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Geschrieben von Patrick Bethke  am  24. August 2010

Dynamische Beziehung: Marianne Jean-Baptiste und Brenda Blethyn in "Lügen und Geheimnisse". Foto: Cinetexte

Mike Leigh ist einer der bedeutendsten Filmemacher Großbritanniens und wird dennoch immer wieder unterschätzt. Die einen sehen ihn ihm einen Regisseur charmanter Feel-Good-Komödien mit verhältnismäßig hohem Anspruch, die anderen einen sozial engagierten Patron der britischen Arbeiterklasse. Keine dieser Beschreibungen wird seinem Werk jedoch ansatzweise gerecht. Bei Arthaus erscheint im Juli eine DVD-Box mit seinen Filmen “Life is Sweet” (1990), “Nackt” (1993) und “Lügen und Geheimnisse” (1996).

Grund für die verbreitete Fehleinschätzung seines Werks dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass Leigh seine Filme immer wieder im britischen Arbeiterklassen-Milieu ansiedelt. Doch er tut dies, weil er selbst, 1943 als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in London geboren, in diesen Verhältnissen aufgewachsen ist. Leigh, der mit jeder seiner Arbeiten nach einer dokumentarisch anmutenden Glaubwürdigkeit strebt, verankert seine Filme einfach dort, wo er sich am besten auskennt. Politisch blind ist er deshalb aber nicht. Nur stellt er seinen Filmen keine plakative Agenda voran. Gesellschaftliche Problematiken werden durchaus angesprochen, aber sie rücken nie in den Mittelpunkt. Nicola in “Life is Sweet” ist zwar essgestört, der Film macht ihre Bulimie aber nicht zum Betrachtungsgegenstand, sondern erkennt sie schlicht als Teil ihrer Persönlicheit an. Johnny in “Nackt” mag ein destruktiver, obdachloser Intellektueller sein, der Film dreht sich deswegen aber keineswegs um das Gefahrenpotential eines sozialen Absturzes. Hortense in Lügen und Geheimnisse ist schwarz, ihre leibliche Mutter weiß, dennoch handelt es sich nicht um ein Rassendrama. Nie instrumentalisiert Leigh seine Figuren, um verallgemeinernde Aussagen über soziale Gruppen zu machen, dafür hat er zu viel Respekt vor ihnen und ihrer Individualität. In diesem Licht wirkt die Einordnung Leighs als ein sozialistischen Ideen verhafteter Regisseur nicht nur sehr fragwürdig – sie ist schlicht falsch: „Es ist unmöglich, eine klare politische Denkweise aus meinen Filmen herauszulesen, denn ich habe keine.“ Leighs Filme sind moralisch, ohne zu moralisieren.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt dabei Humor als gleichsam distanzierendes wie Sympathie erweckendes Element. Der Blick Leighs auf seine Charaktere ist oft ein amüsierter. Dem Ehepaar Andy und Wendy aus “Life is Sweet” zuzusehen ist eine Freude, ohne dass es cleverer Pointen oder Klamauk-Einlagen bedarf. Es genügt beispielsweise, dass die beiden über eine Alltagsbanalität ein paar ungezwungene Lachsalven austauschen und in einen unnachahmlichen Dialog aus Wiehern und Gackern treten. Das ist eine Art Humor, der den Figuren nicht, wie so häufig, von ihrem Erschaffer in den Mund gelegt wurde, sondern sich aus der Eingespieltheit, der Vertrautheit, der Menschlichkeit der Protagonisten speist. Selbst den wichtigtuerischen Weltverstehern, die in nahezu jedem seiner Filme auftreten, begegnet Leigh mit mitfühlendem Humor, der nur in seltenen Fällen sarkastisch eingefärbt ist.

Leigh studierte unter anderem an der Royal Academy of the Dramatic Arts, arbeitete als Schauspieler in der Royal Shakespeare Company und verfasste 22 Bühnenstücke. Sein Interesse galt allerdings von Anfang an dem Kino, die Arbeit am Theater begriff er lediglich als Chance, Erfahrungen und Sachkenntnis zu sammeln. Bleibenden Einfluss auf seine Arbeitsweise als Filmregisseur hat die Zeit auf und hinter der Bühne dennoch hinterlassen. Lange vor Drehbeginn jedes seiner Filme trifft sich Leigh mit allen Schauspielern zu Einzelgesprächen, in denen Hintergrund, Verhalten und Psychologie der jeweiligen Figuren gemeinsam erarbeitet werden. In einer zweiten Phase treffen die Darsteller, die nichts von den Rollen ihrer Kollegen wissen, aufeinander, um innerhalb vorgegebener Szenarien zu improvisieren. Dieser Vorbereitungsprozess kann bis zu einem halben Jahr in Anspruch nehmen. Während dieser Zeit entwickelt Leigh schließlich das fertige Drehbuch, an das er sich während der eigentlichen Produktion sehr genau hält.

Da Leigh die Entstehung seiner Filme als Prozess begreift und nicht als eine von vornherein abgeschlossene Konzeption, die es nur noch umzusetzen gilt, wirken seine Filme ungemein organisch und lebensnah. Äußere Handlung spielt dabei kaum eine Rolle. “Nackt” begleitet den Obdachlosen Johnny, einen hochintelligenten, gewalttätigen Zyniker, auf seiner ziellosen Odyssee durch Manchester. In “Life is Sweet” steht der Alltag einer gewöhnlichen Londoner Arbeiterklassenfamilie im Mittelpunkt. Auffallend ist die Absichtslosigkeit der Charaktere Leighs. Es gilt nicht, ein Problem zu lösen, einen Reifeprozess zu durchlaufen, sich mit anderen zu messen, oder die Absolution erteilt zu bekommen. So wie das Leben keine derartig klar umrissenen Strukturen kennt, finden sie auch in den Filmen Leighs keinen Platz – denn der Regisseur sieht keinen Graben zwischen dem Leben und seiner Kunst. Lediglich “Lügen und Geheimnisse” führt eine seiner Protagonistinnen, eine junge Frau, die sich nach dem Tod der Adoptivmutter auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter macht, zu ihrem Ziel. Doch um eine erfolgreiche Aufgabenbewältigung geht es auch hier höchstens am Rande.

Was Leigh interessiert, sind die dynamischen Beziehungen seiner Figuren, ihr Interagieren, ihr Aufeinandereingehen. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, “Nackt” ist eine davon – sein vorletzter Film “Happy-Go-Lucky” eine andere – werden sämtliche Filme Leighs von einem Ensemble getragen, aus dem sich keine einzelne Hauptfigur hervortut. Oft sind es vier oder fünf Charaktere, die gleichberechtigt mit- und nebeneinander agieren und deren Individualität in jeder einzelnen Szene betont wird. Dabei behält Leigh einen distanzierten Blick, der es keiner Figur erlaubt, den Zuschauer mehr für sich einzunehmen als eine andere. Mit viel Feingefühl legt er in jeder Szene neue Details und Wesenszüge seiner Charaktere offen, die den Zuschauer zwingen, sein Verständnis der Figuren immer wieder aufs Neue zu korrigieren oder auch völlig neu einzuordnen. Hermetisch abgeschlossene Persönlichkeitskonzepte, die das Wesen eines Menschens anhand einer Reihe definierender Charaktereigenschaften festnageln wollen, sind Leigh ein Grauen. Die meisten seiner Figuren bleiben offen für die Einflüsse ihres Umfelds, bewältigen ihr Leben flexibel und kreativ und bewahren die Fähigkeit zu überraschen: ihre Mitmenschen, sich selbst – und auch den Zuschauer. Sie sind Regisseure ihres eigenen Lebens und im wahrsten Sinne Lebenskünstler. Die Figuren hingegen, die alles um sich herum in starrem Strukturdenken ersticken, sind Gefangene ihrer eigenen Weltbilder: verschlossen, zu wirklichen Beziehungen unfähig und vorhersehbar. Sie sind nicht im Stande, sich in andere hineinzuversetzen und andere Positionen gelten zu lassen, weil sie nur eine Sichtweise kennen – ihre eigene. Gegen dieses Leben in geistigen Fesseln kämpft Leigh in jedem seiner Filme an und vollzieht dabei einen radikalen Bruch zum klassischen Erzählkino: Er verweigert die Identifikation mit seinen Figuren, indem er sie nie dem Verstandenwerden preisgibt. Leighs Filme sind keine Aquarien, deren Bewohner unseren Blicken vollständig ausgeliefert sind. Seine Filme bieten – eher wie ein Fenster – einen kurzen (jedoch sehr genauen) Blick in ihr Leben. Auch verzichtet Leigh auf jegliche subjektivierende Stilmittel, die einen Standpunkt über einen anderen stellen würden. Es gibt keine Emotionen paraphrasierende Musik, keine Nahaufnahmen schmerzverzerrter Gesichter, keine unsere Sicht lenkende Point-of-View-Einstellungen. Alle Figuren und ihre Gefühle stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Die Radikalität der Filme Leighs ist leicht zu übersehen. Sie wirken auf den ersten Blick linear und unspektakulär, sie erzählen keine spannenden Geschichten und handeln meist von gewöhnlichen Menschen. Nach virtuosen Kameratricks und effektvollen Montagen sucht man in seinen Filmen vergeblich. Aber gerade in dieser Reduziert-heit der Mittel, Leighs kompromisslosem Blick für das Wesentliche und seinem radikalen Pluralismus liegt ihre Einzigartigkeit. Patrick Bethke

Mike Leigh/Arthaus Close-Up (1990-1996)

DVD-Box mit den Filmen “Life is Sweet”, “Nackt” und “Lügen und Geheimnisse”

Regie: Mike Leigh

Darsteller: Alison Steadman, Brenda Blethyn, David Thewlis, Timothy Spall

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