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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

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Geschrieben von Tina Schlegel  am  9. September 2010

Wäre Musik oder wenigstens eine Melodie im Spiel, man könnte die Geschichte für eine Variation von „Spiel mir das Lied vom Tod“ halten. „Das finstere Tal“, der Debütroman von Thomas Willmann, ist ein Rachedrama von bedingungsloser Konsequenz, bitter, absolut schonungslos. Dabei fängt es harmlos an. Ein Fremder kommt in ein Dorf in den Alpen, Ende des 19. Jahrhunderts, und bittet um eine Bleibe. Diese wird ihm gegen eine angemessene Bezahlung gewährt. Die Witwe Gader und ihre Tochter Luzi können angeblich noch Hilfe gebrauchen. Der Fremde namens Greider willigt ein und erklärt außerdem, die Landschaft malen zu wollen. Er wird den ganzen Sommer durch das Tal streifen und Skizzen sammeln und schließlich auch über den Winter bleiben. „Wenn’s jetzt net gehn, dann kommen’s nimmer weg“, gibt die Gaderin zu bedenken und meint den drohenden Schnee. Böse, wer da Böses ahnt, und doch kann man sich von Beginn an der Vermutung nicht erwehren, dass es gewaltig brodelt in jenem Hochtal, aus dem es tatsächlich kein Entkommen gibt. Doch zunächst erinnert Willmanns Roman an klassische Heimatliteratur. Als sich jedoch die junge Luzi verliebt und ankündigt, heiraten zu wollen, kippt überraschend die Stimmung – und zwar nicht zum Guten –, wird getragen von düsteren Zeichen und noch düstereren Blicken. Unerklärliche Todesfälle versetzen das Dorf in Unruhe und allmählich entfaltet sich eine weitere Geschichte – das Geheimnis des Dorfes und des Fremden.

Wie im Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ wünscht man sich auch in „Das finstere Tal“ eine Erkenntnis der Bösewichte über ihren Rächer, auf dass ihnen ein Moment des Bedauerns oder wenigstens der nackten Angst widerfahre. Und wie im Film wird die Menschenjagd zelebriert, scheinbar endlos. Willmann geizt nicht mit Grausamkeiten. Er bleibt auch in den abgründigen Momenten wortreich. Wie ein Kameramann fokussiert er Schmerz und Verwundung physischer und seelischer Natur.

Doch nicht nur in den Momenten der Zerstörung bewegt sich Willmann nah an seinen Objekten – als würde er sie einkreisen und dann erbarmungslos zuschlagen – auch in der Beschreibung der Menschen und der Natur ist der Autor geradezu unerbittlich exakt. Er seziert alles, jeden Augenblick und jede auch noch so kleine Begebenheit. Bisweilen schildert Willmann derart ausführlich und detailfreudig, beispielsweise das Eintreffen des ersten Schnees, dass man sich als Leser ein wenig darin verliert. Da geht es sprachlich doch recht verspielt zur Sache, die erst allmählich dann handfester „Schnee“ wird.

„Es war kalt geworden in der Hochebene. Seine ersten zwei, drei Wochen hatte Greider den Bergkessel noch oft erfüllt gefunden von einem hartnäckigen Nebel, der aus allem die Farben zu saugen schien und der manchmal erst mittags widerwillig der Sonne Durchlass gewährte. Doch diesem fahlen Dunst war es jetzt selbst zu ungastlich geworden, und an seiner statt bleichte in den frühen Stunden des Tages ein pelziger Raureif die Welt. Als wolle der Winter Maß nehmen für das weiße Tuch aus dickerem Stoff, das er bald über alles breiten würde. An manchen Tagen fiel auch schon der erste echte Schnee, in vorschnellen Flocken, deren fadenscheinige decke spätestens am nächsten Mittag von den Strahlen einer zunehmend blassen Sonne zerschlissen und aufgetrennt wurde.“

Wer diese Zeilen liest, wird zunächst kaum erwarten, dass einige Kapitel später in der gleichen sprachlichen Wucht Menschen gemordet werden. Da macht Willmann durchaus in inhaltlichen Quantensprüngen. Andererseits, das ist kein Nachteil, wenn einer sein Handwerk – die Sprache – so beherrscht, wie Willmann das zweifellos tut. Denn bei aller Ausführlichkeit wohnt seinen Sätzen eine ungeheure Beobachtungsgabe inne sowie eine sprachliche Brillanz, so dass die Sätze eben nie banal wirken oder gar zur Langeweile verkommen. Zudem gewinnt man einen Verdacht, der sich alsbald bestätigt: Willmann baut in seinem eng gesponnenen Sprachnetz eine Atmosphäre auf, die jener Geheimnisvollen des Tals und seiner Bewohner an Dichte in nichts nachsteht. Der Leser ist wie Greider und letztlich alle Opfer des Dramas heillos gefangen. Tina Schlegel

Der Münchner Kulturjournalist und Filmkritiker Thomas Willmann präsentiert seinen Roman “Das finstere Tal” am Samstag, 11.9.2010, 20:00 Uhr im Werkstattkino, Fraunhoferstr. 9, 80469 München. Der Eintritt ist frei.

Thomas Willmann: „Das finstere Tal“, Liebeskind Verlag, München 2010. 320 Seiten, 19,80 Euro.

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