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Geschrieben von Florian Altenhöfer  am  30. August 2010

Nicht immer ist die Wüste gefährlich, sie hat auch ihre lächerlichen Seiten, die etwa Mel Brooks in "Spaceballs" vorführt. Foto: Cinetext.

Heiß oder kalt, die Wüste ist immer ein lebensfeindlicher Ort. Für die Menschheit war das aber nie ein Grund, sich von den meilenweiten Sand- und Schneeflächen fernzuhalten. Diese leeren Landschaften strahlen seit jeher eine unheimlich große Faszination auf den Menschen aus, der sich an ihnen in Literatur, Malerei und Film unaufhörlich abarbeitet. Häufig dient die Wüste als Sinnbild für die Seele und als Sphäre der Selbstbehauptung. Mel Brooks war es damit nicht so ernst, als er die Wüste in “Spaceballs” buchstäblich durchkämmen ließ. Der Kulturgeograf Anton Escher und der Filmwissenschaftler Thomas Koebner haben sich für eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Thema entschieden und die Aufsatzsammlung “Todeszonen – Wüsten aus Sand und Schnee im Film” bei der edition text+kritik herausgegeben. Darin beschäftigen sich verschiedene Autoren – mal beiläufig, mal konkret – mit den Bedeutungen, die der Projektionsfläche Wüste im Film zugeschrieben werden.

Ähnlich wie bei früheren filmwissenschaftlichen Bänden der edition text+kritik wechseln sich auch hier wirklich spannende Beiträge mit Texten ab, die eher Lexikon-Einträgen ähneln. Bei letzteren reiht sich lediglich Inhaltsangabe an Entstehungsgeschichte, ohne dabei eine wirklich zusammenhängende Idee oder These zu entwickeln. Annette Deeken etwa schreibt sich durch die Anfänge der Wüstenfilme in den zwanziger und dreißiger Jahren, hält kurz in den Fünfzigern inne, und springt urplötzlich in die Gegenwart. Dort lobt sie den Dokumentarfilm “Die Wüste” von Ebbo Demant in den Himmel, der für sie die Essenz der Wüste filmisch veranschaulicht hat. Auf dem Weg dorthin blieb “Die Geschichte vom weinenden Kamel” mit einer kurzen Ohrfeige auf der Strecke. Viel mehr als Deekens persönlichen Geschmack erfährt man nicht. Mit Voreingenommenheit hat auch Felicitas Kleiner zu kämpfen, die sich vor allem zeitgenössischer Wüstenabenteuer aus Hollywood annimmt. Sie stört sich daran, dass Schauplätze in amerikanischen Filmen häufig nicht die tatsächlichen sind und die Einheimischen häufig stereotyp dargestellt werden. Sahara mit Matthew McConaughey und Hidalgo mit Viggo Mortensen sind ihr besonders ein Dorn im Auge, hier träfen sich amerikanische Selbstbeweihräucherung mit sentimentaler Geschichtsversöhnung.

Besonders gelungen sind unter anderem die zwei Texte von Thomas Koebner. In seinem ersten Aufsatz fragt er sich, was den Menschen seit über hundert Jahren zu lebensgefährlichen Expeditionen ins Eis bewegt – schließlich ist da nicht viel zu holen außer abgefrorenen Zehen und ein bisschen Ruhm. Amüsant und ironisch analysiert er die frühen Expeditionsfilme “S.O.S. Eisberg” mit Fliegerstar Ernst Udet und “Scott of the Antarctic” von Charles Frend. Beide Filme zeigen die tödlichen Gefahren der Eisberge und Schneestürme, lassen einen aber ratlos zurück: Wozu der ganze Aufwand? In seinem zweiten Aufsatz beschreibt Koebner sehr sinnlich die Wahrnehmung der Wüste in der Literatur des 19. Jahrhunderts und kommt elegant von Denis Diderot und Friedrich Schiller zum Kino, mit Erich von Stroheim (“Gier”) und David Lean (“Lawrence von Arabien”). Die Wüste ist hier Flucht vor der Zivilisation, rechtsfreier Raum, symbolische Todeszone und transzendaler Ort.

Über die Wüste im Science-Fiction schreibt Andreas Rauscher. Der Film “Dune” von David Lynch wird von visualisierten Gedanken und Träumen bestimmt, die Wüste auf mentale Schauplätze reduziert. “Dune” nutzt Rauscher aber eher als Vorwand, um zu seiner eigentlichen Vorliebe zu kommen: “Star Wars” in all seinen Facetten. Darin wurde Tunesien zu einem gesamten Wüstenplaneten, doch Rauscher befasst sich mehr mit dem Genre-Mischmasch, den die sechsteilige Saga von Georg Lucas ausmacht. Das wird ansprechend wiedergegeben, und besonders Rauschers Bemerkungen zur häufigen medialen Überschreitung von Star Wars, die bis zur erzählerischen Neudefinition im Computerspiel “Knights of the Old Republic” reicht, sind spannend und interessant. Sie passen aber nicht in den vorgegebenen Kontext der Wüste und werden dementsprechend knapp und verlegen abgehandelt.

Matthias Bauer wehrt sich gegen hartnäckige Interpretationen von Michelangelo Antonionis “Zabriskie Point”, die den Film hauptsächlich als konsumkritisches Werk verstehen, das nur an der Gegenüberstellung von Zivilisation und Wüste interessiert sei. Bauers Beitrag zeigt sehr schön, wie Filme ihrer Entstehungszeit entwachsen und sich der zeitgenössischer Bezügen entledigen können, die sich dem Publikum seinerzeit allzu sehr aufdrängten. Bauer platziert “Zabriskie Point” zwischen Sigmund Freund und Friedrich Nietzsche: Antonionis Film kommentiert das willkürliche und sinnlose Wesen der Welt, das der permanenten Sinnproduktion der Zivilisation gegenübersteht. Diesen Gegensatz des Lebens unterstreicht der Autor mit dem treffenden Beispiel, dass selbst für Nomaden die Wüste kein Lebensraum sei, sondern die Oasen, zu denen sie regelmäßig wandern. Florian Altenhöfer

Anton Escher und Thomas Koebner (Hg.): “Todeszonen – Wüsten aus Sand und Schnee”, edition text + kritik, München 2009. 178 Seiten, 19 Euro.

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