einigem Aufsehen, versteht sich. In der Polizeistation sperrten sie uns in den Keller, in Zellen ohne Licht, versifft, verdreckt, stinkend. Meine beiden Kollegen mussten sich auch noch nackt ausziehen, zur Eigensicherung natürlich . . . Inzwischen gibt’s ein Urteil dazu, die Polizeiaktion war offiziell rechtswidrig. Jetzt werde ich Anzeige erstatten und auf Schadenersatz klagen.

Gehört die Konfrontation mit der Staatsmacht zum Handwerk, wenn man sich als politischer Künstler versteht?

Das ist von mir nicht intendiert! Mir geht es nicht darum, mich mit Uniformierten mit schlechter Ausbildung auseinanderzusetzen.

Sondern?

Mir geht es immer darum, in der Öffentlichkeit etwas sichtbar zu machen, was man sonst nicht sieht, öffentlich Bilder herzustellen, mich an die Menschen zu wenden, die in diesem Land leben. Aber es mischt sich dann sehr häufig Polizei ein, in einer Art fürsorglicher Obsession der Bevölkerung gegenüber.

Welche Themen reizen Sie, wo sehen sie Bedarf für künstlerische Intervention?

Ich möchte das sichtbar zu machen, was in der Gesellschaft versteckt wird. Es geht aber auch um die Wahrung der Grundrechte, der Menschenrechte. Meine bevorzugte Methode ist dabei die, nicht in den geweihten Räumen der Kunst, in Museen, Galerien, Foyers von Banken sondern in aller Öffentlichkeit Bilder herzustellen, die zum Nachdenken über den Zustand unserer Gesellschaft anregen.

Was wird denn versteckt?

Die schleichende Gewöhnung an militärische Gewalt ist so ein Beispiel. Wir leben in einer Zeit, in der eine Militarisierung der Gesellschaft stattfindet, ob das öffentliche Gelöbnisse sind, ob das Kriegsführung in aller Welt ist, die Bewachung von Banken durch Militär. Das ist etwas, was mir große Sorgen macht.

Während der Münchner Sicherheitskonferenz wollten Sie den Friedensengel verhüllen . . .

. . . was aber nicht genehmigt wurde. Dieser Engel ist ursprünglich eine Siegesgöttin, für den „Siegfrieden“ von 1870/71, der aber von der Bevölkerung zum Friedensengel uminterpretiert worden ist. Inmitten dieser Stadt findet alljährlich die Kriegskonferenz statt. Ich kann und will mit meinen Kunstaktionen nicht die Gesellschaft verändern. Sondern eigentlich nicht mehr machen, als zum Nachdenken anzuregen. Das kann niemandem schaden.

Die Lesungen aus im Jahr 1933 verbrannten Büchern und der Brandfleck am Königsplatz sind Ihr bekanntestes Projekt. Inzwischen ist daraus eine offizielle Gedenkveranstaltung geworden, nichts Illegales mehr.

Damit ist andererseits die Aufmerksamkeit der Presse reduziert, weil die sich vor allem für Skandale interessiert. Ich denke aber, man muss damit so lange weitermachen, bis ein Bewusstsein dafür da ist, wie Gewalt beginnt, im kulturellen Bereich, und sich ausbreitet. Und vor allem bis diese Literatur wieder etabliert ist.

Für welche Schriftsteller haben die Bücherverbrennungen denn das Ende ihrer literarischen Karriere bedeutet?

Franz Blei, Elisabeth Castonier, Gina Kaus, auch Jakob Wassermann, der ein Bestseller-Autor war und eigentlich heute kaum mehr irgendwo auftaucht, in Schulbüchern, Verlagen, Bibliotheken.

Das ist ein Projekt, bei dem Sie auch mit Schulen kooperieren.

Mit Schulen, der Universität, dieses Jahr erstmals mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Der war maß-geblich an den Bücherverbrennungen 1933 beteiligt. Die Arbeit mit Jugendlichen ist natürlich das Wichtigste.

Hat Sie selbst die Konfrontation mit der nationalsozialistischen Vergangenheit als Kind oder Jugendlicher politisch geprägt?

Ja, vor allem das Erstaunen darüber, dass etwas, das vor kurzem, vor 10, 15 Jahren erst geschehen war, auf eine so unglaublich verkrampfte Art versteckt wird. Unsere Lehrer haben nie etwas zu diesem Thema gesagt, außer dass die Autobahnen gebaut wurden und die Arbeitslosen von der Straße weg waren. Weil sie aber während der von den Amerikanern eingeführten Woche der Brüderlichkeit etwas machen mussten, haben Sie uns ins Kino geschickt. Dort sah ich mit zwölf Jahren einen Film von der Befreiung der Konzentrationslager. Sah auf einmal Leichen purzeln und das war natürlich ein Schock. Brutal. Doch auf meine Fragen bekam ich von den Erwachsenen keine oder ausweichende Antworten.

Auch von den Eltern?

Ja, sicher, diese ganze Generation war ja in irgendeiner Weise verwickelt. Sie haben die Geschichte so erzählt, dass sie eigentlich nichts wussten, nichts gesehen hatten. Da ist man irritiert und neugierig und beunruhig über diese Form der Lügenhaftigkeit, des Versteckens. Da wollte ich wissen, was dahintersteckt.

Das war später eines der großen Themen der 68er. In dieser Zeit haben Sie an der Münchner Kunstakademie studiert.

Zu dieser Zeit gab es dort diesen Professor Hermann Kaspar. Der hatte sich selbst in einem Brief ganz positiv als Görings Knecht bezeichnet. Er hat die großen Umzügen der Nazis mit diesen Wagen und Aufbauten der Germanen mit gestaltet und die Intarsien in Hitlers Schreibtisch gelegt, etc. Diese Geschichte war an der Akademie tabu. Das war ein Aha-Erlebnis, das herauszube-kommen und zu sehen, wie sich die Herrschaften dazu verhalten haben.

Die Negativbeispiele hatten Sie also während des Studiums vor Augen. Gab es auch künstlerische Vorbilder?

Ich habe mich in der Kunstgeschichte umgeschaut, wo ein gewisser Aufbruch da war. Aufbruch, Aufbegehren gegen verkrustete gesellschaftliche Strukturen. Das war sicherlich im Expressionismus der Fall. Oder auch bei Francisco Goya, der etwas in seinen Bildern formuliert hatte, was bis heute nicht in Bankfoyers gelandet ist. Das waren auch George Grosz, John Heartfield, die nicht auf dem Mainstream geschwommen sind, die versucht haben, durch Bilder etwas in Frage zu stellen. Als Vorbild nicht in dem Sinne, dass ich in der gleichen Weise arbeiten wollte . . .

Eher ihre Art, zu denken? Oder zu konfrontieren?

Ich habe immer auch Bilder gemalt und versucht mit Bildern etwas zu formulieren, was zum Beispiel die schreckliche Geschichte der Gewalt betrifft: Die Hexenverfolgungen etwa. Ich habe eine Hexenmappe gemacht. Ich habe eine Giordano-Bruno-Graphik-mappe gemacht. Es gab also immer diese Bilder, aber das reicht mit nicht aus, mich als Maler für Galerien und Museen zu betätigen. Ich denke, Kunst kann einen Diskussionsbeitrag leisten.

Aber außerhalb der Museen?

Kunst wird ja oft in sogenannte Freiräume abgeschoben. Politiker sagen das gerne: Kunst braucht Freiräume. Ich finde Kunst braucht keinen Freiraum sondern einen Raum in der Mitte der Gesellschaft und nicht am Rande, nicht am Feierabend, nicht als schöne Dekoration, nicht für die Wohlgefälligkeit.

Wir hatten schon Ihre Aktion mit der größten Öffentlichkeitswirkung. Welche hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Hm. Spaß, ich bin immer wahnsinnig aufgeregt. Äußerlich nicht, aber innerlich. Eine Aktion bei den Wagnerfestspielen in Bayreuth gab es, die hat überraschend gut funktioniert! Die Festspiele sind ja Staatskultur und seit Monarchiezeiten über den Faschismus bis heute hoch subventioniert. Nebenbei ist das meiner Meinung nach die miserabelste Filmmusik, die es je gab – und das bevor es Filme gab. Wir sind also zur Eröffnung der Festspiele gefahren, mit einer schwarzen Limousine, einem geliehenen 7er BMW. Zu viert in schwarzen Anzügen. Dort erwarteten 2000 Wagnerfans die VIPs. Die kleinen Autos wurden auf den Parkplatz gewinkt, die großen zum roten Teppich.

Ohne Kontrolle?

Ohne irgendwas. Autos machen Leute! Wir stiegen also aus, mit vier Masken. Erst Wagner. Die Fans jubelten! Dann Ludwig II. als Repräsentant des Feudalismus. Da jubelten sie auch. Dann stieg Stoiber aus. Da war der Beifall schon merkwürdig gebrochen, irritiert. Und dann Hitler. So gingen wir auf den roten Teppich. Alle Fotografen und das Fernsehen haben das aufgenommen. Wir wurden dann irgendwann dezent von einem Herren in Schwarz gebeten, wenn wir da fertig seien mitzukommen. Man wollte uns nicht vor laufenden Kameras verhaften. Das war ein sicher sehr wirksames Bild.

Sie stoßen immer wieder auf massive Widerstände, da geht einem doch irgendwann die Luft aus. Woher nehmen Sie die Kraft, weiterzumachen?

In der Regel sind es die Behörden, die einem Steine in den Weg legen. In der Bevölkerung ist das aber nicht so eindeutig ist. Es gibt schon mal ‘ne Morddrohung, Beschmierungen an meinem Wohnhaus. Das sind aber Ausnahmen. Interessant ist, dass die Abwehr aus rechtsextremen Kreisen kommt und von staatlicher Seite. Einmal, bei einer Aktion in Landsberg, gab es Anzeigen vom SPD-Bürgermeister und von drei vorbestraften Nazis. Nicht weil der SPD-Politiker ein Nazi wäre, das würde ich nie sagen! Aber die Ordnungsvorstellungen sind wohl ziemlich verwandt. Die positiven Reaktionen überwiegen aber. Es gibt immer Interesse, Unterstützung, insbesondere von jungen Leuten. Außerdem bin ich kein Einzelkämpfer. Beides hilft dabei weiterzumachen.

Sie definieren sich als politischen Künstler. Kann Kunst denn unpolitisch sein?

Natürlich ist Kunst nie unpolitisch. Max Frisch hat gesagt: ‚Auch die Entscheidung, sich nicht mit Politik zu befassen, ist politisch.‘ Wenn man aber die Degradierung seiner Kunst zur Zierleiste mitmacht, halte ich das für eine Art Selbstentmündigung.

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