“Herr Pfarrer”, sagt eine Stimme. “Herr Pfarrer, wir sind jetzt gestempelt worden. Es heißt, dass wir morgen fortkommen. Wir werden vergast oder anders umgebracht. Wir wissen es. Der liebe Gott will es nicht, aber er lässt es zu, weil er den Menschen den freien Willen gegeben hat.”
Dies sind die Worte eines Kindes, geäußert vielleicht nur wenige Stunden vor seiner Ermordung durch den NS-Staat. Ein außergewöhnliches Dokument, das sprachlos und betroffen macht in seiner so unumwundenen Versprachlichung des Furchtbaren, des Unvorstellbaren. Es ist eines von vielen Zeugnissen, die Michaela Melián im Rahmen ihres Audiokunstwerks “Memory Loops” zu einer einstündigen Erinnerungsschleife (Loop 3) zusammengefügt hat. Darin kommen fast Vergessene zu Wort – jene Menschen, nach denen in unserer kollektiven Erinnerung an die Verbrechen der damaligen Zeit nur selten gefragt wird: die verfolgten und deportierten Sinti und Roma, die Opfer von Zwangssterilisationen, die vielen, teils geistig behinderten Insassen von Pflegeheimen, die der Tötungsmaschinerie des nationalsozialistischen Deutschland zum Opfer gefallen sind.
Auch die groteske Logik der Täter wird dokumentiert. Durch Kinderstimmen stark verfremdet, sind Ausschnitte aus der Zeitschrift des deutschen Ärtztebundes zu vernehmen, die die “Juden und Zigeuner” mit “Ratten, Flöhen und Wanzen” gleichsetzen und die “Ausmerzung aller Schädlinge” nahelegen, lassen sich Gesuche des Leiters einer Heil-und Pflegeanstalt zur “betrieblichen Optimierung” mittels der Tötung “lebensunwerten Lebens” verfolgen, ist von “erbbiologischer Bestandsaufnahme” zum “Schutz der arischen Volksgemeinschaft” die Rede. Scharf gegen die Zeugnisse der Opfer geschnitten, wird so ein Panoptikum des Grauens sorgsam vor dem Hörer aufgefächert, das die Entartung von Moral und Menschlichkeit ebenso ausstellt wie die bewegenden Schicksale vieler Menschen am Rande der damaligen Gesellschaft.
Es gibt Briefe verzweifelter Eltern, die sich bei der Direktion der Heil-und Pflegeanstalt Egelfing-Haar nach dem Verbleib ihrer dort untergebrachten Kinder erkundigen. Der stets gewahrte Ton unterwürfiger Freundlichkeit macht fassungslos angesichts des Ungeheuerlichen, nach dem die Briefe forschen. “Für ihren gütigen Bescheid im Voraus verbindlichst dankend empfehle ich mich ergebenst”, schreibt eine Mutter an den “lieben Herrn Direktor”. Später erfährt man, dass in den sogenannten “Kinderfachabteilungen” der Anstalt zwischen November 1940 und Mai 1945 etwa 400 Kinder systematisch getötet wurden, durch Luminal-Eingabe oder Nahrungsentzug: “Wir halten sie fett-und eiweislos, dann gehen sie von selber”. Über ein Drittel aller Patienten aus Egelfing-Haar werden bis Kriegsende nach Brandenburg deportiert und dort in einem Tötungslager ermordet. Viele Kinder sind darunter. – “Ich möchte die Direktionsanstalt bitten, mir über den Gesundheitszustand meines Kindes Maria, 3 Jahre alt, Nachricht zukommen zu lassen”. Das Kind ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Als die Mutter das knappe Telegramm erhält, möchte sie wissen, “warum das Kind so Hals über Kopf wegkam, ohne dass wir Eltern es noch einmal sehen durften”.
Anklagen, und das ist das Perfide, das Unvorstellbare, gibt es in diesen Briefen nicht. Die Verzweiflung, die Wut, das Bewusstsein des himmelschreienden Unrechts verstummen vor dem weisungsgemäßen Vorgang, dem behördlichen Befehl, dem geltenden Recht. Alles ist sauber kategorisiert im nationalsozialistischen Deutschland, ist erlassen und in Ordnern abgeheftet, ist unterzeichnet und genehmigt. Auch das machen viele Tonspuren deutlich: dass die Opfer ohnmächtig waren angesichts des monströsen staatlichen Apparats, in dem Verfolgung und Diskriminierung, Deportation und Tötung stets bürokratische Handlungen waren. Dass es ihnen ausweglos erschien, sich gegen Beamte mit akkurat gescheitelten Haaren, Polizisten in Uniformen, ehrwürdige Doktoren und Direktoren aufzulehnen. Dass sie sich wie in Kafkas Parabel “vor dem Gesetz” wähnten und es vielfach als die einzige Möglichkeit ansahen, zu warten und sich in ihr Schicksal zu fügen. Es ist dieses Bild, das sich beim Hören immer wieder gewaltsam aufdrängt, sich in all seiner Obszönität in den Kopf brennt, das zum Fragment des Begreifens des an sich Unbegreifbaren wird. Das den paradoxen Raum zwischen Verstehen und Nicht-Verstehen eröffnet, in dem sich unser Gedenken und unsere Erinnerung nur bewegen können. Eva Mackensen