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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Wildschweinjagd auf Börsenboden Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von David Steinitz  am  21. Oktober 2010

Gordon Gekko ist wieder da. Und Gier, wie es der skrupellose Börsenmakler schon in „Wall Street“ (1987) propagierte, ist immer noch ziemlich geil – nur halt ein bisschen anders. The times they are a-changing. Über zwanzig Jahre nach dem ersten Film hat Regisseur Oliver Stone mit „Wall Street – Geld schläft nicht“ keinen Kommentar zur Finanzkrise, aber, noch besser, einen unterhaltsamen Thriller als Produkt derselben inszeniert, wieder mit Gekko-Darsteller Michael Douglas. Stone nimmt diese Fortsetzung nicht ganz so ernst wie viele Kritiker, die den Film nach seiner Cannes-Premiere in diesem Jahr harsch abfertigten. Nicht ganz so ernst, das bedeutet, „Wall Street 2“ ist ein Hochglanzprodukt, abgestimmt auf die Lust des Publikums nach einem Happy End, privat, wie gesamtwirtschaftlich, wo die Champagnergläser funkeln dürfen. Das ist wohl realitätsfern, aber im Zusammenhang mit einem Hollywoodfilm kann man das schlecht als Vorwurf formulieren. Stone scheut sich nicht, im Sumpf der Krise ein utopisches Es-ginge-auch-anders zu entwerfen, eine Welt, in der der Filmemacher auch nicht davor zurückschreckt, in aller Ruhe den Seifenblasen der Kinder im Central Park beim Platzen zuzusehen, so wie später der Finanzblase an der Wall Street. Die Dramatisierung der Krise braucht in diesem Sinne auch keine unnahbaren Finanzhaie, keine unbestimmte Masse an Opfern, sie braucht handfeste Pro- und Antagonsisten.

Gordon Gekko ist jetzt beides, dramatische Fallhöhe garantiert. Seit ein paar Jahren ist er raus aus dem Knast (herrliche Szene bei der Entlassung: Der Wärter drückt ihm das Trum von Mobiltelefon in die Hand, dass er bei Haftantritt abgeben musste; der Zeitenwechsel ist so innerhalb von ein paar Sekunden süffisant erzählt) und hat ein Buch geschrieben, in dem er den Finanzcrash von 2008 prophezeit. Kurz vor diesem setzt die Haupthandlung des Films ein. Die Börse heute wird verkörpert von Shia LaBeouf, er spielt den jungen erfolgreichen Spekulanten Jake – der zufällig auch der Verlobte von Gekkos Tochter Winnie ist, die kein Wort mehr mit ihrem Ekel von Vater wechseln will.

Nun muss Oliver Stone das zusammen bringen, Familie und Finanzen, und so wird Gekko zu Jakes Mentor, um ihn im Kampf gegen den raffgierigen (oder vielleicht müsste man auch sagen: den im Gegensatz zu allen Anderen noch etwas raffgierigeren) Heuschreckenanführer Bretton James zu unterstützen, zigarrenuckeld-böseguckend gespielt von Josh Brolin. Weil Männer sich gerne kabbeln, das aber im Armani-Anzug auf dem Börsenparkett nicht so gut möglich ist, dürfen Jake und Bretton ihre Egos beim Motorradfahren messen. Klingt alles ein bisschen banal? Nicht wenn man im Börsenhandel lediglich die modernste Variante der Wildschweinjag sieht, in der ein jeder den Obelix in sich wecken muss, um an die dickste Rendite zu gelangen. Also stellt Oliver Stone seinen Protagonisten ein schillerndes Jagdrevier zur Verfügung, wo bunte Zahlenreihen vom Monitor aus finstre Schatten auf die Gesichter zaubern, und in dem manche ökologisch gerecht zur Sache gehen und andere sich der sündhaften Völlerei hingeben. Die Gut-und Böse-Kategorisierung folgt dabei keinem anderen Schema als im Western oder im Thriller und ist deshalb auch weniger profan als durchaus spannend, vor allem weil Michael Douglas’ Gekko zwischen beiden Seiten pendelt und dem Zuschauer neben viel Schwarzweiß auch ein bisschen lebensnahes Grau zu bieten hat. Gordon Gekko, der Zyniker, muss sich entscheiden: Familie? Geld? Irgendwie doch beides? Verwirrende Zeiten, aber auch das war alles schon einmal da. Kurt Tucholsky, gleichfalls Zyniker, gleichfalls einen großen Crash vorausahnend, wusste schon 1927 über die Krise zu sagen, sie sei „jener ungewisse Zustand, in dem sich etwas entscheiden soll: Tod oder Leben – Ja oder Nein“.

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David Steinitz

Finanzen und Familie: Michael Douglas, Shia LaBeouf in "Wall Street - Geld schläft ncht". (Foto: Verleih)

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