Die Neandertaler seien eher musisch begabt gewesen – in grauer Vorzeit seien sie die Leute mit den langen Haaren und den Flöten gewesen, die am liebsten vor ihren Höhlen gesessen und Bier oder den Saft vergorener Früchte getrunken hätten. Eine Art steinzeitlicher Hippies. Gegen den sich ständig fortbildenden Homo sapiens hätten sie deshalb auf Dauer keine Chance gehabt. So viel zur Theorie über das Aussterben der Neandertaler vor 40.000 Jahren – aufgestellt von dem Künstlerduo Serotonin, Marie-Luise Goerke und Matthias Busch.
In die Gegenwart übertragen bedeutet das: Die Ungebildeten sterben eher über kurz als über lang aus. Was aber sichtbar nicht stimmt. Hat es also gar keinen Sinn, sich unentwegt weiter zu bilden? Kann man genauso gut den lieben langen Tag Bier trinken? Ist es andererseits bereits ein Ausdruck von Bildung, wenn man Bier aus einem Glas trinkt anstatt aus der Flasche? Serotonin haben ihre halbstündige Sendung „Bier und Bildung“ zwischen Hörspielgroteske und Radioessay eingependelt. Die meisten Szenen sind höherer Blödsinn, etwa eine kleine Familiensituation beim Auspacken von Geschenken unterm Christbaum: „Oh, Bildung“ – „Die ist von Oma“ – „Wie ’rum hält man das?“ – „Keine Ahnung. Gehst zur Oma, tust die fragen.“
Im Kern verhandeln Goerke und Busch im Gewand einer Posse aber durchaus ernsthaft über den Wert von Bildung – bei der Persönlichkeitsentwicklung und als gesellschaftliche Ressource. Sie malen sich aus, wie groß der Fortschritt in Deutschland wäre, wenn über Bildungsgutscheine nicht für Kinder, sondern für Erwachsene als Teil ihres Gehaltes nachgedacht würde. Und werten es andererseits nicht als Verschwendung, wenn bald alle Taxifahrer in Berlin promoviert sind und so gut Urdu sprechen wie ihre Kollegen in London – nur nicht wie dort als Mutter-, sondern als vierte Fremdsprache. Dem bedingungslosen Diktat des wirtschaftlichen Wettbewerbs stehen Serotonin nämlich skeptisch gegenüber: Bildung ist ihnen vielmehr ein Wert an sich. Darauf ein Helles! Stefan Fischer
„Bier und Bildung“, SWR 2, Dienstag, 16. November, 19.20 Uhr.