Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Willys Neger

Maurice-Edmond Sailland. Abbildung: Collection Rolf Heyne/Curnonsky

Unter seinem echten Namen kennt Maurice-Edmond Sailland in Deutschland eigentlich niemand. Selbst unter seinem Künstlernamen Curnonsky ist er nur einem kleinen Kreis von Genießern ein Begriff. Dabei war er einer der bekanntesten Publizisten, Essayisten und Autoren der Belle Epoque und gilt zudem als Begründer der modernen Restaurantkritik. Geboren 1872 in Angers in der Provinz Anjou, ging Maurice-Edmond Sailland 1891 zum Studieren nach Paris. Dort feierte er schnell Erfolge als Autor humoristischer Artikel und Kurzgeschichten. Trotz seiner vielen Reisen als Journalist und Gastrokritiker durch Frankreich und später durch die ganze Welt, kehrte Sailland immer wieder nach Paris zurück, wo er 1956 durch einen Unfall ums Leben kam.

Seither galt sein Nachlass als verschollen. Das zu seinen Lebzeiten so riesige Interesse an ihm verschwand, obwohl Curnonsky ein Leben lang jedes Stück Papier, jede Menükarte, sämtliche Gastronomieliteratur seiner Zeit, Briefe, Ansichtskarten, Fotografien und Kupferstiche sammelte. Vor sieben Jahren erwarb die Münchner Antiquitätenhändlerin Inge Huber eine Bibliothek in Paris und entdeckte die Dokumente von Maurice-Edmond Sailland. Jetzt erscheint in der Collection Rolf Heyne erstmals ein Buch über diesen außergewöhnlichen Bonvivant: Curnonsky. Oder das Geheimnis des Maurice-Edmond Sailland.

Inge Hubers Werk gibt mit vielen Bildern, Postkarten und Fotos aus dem Nachlass einen faszinierenden Einblick in das wilde Pariser Leben Anfang des 20. Jahrhunderts. Curnonsky war stets umgeben von schönen Frauen und intellektuellen Freunden wie Emile Zola, Sarah Bernhardt oder Henri de Toulouse-Lautrec. Im Erotikmilieu pflegte er ebenso regelmäßig Kontakte wie in Spielsalons und Drogenhöhlen. Curnonsky war ein Lebemann, unermüdlich, ständig auf der Suche nach den neuesten Skandalen. „Ich war“, notierte er einmal, „nacheinander Romancier, Chronist, Revuenschreiber, Humorist, ‚gastronomischer’ Autor, Werbetexter, Varietétheater-Kritiker, Novellist, Klatschkolumnist, Essayist, Sekretär, freier Mitarbeiter und Lohnschreiber – ‚Nègre für Willy’!“ Sailland stand in engem Kontakt zu dem berühmten Autor Henry Gauthier-Villars (Pseudonym: Willy) und seiner Gattin Colette. Für ihn schrieb er als Ghostwriter zahlreiche Romane, für sie lektorierte er die Manuskripte der erfolgreichen Claudine-Romane.

Der Künstlername Curnonsky entstand am Anfang seiner Laufbahn. Das Lateinische „Cur non“ bedeutet „warum nicht?“, und die Endung -sky entsprach der damaligen Russomanie in Paris. Wohl-klingende russische Namen wie Tschaikowsky und Strawinsky waren in Mode und unter Künstlern beliebt. Jahrelang schrieb Curnonsky unter seinem zweiten wichtigen Pseudonym Bibendum die Kolumne Les Lundis de Michelin im Auftrag des Reifenherstellers Michelin. Indem er von der regionalen Küche schwärmte und von Provinz zu Provinz reiste, versuchte er die skeptischen Franzosen zum Autofahren zu bewegen. Diese Texte dienten als Grundlage für den bis heute wohl berühmtesten Gastronomieführer – dem Guide Michelin. Susanne Alder

Inge Huber: Curnonsky. Oder das Geheimnis des Maurice-Edmond Sailland, Collection Rolf Heyne, München 2010. 256 Seiten, 39,90 Euro.

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