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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Terror in San Francisco Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Barbara Wopperer  am  12. September 2010

„They’d taken everything from me. First my privacy, then my dignity.“

Marcus ist ein Computernerd, der sich einen Spaß daraus macht, die Überwachungssysteme seiner High School zu überlisten – und er ist ein ganz normaler Teenager, der mit seinen Freunden die Schule schwänzt und nervös wird, wenn ein Mädchen sich für ihn interessiert. Mit der Hybris der Jugend, gedoppelt durch seine extensiven Computerkenntnisse, fühlt er sich der Erwachsenenwelt und ihren schwachen Versuchen, durch Kontrollsysteme seinen Alltag zu überwachen, überlegen. Sein gesichertes Schulnotebook hat er längst geknackt, die Schrittsoftware der Schule – eingeführt, um unerlaubtes Entfernen vom Schulgelände zu verhindern – lässt sich leicht mit Steinen im Schuh aushebeln; und der Schuldirektor kann ihm mit seinen leeren Drohungen ohnehin keine Angst einjagen. Marcus ist ihnen allen überlegen, er kennt seine Rechte als amerikanischer Bürger – und dazu noch alle denkbaren technischen Schlupflöcher.

Das alles ändert sich nach einem Terroranschlag auf San Francisco. Marcus und seine Freunde, die sich zu dieser Zeit auf der Straße statt in der Schule befinden, werden festgenommen, an einen ihnen unbekannten Ort verschleppt und dort ohne Angabe von Gründen festgehalten. Sie alle stehen auf einmal unter Verdacht, an den Anschlägen beteiligt gewesen zu sein – oder zumindest etwas gewusst zu haben. Es beginnt eine Zeit der Befragungen, der psychischen Machtspiele, die sich schließlich bis zur Folter steigern – bis Marcus sich schließlich, nachdem er wochenlang isoliert gehalten wurde, ständig befragt, permanent beschuldigt, angebunden in seiner Zelle in die Hosen pinkelt: „The plastic cuffs didn’t come off and my shoulders ached, then went numb, then burned again. I lost all feeling in my hands. I had to pee. I couldn’t undo my pants. I really really had to pee. I pissed myself.“ Diese Demütigung, gefolgt von weiteren Befragungen, ist schließlich genug, um seinen Willen zu brechen. Völlig erschöpft und nahezu willenlos unterschreibt er alles, was ihm vorgelegt wird, einziges verbliebenes Ziel – sich den Weg zurück in die Freiheit nicht zu verbauen: „I paged through the papers and my eyes watered and my head swam. I couldn’t make sense of them. … „What happens if I don’t sign this?“, I said. She snatched the papers back and made that flicking gesture again. … I lost it. I wept. I begged to be allowed to sign the papers. … They sat me down. One of them put the pen in my hand. Of course, I signed, and signed and signed.“

Cory Doctorow schildert in seinem Roman „Little Brother“ bekannte Szenen. Die Taktiken, die zum Einsatz gebracht werden, der psychologische Druck, die Bereitschaft, irgendwann alles zuzugeben, all das kennt man aus Nachrichten und politischen Diskussionen. Doctorow aber holt das abstrakte Wissen, die Qualen, die sonst nur „den Anderen“ angetan werden, nach Hause. Indem er eine Gruppe rebellischer, aber zutiefst unschuldiger Jugendlicher in den Fokus der amerikanischen Sicherheitsbehörden geraten lässt, zeigt er eindruckvoll auf, wie dünn die Grenzen zwischen Aktionen gegen die Anderen, die Schuldigen – die vom Großteil der Bevölkerung nur allzuschnell als hilfreich und notwendig aktzeptiert werden – und den Unschuldigen sind. Eingewoben in eine hautnah und unmittelbar geschilderte, ganz alltägliche Geschichte klärt er über statistische Wahrheiten auf (wie viele Unschuldige bei den momentan praktizierten Taktiken zwangsläufig ins Raster fallen, zum Beispiel, nur um den einen oder anderen Schuldigen mitzuerfassen) und gibt ganz konkrete Anweisungen, wie man Überwachung und Einschränkungen von Freiheiten aktiv bekämpfen kann. In der Figur von Marcus’ Vater setzt er sich dabei dezidiert auch mit der weit verbreiteten Haltung auseinander, dem Staat freie Hand zu lassen solange es um die Erhöhung der eigenen Sicherheit geht, schließlich sehen Unschuldige sich qua Unschuldsstatus automatisch vor Verfolgung und falschem Verdacht geschützt. Er zeigt auf, dass Unschuld nicht mehr viel Wert ist, in einer Gesellschaft, in der die Unschuldsvermutung nicht mehr gilt, in der der Leitspruch „im Zweifel für den Angeklagten“ keine Gültigkeit mehr besitzt.

Man braucht nicht auf die offensichtlichen Anlehnungen an Orwell’s berühmtes „1984“ (die Referenz im Titel, Marcus Spitzname Winston) zu verweisen, um Doctorows „Little Brother“ in der Tradition der englischsprachigen anti utopian novel zu verorten. Die dysthopischen Welten, die in Romanen wie „1984“, „Brave New World“ oder „Fahrenheit 451“ jenseits, zukünftig der Aktuellen entworfen wurden, erzählten ebenso von Gleichschaltung, Kontrolle und dem Verlust von Freiheit, wie Doctorow dies tut. Die Angst vor Zensur, einer totalitären Übermacht und dem schrittweisen Verlust elementarer Rechte und Freiheiten, sie prägt die Klassiker ebenso wie Doctorows ganz aktuelle Schreckensvision.

Was die Welt in „Little Brother“ allerdings noch erschreckender erscheinen lässt, als es die tristen und auswegslosen Zukunftsphantasien von Huxley, Bradbury und Orwell waren, ist ihre Nähe zur Realität. Terroranschläge und darauffolgende Einschränkung von Freiheiten sind keine fernen Zukunftsängste, sie liegen in unserer Gegenwart, ebenso wie Folter, und Überwachung. Indem Doctorow die Schrauben jeweils nur ein paar Millimeter weiter dreht, bestehende Zustände zwar zuspitzt, dabei aber einer Richtung folgt, die sich aktuell bereits abzeichnet, wird die Welt die er beschreibt zu mehr als nur der schwarzen Vision einer befürchteten fernen Zukunft. „Little Brother“ zeigt im Gegenteil ganz konkret wie unsere nahe Zukunft aussehen könnte – aussehen wird, wenn wir nicht beizeiten anfangen uns gegen diesen Trend zu Wehr zu setzen. Es ist dabei nicht immer ganz einfach, sich als digital immigrant in Doctorows von digital natives und Nerds bevölkerter Welt zurecht zu finden, beißt man sich aber auch als computerferner Leser durch die Seiten von technischen Beschreibungen, so blickt man mit mehr Bewusstsein und auch einem Gutteil an Wissenszuwachs auf die Zustände und die möglichen Gefahren, die in den technischen Entwicklungen der Zukunft liegen. Dabei beschränkt Doctorow sich aber nicht aufs Unkenrufen, er gibt im Gegenteil ganz konkrete Hinweise, an welchen Stellen man einschreiten, sich zur Wehr setzen kann – und wie es gelingt, sich die bedrohliche Technik zu nutzen zu machen. Sein Buch ist keine Warnruf vor jenem technischem Fortschritt, der eine gezielte und umfassende Überwachung erst ermöglicht; denn dieser erscheint für Doctorow nicht nur unvermeidlich, sondern selbstverständlich – und oft auch schon Tatsache. Vielmehr zeigt Doctorow anschaulich und nachvollziehbar auf, wie man mit, nicht gegen den Fortschritt arbeiten kann.

Literarisch ist „Little Brother“ kein großer Wurf, die einfache und direkte Sprache und Erzählweise, der Cast an Protagonisten, deren Blick auf die Welt, sind Merkmale eines Jugendbuchs – nicht umsonst, schließlich ist die Jugend auch die Hauptzielgruppe, an die Doctorow sich wendet. Gerade in seiner Schlichtheit schockiert „Little Brother“ aber umso mehr, zieht – auch den erwachsenen Leser – in eine Welt, die als simpler Alltag eines Nerds beginnt und im Schrecken eines außer Kontrolle geratenen Sicherheitsapparates endet.

Am Wochenende jährte sich der Schrecken des 11. Septembers zum neunten Mal, unzählige namenlose Unschuldige verschwanden in Folge der Anschläge unter Verdacht von der Bildfläche, wurden unbefristet und ohne Prozess inhaftiert. In Amerika wurde unter dem Eindruck der Ereignisse eine ganze Reihe von Einschränkungen persönlicher Freiheiten und Rechte mit schweigender oder gar lautstarker Zustimmung der Bevölkerung diskussionslos durchgewunken. Was unsere Gesellschaft von der in „Little Brother“ trennt, ist möglicherweise nicht mehr, als der Anstoß eines weiteren Anschlages. Nicht zuletzt diese Tatsache macht „Little Brother“ zu einem must-read für Junge wie Alte, digital natives wie immigrants, kurz: für jeden, dem persönliche Freiheit und Privatsphäre unveräußerliche menschliche Rechte sind. Barbara Wopperer

Cory Doctorow, „Little Brother“

Harper Voyager, 2008

kostenlos online erhältlich unter:

http://craphound.com/littlebrother/download/ (Englische Version)

http://manybooks.net/titles/doctorowother08little_brother_deutsch.html (Deutsche Version)

Cory Doctorow liest am 15.9. in Hamburg aus „Little Brother“ (mit anschließender Diskussion), wer teilnehmen möchte, kommentiert hier: http://hamburg.betahaus.de/2010/08/31/cory-doctorow-liest-und-ihr-konnt-zuhoren/ – und ist mit ein bisschen Glück einer der 15 handverlesenen Gäste.

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