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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Wer früher stirbt, hat mehr vom Limbus Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Marko Pfingsttag  am  1. September 2010

THC, DMA, Crystal Meth - kannste alles in der Pfeife rauchen.

Zwei Wahrheiten enthält Gaspar Noés neuester filmischer Belastungstest. Die eine wird bereits nach wenigen Minuten offensichtlich und lautet: Halluzinogene fetzen. Jene computergenerierte Sequenz ist verblüffend nah dran an den drogeninduzierten Feuerwerken: geometrische Strukturen, filigran organisches Gespinst, pulsierende Lichtsynapsen.


In diesem Moment jault man kurz auf: Wäre Enter the Void doch nur in 3-D! Aber auch in traditioneller Plattheit ist der Film (visuell) berauschend. Und er sei allen empfohlen, die stets mal einen kleinen ungefährlichen Tiefenblick erhaschen wollten, ohne sich gleich für Stunden jenseits des eigenen Wahrnehmungshorizonts zu katapultieren. Und ohne unablässig mit dem Opiumfresserelend à la Trainspotting oder Requiem for a dream gebeutelt zu werden.

Ganz ohne Junkietragödie geht es jedoch auch bei Noé nicht: So wird die Hauptfigur Oscar (Nathaniel Brown) beim Dealen in einer Tokyoter Kneipe namens „The Void“ von Zivilfahndern erwischt, er verbarrikadiert sich in der vermutlich dreckigsten Toilette Japans und wird von einem Pistolenschuss getötet.

Oh, wie schön doch Schottland war.

Oh, wie schön doch Schottland war.

Hier beginnt nun die sprichwörtliche Seelenwanderung Oscars, die jähe, unerwartete out-of-body-experience. Fortan schwebt seine Seele, und somit die Kamera, frei über dem Geschehen. Bislang sahen wir alles durch die Augen Oscars, Blinzeln in Form sekundenbruchteillanger Schwarzbilder inklusive.

Was folgt, ist absehbar, denn ein Drehbuchkniff drückte uns vorab geradezu eine road map in die Hand. Oscars Compagnon Alex fasst für ihn rasch die Inhalte des Tibetischen Totenbuchs zusammen: Die Seele verlässt nach dem Tod (alternativ im Traum oder unter Drogen) den Körper, steht mit einem Bein im Limbus, geistert noch eine Weile durch die Welt, sie geht ins Licht und wählt letztlich eine adäquate Wiedergeburt.

Und exakt so kommt es auch. Obligatorisch sind da Oscars Seelenflüge über Tokyo und wie er stumm die traumatisierten Hinterbliebenen observiert. Zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen Restwirklichkeit, Wunsch- und Alptraum und lysergsäuregetränkter Bonbonbuntheit.

Abtasten statt abtanzen. Polizei-Razzia vor dem "Void".

Von größter Bedeutung jedoch ist, auf was Oscar sich erinnernd zurückblickt: Der Unfalltod der Eltern, bei dem er und seine kleine Schwester auf der Rückbank saßen. Wie er viele Jahre später Linda (Paz de la Huerta, die Nackte aus Jim Jarmuschs „The Limits of Control“) zu sich nach Tokyo holt, um weiterhin seinen Schwur zu erfüllen, den er als Kind geleistet hat, nämlich stets für sie da zu sein.

Der Grund für das krampfhafte Festhalten seiner Seele an der Welt der Lebenden wird klar; weitere Flashbacks suggerieren zudem eine inzestuöse Anziehung, jubeln uns eine Erwartungshaltung unter, die auf das Manifestwerden dieser Andeutung pocht – und nicht enttäuscht wird. Oscar sucht sich den Unterleib seiner Schwester als Ort seiner nächsten Inkarnation aus. Schwur erfüllt, Eros gestillt – konsequenter und melodramatischer geht es nicht.

Unterm Strich: alles klug und schlüssig, Buddhismus- und Psychedelika-Kundige nicken „Enter the Void“ ab.

Bonbonbunt und organisch.

Beinahe entspricht der Film den Konventionen des Drogen-, Exzess und Skandalfilmgenres. Doch Noé umgeht dies geschickt und zieht zugleich all jenen den Stecker, die ihm dumpf Etiketten anheften möchten, allen voran das des enfant terrible. Indem er sich einfach auf „Enter the Voids“ radikalen Subjektivismus verlässt. Alles wird durch Oscars Augen betrachtet, nur selten wird er selbst zum Objekt seiner Betrachtung: Wenn er in den Spiegel oder seine Seele auf den am Boden liegenden Leichnam blickt.

Viel wichtiger noch: Der stream of consciousness ist ein visueller. Und kein James-Joyce’scher stream of Geplapper. Oscars Seele denkt nur selten laut. Noé verzichtet auf das Kommentieren und Kontextualisieren, er schildert Glück und Leid wie durch Überwachungskameras. Nicht mittels dramatisierender Perspektivwechsel. Indem er sich diesem Handwerk verweigert, wird hier das Diktum „die Einstellung ist die Einstellung“ erst wahr: Man steht über den Dingen.

Die Distanz, die sich einstellt, ist keine gefühlskalte. Sie ist eine voll des stillen Gleichmuts, frei von einem diskursiven und wertenden Denken. Ereignis bleibt Ereignis, Phänomen bleibt reines Phänomen. Anders gesagt: Der Geist, jenes unentwegt plappernde Äffchen, kommt zur Ruhe. „Enter the Void“ ist eigentlich ein stiller, zutiefst buddhistischer Film. Wer eine Langfassung von The Prodigys „Smack my bitch up“ erwartet, oder ein „Irreversible II“, der wird enttäuscht werden. Gewalt, Drogenkonsum, Sex – egal wie nah die Kamera dran ist, die Teilnahmslosigkeit lässt keinen voyeuristischen Thrill aufkommen.

Gegen Ende ist eher das Gegenteil der Fall: Genitalien glühen vor yogischer Energie, die Kamera dringt zudem tief in den Zeugungsakt ein. Man ist froh, dass doch nicht in 3-D gedreht wurde, und dass Noé die klebrige Szene zwischen Penetration und Eizellenbefruchtung ausspart.

Ja, es wird zunehmend lächerlich, man schaut genervt auf die Uhr, zu oft ist Oscar bereits in diverse Lichter gegangen. Und es tut sich die zweite Wahrheit auf, die sich in einhundertfünzigminütiger Gestalt manifestierte: Das Leben enthält ein paar großartige Momente, aber über lange Strecken ist es doch etwas nervig.

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Marko Pfingsttag

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