In Abgrenzung zu jener Epoche der siebziger Jahre, die in vielen lateinamerikanischen Ländern als „neues Kino“ bezeichnet wurde, plädiert der Gastherausgeber des Bandes “Junges Kino in Lateinamerika”, Peter W. Schulze, für eben diese Bezeichnung: junges Kino, das Mitte der neunziger Jahre beginne. Mexiko bleibt ausgeklammert, da sich jüngst ein eigener Band der edition text+kritik mit dem mexikanischen Film beschäftigt hat.
Spannend ist die Herangehensweise an ein so umfangreiches Thema. Die Struktur und Klarheit, die Schulze und seine acht Autoren in ihren Aufsätzen aufweisen, liefern nicht nur eine ausgesprochen stringente Einführung in gesellschaftliche und historische Grundbedingungen, sondern darüber hinaus eine ausführliche Vorstellung der Filme. Dass die Aufsätze in ihrer jeweiligen Perspektive variieren, vermittelt einen abgerundeten Einblick in relativ unbekannte Filmländer wie Kuba, Peru, Kolumbien oder Ecuador. Etwa der Aufsatz von Ute Fendler: Sie beleuchtet die produktionsbedingte Ausgangslage in diesen Ländern, bevor sie einzelne Regisseure und deren Filmschaffen vorstellt und thematische Gemeinsamkeiten ausfindig macht: Gewalt und Drogen im Zusammenhang mit der Armut.
Die Ansätze der anderen Autoren sind teils thematischer Natur – wie die Beiträge von Sven Pötting über die Darstelllung der argentinischen Militärdiktatur oder Johanna Schwenks Analyse der sozialen Gewalt im brasilianischen Kino. Weitere Texte greifen sich einzelne Regisseure heraus – Lisandro Alonso, Walter Salles und Fernando Meirelles erfahren besondere Würdigung –, oder nehmen sich einer Tendenzbetrachtung an.
Insgesamt scheinen sich die Entwicklungen in historischer und sozialer Hinsicht zu ähneln: Die siebziger Jahre brachten zwar eine filmische Erneuerung. Vieles erschien als radikaler Neubeginn nach einem kulturellen wie gesellschaftlichen Kahlschlag – ähnlich der Entstehungsgeschichte des Neuen Deutschen Films. Jedoch wurden diese Tendenzen von erneuten politischen und gesellschaftlichen Unruhen im Keim oft schon erstickt. Dafür wurden eben solche Voraussetzungen geschaffen, das „Junge Kino“ Lateinamerikas erstehen zu lassen. Florian Borchmeyer und Sven Pötting gelingt in ihren Beiträgen über Chile und Argentinien, deren politische Geschichte präzise einzufangen und in die Filmanalysen zu integrieren. Überhaupt sind die zahlreichen Filmbeispiele neben der komplexen Herangehensweise die Stärke dieses Bandes – inhaltlich, aber auch formal-ästhetisch, zudem stets im Kontext der ländereigenen Filmlandschaft. Tina Schlegel
Thomas Koebner, Fabienne Liptay, Peter W. Schulze (Hrsg.): “Junges Kino in Lateinamerika”. Richard Boorberg Verlag, edition text+kritik, München 2010. 116 Seiten, 20 Euro.