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Geschrieben von Patrick Bethke  am  7. November 2010

Die eigene Vergangenheit als „Stadt der Bewegung“ behandelt München wie ein offenes Geheimnis. Orte, die während der NS-Herrschaft eine besondere Rolle spielten, sind zwar nicht aus dem Stadtbild verschwunden, nach Hinweisen, die auf ihre Vergangenheit aufmerksam machen würden, muss man aber genau suchen. Im massigen Repräsentationsbau Adolf Hitlers am Königsplatz, dem Führerbau, ist die Musikhochschule untergebracht. Auf dem Gelände des Wittelsbacher Palais an der Türkenstraße residiert, wo früher die Gestapo folterte, heute die Bayerische Landesbank. Im Justizpalast am Stachus verlas der nationalsozialistische Volksgerichtshof die fünf Todesurteile gegen Mitglieder der Weißen Rose. Mancherorts erinnert wenigstens noch eine unauffällige Messingplatte an die braune Vergangenheit, doch den Titel „Stadt der Verdrängung“ darf sich München nach wie vor durchaus zu Recht gefallen lassen. Eine Gedenkstätte im Ausmaß des Berliner Holocaust-Mahnmals in München? Undenkbar. Immerhin soll 2011 mit dem Bau des NS-Dokumentationszentrums auf dem Gelände des „Braunen Hauses“ begonnen werden – nach über zwei Jahrzehnten Gezeter.

Dass die Stadt im 2008 von ihr ausgeschriebenen Wettbewerb „Opfer des Nationalsozialismus – Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens“ es ausgerechnet zur Voraussetzung machte, das keiner der Entwürfe sich an einen bestimmten Ort binden sollte, passt nur zu gut in dieses Muster. Und so kann man durchaus der Meinung sein, dass „Memory Loops“, mit dem die Künstlerin Michaela Melián die Ausschreibung gewann, nichts weiter ist als ein stadtbedeckendes Feigenblatt.

Das Audiokunstwerk ist im Internet unter der Adresse memoryloops.net zu erreichen. Dort erwartet den Besucher ein interaktiver, stufenlos zoombarer Stadtplan Münchens in spartanischem grau-weiß, der zum Zentrum hin immer dichter mit blauen Kringeln durchsetzt ist. Hinter jeder dieser Markierungen steckt eine Adresse sowie eine dazugehörige Audiodatei: ein persönliches Schicksal, ein öffentlicher Aufruf, ein Zeitungsbericht, eingesprochen von Schauspielern und Laien.

„Memory Loops“ ist überall und doch nirgendwo. Das Konzept lädt dazu ein, München entlang bekannter Straßen und Plätze zu durchwandern. Über die weiterführenden Links zu inhaltlich verwandten Soundschnipseln kann man sich im virtuellen Stadtrundgang schnell verlieren. Doch bleibt das Projekt in der Stadt selbst eben unsichtbar. Da helfen auch vereinzelt angebrachte Schilder nicht, die auf eine Telefonnummer verweisen, unter der die aufgezeichneten Erinnerungsschleifen zum Anhören bereit stehen sollen – sie scheinen ebenso gut versteckt wie die Messingtafel im Justizpalast.

Wer von „Memory Loops“ nichts weiß, wird auch nicht darüber stolpern. Doch ein Mahnmal, das ohnehin nur die Menschen anspricht, die es in fester Absicht betrachten wollen, hat seine Aufgabe teilweise verfehlt. Mit einem Mahnmal verabredet man sich nicht zu einer festen Zeit zum Gedenken – selbst wenn es um „Neue Formen des Erinnerns“ geht. Lebendig erlebte Geschichte braucht den realen öffentlichen Raum, der es auch ermöglicht, dass Menschen überrascht innehalten, vor den Kopf gestoßen werden, um die Stadt, ob vertraut oder fremd, mit anderen Augen zu sehen. Doch davon entkoppelt, beschränkt auf den digitalen Leerraum des Internets, tut sich „Memory Loops“ schwer, einen wirklichen Bezug zu den nach wie vor zum Stadtbild gehörenden Orten des NS-Terrors herzustellen.

Dabei ist die emotionale Schlagkraft des Werks beeindruckend. Die unaufgeregten, fast apathischen Stimmen der Schauspieler verleihen den Zeitzeugenberichten eine gespenstische Qualität, lassen, wenn die Opfer von sich wie von einer anderen Person erzählen, den Abgrund zwischen erlebtem Unglück und einem tief sitzenden, instinktiven Unglauben darüber erahnen. Redet dagegen ein Täter, meint man im klinischen Tonfall seine bodenlose Scham herauszuhören. Manchmal braucht es ein wenig, bis man sich als Hörer darüber klar wird, welche Seite gerade spricht. Amtliche Texte, wie Anschlagszettel oder das Vorwort eines Telefonbuches, lässt Melián von Kindern vortragen. Deren naiver Enthusiasmus irritiert zunächst, doch wenn sie mit unveränderter Lesefreude Begriffe wie „Entjudung“ oder „Deutschlands Totengräber“ artikulieren, gelingt es „Memory Loops“ tatsächlich, die komfortable Staubschicht des Terrorbürokratendeutsches mit einem Mal wegzuwischen und Strukturen und Mechanismen der Zeit unter den Nationalsozialisten in die Gegenwart hineinsickern zu lassen. Ein Erfolg für Melián – nicht für München. Patrick Bethke

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