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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Der Reiz einer unwahrscheinlichen Verbindung Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Barbara Wopperer  am  1. November 2010

Vier Jahre ist es her, dass Christian Kraus auf den Hofer Filmtagen mit seinem Film „Vier Minuten“ Furore machte. Die Geschichte über eine unwahrscheinliche Verbindung zwischen einer Gefängniswärterin und einem Häftling wurde zum Erfolg, die junge Hauptdarstellerin Hannah Herzsprung mit Preisen ausgezeichnet. Vier Jahre lang hat Christian Kraus danach an seinem neuen Film gearbeitet, eine historische und gleichzeitig eine persönlichere Erzählung; und doch auch diesmal wieder nicht zuletzt die Geschichte einer ungewöhnlichen, einer unwahrscheinlichen Bindung zwischen zwei Menschen. „Poll“ erzählt aus der Jugend der Dichterin Oda von Siering, einer entfernten Verwandten des Regisseurs. Als diese mit vierzehn Jahren ihre Mutter verliert, zieht sie aus Berlin zu ihrem Vater an die baltische Ostseeküste. Dort landet sie mitten in einer Welt der Konflikte: Deutsche, Russen und Esten belauern sich hier voller Misstrauen. Aber nicht nur politisch ist die Situation angespannt: Odas Stiefmutter Milla betrügt ihren Mann mit dem Verwalter, und der Stiefbruder wird vom strengen Vater fürs Lügen in den Schrank gesperrt. Auch die Leidenschaft des Vaters ist keine gewöhnliche, er hat sich ganz dem Tod verschrieben: In einem zum Laboratorium umgebauten Sägewerk schneidet er Leichen auf und konserviert ihre Teile; einmal ist einer der toten Aufständischen, die er von den Russen für seine Experimente kauft, gar nicht tot. Wie selbstverständlich hilft von Siering dann mit einer Spritze nach – der Tod ist ihm wertvoller als das Leben.

In dieser harten Welt findet die junge Oda ganz unverhofft tiefe Freundschaft: Als sie in einem Schuppen einen Verletzten Esten findet, versteckt sie ihn und pflegt ihn gesund. Paula Beer in ihrer ersten Filmrolle versteht es dabei, die 14-jährige Oda glaubwürdig zwischen Reife und Unschuld zu verkörpern, und Tambet Tuisk spielt den verletzten Esten voller Charme und Liebenswürdigkeit. Überhaupt sind es vor allem die bis in die kleinsten Rollen hervorragenden Schauspieler, die Chris Kraus Geschichte tragen – auch über jene Momente hinweg, wenn sie sich in Details und Belanglosem zu verlieren drohen. Durch sie werden die Entfremdung, die Härte und die Grausamkeit greifbar, von denen Kraus in seinem neuen Film erzählt. Ebenso wie die Liebe und Nähe sowie die Erzählung von Familie, die man nicht immer dort findet, wo man sie vermuten würde.

Auch Maria findet Familie, wo sie sie nicht gesucht hat: Auf dem Weg nach Chile hört die junge Frau ein spanisches Kinderlied – und erkennt es wieder. Ein verpasster Anschlussflug und ein gestohlener Pass lassen sie in Buenos Aires stranden, wo sie schließlich erfährt, dass sie eigentlich Argentinierin ist: Mit drei Jahren haben ihre deutschen Eltern sie aus Buenos Aires mitgenommen – nachdem ihre leiblichen Eltern in der Militärdiktatur verschwunden waren. Der Regisseur Florian Cossen nimmt sich in seinem Spielfilmdebüt “Das Lied in mir”

Lust am kruden Experiment: Szene aus Christian Kraus' "Poll". Foto: Hofer Filmtage

, das in Hof mit dem Kodak Förderpreis ausgezeichnet wurde, eines ernsten und konfliktreichen Themas an: In Argentinien verschwanden unter der Diktatur zahlreiche Erwachsene für immer – und um die 30.000 Babies wurden an fremde Familien vermittelt, obschon Verwandte der Eltern existierten. Häufig waren die neuen Familien Teil des Militärs, manchmal aber auch Privatpersonen mit Einfluss. Diese Fälle von massenhafter, staatlich organisierter Kindesentführung wurden dokumentarisch schon öfter thematisiert, Cossen hat ihnen nun eine erdachte Geschichte gewidmet. Inspiriert von einem Aufenthalt in Argentinien, entstand die Geschichte von Maria, deren Ziehvater Anton als deutscher Unternehmer in Buenos Aires lebte, dessen Tat also von politischen Implikationen unberührt bleibt. An Hand dieser Konstellation gelingt es, die Geschichte von Anton, Maria und deren argentinischer Familie als vorwiegend menschliches Drama zu erzählen. Jessica Schwarz überzeugt in der Rolle der jungen Frau, die sich mit einer massiven Lebenslüge konfrontiert sieht und außer Stande ist, einer der beiden Seiten in der Geschichte klar den Vorzug zu geben. Die stärksten Momente findet der Film so auch in Szenen, die diesen Konflikt ins Zentrum rücken. Wenn Marias Tante ihr weinend um den Hals fällt zum Beispiel und in einem Schwall aus geschluchztem Spanisch ihre Gefühle mitteilt – und Maria peinlich berührt dasteht, den Kopf schüttelnd, „I don‘t speak Spanish, English?“. Oder wenn sie Anton auf einmal doch wieder Papa nennt, zu groß die jahrelange Vertrautheit, die Gewohnheit, die Bindung zwischen beiden. Dem Kameramann Matthias Fleischer schließlich gelingt es, Marias neue Wurzeln auch ins Bild zu setzen: Er schenkt uns einige seltene Einstellungen, in denen Jessica Schwarz einmal nicht vor allem wie Jessica Schwarz aussieht – kein Leichtes, denn durch die signifikante Stimme und das Aussehen der Schauspielerin scheint meist hinter ihren Figuren stets noch sie selbst heraus. Hier aber sehen wir in der Nahaufnahme mit einem Mal eine Argentinierin, sehen tiefschwarze Augen, aus denen die Verwirrung spricht und die Sehnsucht nach etwas, dass man nie recht kannte und doch zutiefst vermisst. Leider aber bleiben diese Momente selten, ist der Film zu sehr bemüht, seinem komplexen historischen und persönlichen Impetus gerecht zu werden und kommt dabei den Emotionen der Figuren selten so nah, wie man es sich wünschen würde.

Mike Leigh hingegen, gibt dem Zuschauer keinen Freiraum, keine Verschnaufpause von den Emotionen, die die Figuren in seinem neuesten Film „Another Year“ beuteln. Auch er erzählt von Familie, von Verbundenheit und Einsamkeit. Indem Leigh sich aufs Kleinteilige fokussiert, gelingt ihm die großartigste Umsetzung der Geschichte vom Zwischenmenschlichen. Bis an die Schmerzgrenze geht er dabei, bei der Einsamkeit und Verzweiflung, die er zeigt – und dann noch ein paar Schritte weiter. Vor dem Tableau des Paares Gerrie und Tom, die seit Jahrzehnten ihren gemeinsamen Alltag rund um Gartenarbeit, Kochen und gemeinsamem Zeitungslesen genießen, widmet Leigh sich vor allem jenen Menschen, die nicht so glücklich sind. Der alte Studienfreund Toms zum Beispiel, dessen Leben sich um Essen und Trinken dreht, der nicht an Ruhestand denkt, weil er nicht wüsste, was er mit sich alleine dann überhaupt anfangen sollte. Vor allem aber Mary, eine Arbeitskollegin von Gerrie, alleinstehend, ohne Familie und stets an der Grenze zum Zusammenbruch. Wie sie versucht, an Gerries und Toms Glück teilzuhaben, dabei immer wieder Grenzen überschreitet, aneckt, auf die Nerven geht, das spielt Lesley Manville so schmerzhaft echt, das zeigt Leigh so gnadenlos und dabei mit so viel Mitgefühl, dass die Geschichte einen auch Stunden nach Ende des Filmes noch nicht losgelassen hat. Wie viel Grundsätzliches man an kleinen Einzelschicksalen erzählen kann, wie relevant auch die privatesten Filme sein können und wie viel näher man menschlichen Grundkonflikten rückt, wenn man sich nicht bemüht, mehr zu erzählen als nur das ganz normale Leben, all das macht „Another Year“ erfahrbar. Und wird so zum berührendsten Film des Festivals. Barbara Wopperer

Poll

Regie: Chris Kraus

mit Paule Beer, Edgar Selge, Tambet Tuisk, Richy Müller, Jeanette Hain, Susi Stach, Michael Kreihsl, Uma Fritze, Paula Fritze, Indrek Kalda

Das Lied in mir

Regie: Florian Cossen

mit Jessica Schwarz, Michael Gwisdek, Raphael Ferro, Beatriz Spelzini, Carlos Portaluppi

Another Year

Regie: Mike Leigh

mit Jim Broadbent, Lesley Manville, Ruth Sheen, Peter Wight, Oliver Maltman, David Bradley, Karina, Fernandez, Martin Savage, Michele Austin, Phil Davis

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