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Jede Straße führt ans Ende der Welt Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Patrick Bethke  am  7. Oktober 2010

Am Ende. Die Habseligen im Einkaufswagen verstaut.

Am Ende. Die letzten Habseligkeiten im Einkaufswagen verstaut.

Am Ziel ihrer Reise angelangt, sitzen Vater und Sohn gemeinsam am Strand und blicken auf den grauen Ozean. Was da auf der anderen Seite sei, fragt der Junge, der zum ersten Mal in seinem Leben das Meer sieht. Nichts, antwortet der Mann. Vielleicht ein anderer Vater, der mit seinem Sohn am Strand sitzt, fügt er dann doch hinzu. Er sagt das ohne jede Ironie und Bitterkeit. Zuvor hatten sich die beiden Hunderte Kilometer durch ein graues, ausgestorbenes Amerika immer weiter gen Süden gekämpft, immer weiter Richtung Küste. Vorbei an leergefegten Städten und verfallenen Häusern. Durch tote Wälder hindurch, deren ächzende Baumskelette bei jedem Windstoß umzufallen drohten. Möglichst immer der von maroden Strommasten gesäumten Straße entlang.

Eine gewaltige Katastrophe ist über die Welt hereingebrochen, doch der australische Regisseur John Hillcoat gibt in “The Road” keine Antwort auf Wieso und Weshalb, belässt es nur bei Andeutungen. Genau wie Cormac McCarthy, Autor des dem Film zu Grunde liegenden Romans. Allein was zählt, sind die Konsequenzen. Die Unwirtlichkeit der Natur, oder ihrer kläglichen Überbleibsel, ist dabei noch das geringste Übel. Neben eisiger Kälte ist Hunger der ständige Begleiter der beiden Reisenden – in doppelter Hinsicht. Zum einen sehen sie sich jeden Morgen aufs Neue damit konfrontiert, etwas Essbares auftreiben zu müssen, um den Tag überstehen zu können. Zum anderen müssen sie darauf aufpassen, nicht selbst auf dem Speiseplan zu landen.

Denn in dieser Welt, des dünnen Schutzmantels gesellschaftlicher Verträge und moralischer Vereinbarungen beraubt, ist Kannibalismus die aussichtsreichste Option im Überlebenskampf. Bewaffnete Rotten machen Jagd auf Menschen. Denen, die sich ihnen nicht anschließen wollen, bleibt oft nur der Freitod. Hillcoat zeigt das in Bildern, die oft nur schwer erträglich sind, von einer gewaltverherrlichenden Ästhetik aber weit entfernt sind. Der Horror seiner endzeitlichen Vision liegt in ihrer Glaubwürdigkeit, nicht in der Aneinanderreihung von Ekelszenen. So ist die grauenerregendste Sequenz im Film auch nicht drastisch-bildlicher Natur, sondern der nüchterne Blick auf eine Gruppe von Kannibalen, die in einem familiär anmutenden Verbund ein herrschaftliches Landhaus bewohnt. Nach einer vergeblichen Menschenhatz kehren sie erschöpft in ihr Anwesen zurück. Eine Frau sagt, sie wolle sich frisch machen. Eine andere beschwert sich über den Gestank im Haus. Ein Mann fragt in die Runde, wer einen Drink möchte. Es ist ein funktionierendes Kollektiv, das sich da im Wohnzimmer versammelt hat. Im Keller halten sie sich auf Vorrat Menschen wie Schlachtvieh, eng zusammengepfercht dahinsiechend, einigen fehlen bereits Körperteile.

Am Verhungern. Marodierende Banden auf der Jagd nach Menschenfleisch.

Das ist das, was in “The Road” von Zivilisation noch übrig ist. Doch ist der Film kein Abgesang auf Menschheit und Menschlichkeit. Im Zentrum steht eine Vater-Kind-Beziehung, die von bedingungsloser Liebe erfüllt ist. Der Vater, von einem ausgezehrten Viggo Mortensen eindrucksvoll gespielt, lebt einzig für seinen Sohn. Er will ihn auf die Zeit vorbereiten, wenn er auf sich allein gestellt ist und er will ihn um jeden Preis beschützen. Um jeden Preis, das bedeutet auch, dass er dem Jungen in einem Augenblick höchster Gefahr seinen Revolver, mit nur noch einer Kugel in der Trommel, in den Mund steckt, ihm dabei tief in die Augen sieht und mit der anderen Hand sanft seinen Hinterkopf streichelt. Er ist bereit seinen Sohn, den er über alles liebt, zu töten und es ist das der größte Beweis für seine Liebe. Es wäre ein Opfer, das sich nicht gegen das Kind richtet, sich nicht nur einfach über sein Leben hinwegsetzt, sondern tatsächlich sein Wohl im Sinn hat – denn der Tod ist bei Weitem nicht das Schlimmste, das einem in dieser postapokalyptischen Welt widerfahren kann.

Kodi Smit-McPhee, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten zwölf Jahre alt, vermittelt glaubwürdig die kindliche Naivität und Gutgläubigkeit des Jungen, die in so krassem Gegensatz zum tiefen Misstrauen seines Vaters allen Menschen gegenüber steht. Dennoch bleibt, so sehr man den Schauspielern ihre Hingabe auch anmerkt, das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ein seltsam allgemeines. Hier gibt es keine eingespielte Routine, keine charakteristische Ritualhaftigkeit. Negativer ausgedrückt, es gibt kein wirkliches Verhalten der beiden zueinander. In vielen Szenen scheinen sie sich eher noch kennenzulernen, als sich längst blind zu verstehen. McCarthy wusste in seinem Roman dieses intuitiv funktionierende Verhältnis durch einen extrem minimalistischen Schreibstil zu veranschaulichen, aber Hillcoat findet nicht die filmischen Mittel, diese Beziehung glaubhaft in die physische Welt zu übersetzen. Zu sehr hängt er an jeder Zeile der Buchvorlage. Nahezu jeder gesprochene Dialog findet sich verbatim im Roman wieder, aber es waren eben nicht Gespräche, die McCarthys Figuren so plastisch machten, sondern die sie einfassende reduzierte, rhythmische Konstruktion. An anderer Stelle wiederum hat Hillcoat nicht den Mut, den kompromisslosen Weg des Buches mitzugehen. Eine der brutalsten, aber wichtigsten Szenen aus McCarthys Vorlage spart er aus: In einem Kochtopf entdecken Vater und Sohn die Überreste eines Kindes, kopflos und ausgeweidet. Die Gruppe, unter ihnen eine Schwangere, die soeben noch vom verkohlten Leichnam aß, hat sich fluchtartig aus dem Staub gemacht. „I’m sorry“ ist alles, was der Vater seinem Sohn in diesen Moment sagen kann. Sie werden das noch warme Fleisch nicht anrühren.

Am Abzug. Nur noch zwei Kugeln übrig.

Das Filmende, obwohl wieder nah am Buch, gerät kitschig und unfreiwillig komisch. Viel ist hier dem hoffnungslos verirrten, gefühlsduseligen Soundtrack von Nick Cave geschuldet, der auch das Drehbuch zu Hillcoats vorigem Film “The Proposition” verfasste. Dennoch, “The Road” bleibt ein sehr effektiver, eindringlich verstörender Film, der trotz aller Zugeständnisse zu den düstersten und konsequentesten Ablegern des Endzeitgenres gehört. Von der romantisch gedachten, aber letztlich hochgradig zynischen Verklärung der Apokalypse zur Chance auf einen Neubeginn ist in “The Road” nichts zu spüren. Kein zweiter Garten Eden weit und breit, die Welt ist am Boden. Dass zwei Menschen in ihrem Angesicht noch in stiller Eintracht am Strand sitzen können, das ist das eigentliche Wunder.

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Patrick Bethke

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The Road, USA 2009
Regie: John Hillcoat
Buch: Joe Penhall, Cormac McCarthy
Kamera: Javier Aguirresarobe
Musik: Nick Cave, Warren Ellis
Mit Viggo Mortensen, Kodie Smit-McPhee, Robert Duvall, Guy Pearce, Charlize Theron
Senator Film Verleih, 113 Minuten

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