
Der Tod ist tot. Niedergestochen auf seinem ureigenen Terrain: der „Jedermann“-Bühne in Salzburg. Mit bürgerlichem Namen heißt der Tod Hans Dieter Hackner, aber sonst ist nichts prosaisch in dieser Angelegenheit. Als theatralisch empfindet der Kommissar Martin Merana vielmehr den Mord und – man muss es so nennen – die Inszenierung des Leichnams: Mit gefalteten Händen und barfüßig liegt der tote Körper Hackners auf der Bühne. Genaugenommen sei das sogar zu theatralisch, denkt Merana; Salzburg hin, Festspiele her. Aber dieser Gedanke wird verdrängt von anderen, und vielleicht hätte Merana den Mord eher aufgeklärt, wenn er sich nicht hätte ablenken lassen. So aber konzentriert er sich erst einmal auf Schauspieler und Regisseure bei seinen Ermittlungen.
Was so falsch wiederum nicht ist. Hackner war eines der Alphatiere in Salzburg; er hat nicht nur den Tod gespielt im „Jedermann“, er hat das Stück auch inszeniert. Einige Entscheidungen hätte die Festspielleitung sprichwörtlich nur über seine Leiche treffen können. Und es hat diese Entscheidungen tatsächlich gegeben: Hans Dieter Hackner hat über die aktuelle Saison hinaus in den Plänen der Festspielleitung keine entscheidende Rolle mehr gespielt. Und wäre aber dennoch nach wie vor mit im Boot gesessen – auch wenn das kaum einer ahnen konnte. Merana stochert also durchaus im richtigen Nest, wenn auch zunächst aus den falschen Gründen.
Man kann sich diese Festspiele mit allem, was daran hängt, wie einen Bienenstock vorstellen: ein geschäftiges Treiben, das trotz aller scheinbaren Wuseligkeit bestens – weil streng hierarchisch – organisiert ist. Und von außen nicht einsichtig. Der ORF-Journalist Manfred Baumann hätte in seinem ersten Krimi „Jedermanntod“ den Kommissar Merana nun wie einen hungrigen Honigbären in diesen Bienenstock hineinfahren und seine Bewohner gehörig aufscheuchen und -schwirren lassen können. Kommissar Thiel aus den Münsteraner „Tatort“-Folgen zum Beispiel würde so verfahren, dem es stets ein Vergnügen ist, desto rücksichtsloser zu sein, je besser beleumundet und energischer auf Diskretion bedacht das Milieu ist, in dem er ermittelt. Aber obschon Martin Merana kein Schöngeist und bestenfalls der Toskanafraktion zuzuordnen ist, steht er deshalb nicht automatisch in Opposition zu den Reichen, Schönen, Wichtigen der Stadt.
Der Kommissar stammt aus der Provinz, aus dem Pinzgau, sehnt sich jedoch danach, ein Teil von Salzburg zu werden und nicht der Gast zu bleiben, als der er sich selbst 25 Jahre nach seinem Zuzug immer noch empfindet. Das Fassadenhafte und die Inszenierung ihrer selbst, das Spielerische, das gefällt ihm an Salzburg.
Manfred Baumann erzählt sein Salzburger Sittengemälde – er selbst stammt aus dem nahen Hallein – in einem angenehm lakonischen Ton. Den er manchmal allerdings untergräbt, indem er ein, zwei Sätze zu viel verwendet, um ja nicht missverstanden zu werden. Als wäre manches nicht längst gesagt, auch wenn es nicht ausgesprochen wird. Die Ermittlungen in dem Mordfall hat Baumann weitgehend so geschickt komponiert, dass der Krimi durchweg spannend ist. Ein Manko jedoch hat dieser Roman: Manfred Baumann blendet die Öffentlichkeit nahezu vollständig aus. Dass sich aber die Medien kaum und die Bewohner der Stadt gar nicht dafür interessieren, wenn ein Schauspieler aus dem „Jedermann“-Ensemble ermordet wird – das kann man dem Schauplatz Salzburg nicht abnehmen. Die vielen Wechselwirkungen zu berücksichtigen aber, die eine äußerst neugierige Beobachtung der Ermittlungen sowie konkurrierende Recherchen hervorrufen, hätten einen ganz anderen Wurf verlangt. An dem hat sich der Autor vorbeigemogelt. Stefan Fischer
Manfred Baumann: “Jedermanntod”. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2010, 374 Seiten, 11,90 Euro.