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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

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Geschrieben von Nicole Baumann  am  1. Dezember 2010

Tausend Seiten in acht Monaten: Ken Follett. Foto: Olivier Favre/Bastei Lübbe

Ein kleiner, weißhaariger Mann betritt den Carl-Orff-Saal des Münchner Gasteigs mit behenden Schritten. Das Kreuz durchgedrückt, schnelle Blicke in die Zuschauerreihen sendend, wohlwissend, dass alle Aufmerksamkeit ihm gilt, schreitet er den Gang ab und betritt die Bühne. Seine azurblaue Krawatte schimmert mit den schelmischen Augen um die Wette. Das gut tausendseitige Buch mit Goldschnitt und schwarzledernem Einband, das er fest unter den Arm geklemmt trägt, sieht aus wie eine Bibel.

Ken Follett ist einer der erfolgreichsten Autoren unserer Zeit. Sein neuestes Buch, das er uns nach zweijähriger Arbeit präsentiert, heißt „Fall of the Giants“, zu deutsch „Sturz der Titanen“. Auftakt zu einer dreiteiligen Geschichtssaga über das Europa des 20. Jahrhunderts. Und er ist stolz auf sein Werk, was die extravagante Ausgabe mit Goldschnitt verrät. Die mehr als tausend Seiten schreibt der Mann mittlerweile in acht Monaten runter, ebenso lang dauert die Recherche, erklärt er den 800 Zuschauern und Bewunderern. Viele graue Schöpfe sieht man da. Viele Frauen. Und doch hier und dort ein paar Jüngere unter all denen im gesetzten Alter. Wie rüstig und voller Leidenschaft die sind, konnte man zuvor im Zwischengeschoss des Gasteig erleben, als es darum ging, einen der begehrten 40 Plätze für das Autorengespräch des Bayerischen Rundfunks (BR) zu ergattern. Voller Vorfreude, Chipstüten knisternd und Caprisonne schlürfend einen zweiten Platz für die Freundin freihalten zu wollen, wird als unverschämt angeprangert. Die ältere Dame macht ihrer Ungläubigkeit mit „Das geht doch nicht!“-Rufen Luft. Sie sucht sich Verbündete und findet sie unter den umstehenden Damen, die ebenfalls ohne Sitzplatz sind. Schnell bildet sich ein Grüppchen, es wird gezetert, gestikuliert und diskutiert und man erreicht damit einiges Aufsehen. Doch letztlich kann der Platz von der älteren Dame nicht eingefordert werden. Die heraneilende Freundin setzt sich unter dem Vorwand, nur eben noch auf Toilette gewesen zu sein, auf den reservierten Sitz. Oder lag es an einer Fehlplanung? Wenn ein Weltstar der Literaturszene nach München kommt, reichen 40 Stühle eben nicht aus. Noch dazu, wenn er so attraktiv ist.

Gut, dass „Fall of the Giants“ von vorneherein in der immensen Erstauflage von 400 000 Stück gedruckt wurde. Um zu der Handvoll Autoren zu gehören, deren Bücher ins Blaue hinein in solch großer Stückzahl auf den Markt gedrückt werden, müssen stattliche Erfolge vorausgegangen sein. Seit mehr als 30 Jahren liefert der ehemalige Enthüllungs-Journalist Romane wie den Spionage-Thriller „Die Nadel“ oder das Mittelalterepos „Die Säulen der Erde“, die von Tausenden gelesen werden und als dankbare Grundlage für ein Drehbuch gelten. „I always wanted to write for thousands. I wanted them to turn pages“, gesteht der 61-Jährige und enttarnt damit seine Strategie. Ja, der Mann verkauft sich gut. Den fehlenden Schwenker samt goldbraunem Cognac kann man sich im BR-Gespräch gut vorstellen. Den prasselnden Kamin im Hintergrund und das Kerzenlicht in irgendeinem britischen Cottage, wenn Ken aus den guten alten Zeiten erzählt. Davon, wie sein Großvater Anfang des 19. Jahrhunderts in den Kohlebergwerken gut 800 Meter unter der Erde gearbeitet hat, als 13-Jähriger, und wie hart und rau diese men’s world gewesen sein muss. Doch bevor die Szene richtig einsinkt in die Gemüter, wird sie von einem Augenzwinkern wieder verscheucht: „I don’t want to know how I would have acted at the age of 13. I’d have run away.“ Gelächter aus den Stuhlreihen, sympathisches Grinsen seitens des Interviewers. Er hat nicht viel zu tun an diesem Abend, Ken Follett setzt seine Pointen bewußt. Es scheint, als habe der Mann der kalkulierten Hochspannungs-Plots sich die Antworten auf wiederkehrende Fragen am Schreibtisch vorformuliert. Wenn man als Autor zu alt ist, um wie Autorenkollege Schätzing als Unterwäschemodell für Aufsehen zu sorgen, muss man eben ein paar galante Antworten parat haben.

Flott und pointiert geht es auch in der anschließenden Lesung im Carl-Orff-Saal weiter. Dem eigentlichen Event des Abends. Zusammen mit der Literaturkritikerin Margarete von Schwarzkopf liest er eine gute halbe Stunde aus seinem Buch. Sie wechseln sich ab und lesen jeweils in ihrer Sprache, sie auf deutsch, er auf englisch. Follett brilliert auch hier, verleiht seinen Figuren unterschiedliche Stimmcharaktere, betont und färbt den Text unterhaltsam und zieht die 800 Zuhörer mühelos hinein in seine Geschichte von Europa zwischen 1911 und 1924. Geschmeidig finden von Schwarzkopf und er, die schon seit zehn Tagen in Deutschland auf Lesereise sind, hinüber in die anschließende offene Fragestunde. Nur etwa 20 Minuten bleiben den Besuchern, um aufzuzeigen und eine Frage an den Meister zu stellen. Der Abend ist straff geplant. Schon wird auf den engen Zeitplan Folletts hingewiesen. Der bleibt ruhig, gibt konzentriert Auskunft über den Ablauf seines Alltags, seine Recherche, seine Vorliebe für starke und attraktive Frauencharaktere in seinen Büchern. Diese kämpfen in „Fall of the Giants“ nicht nur um das Frauenrecht, ihnen sind auch allerlei Liebesszenen gewährt. „Well, I do like writing about sex, but you know – it is nothing like the real thing!“ Wieder hat er einen geschickten Haken geschlagen. Der Geschichtenerzähler lässt sich nicht leicht einfangen. So charmant er sich gibt, er bleibt unnahbar und wirkt jetzt zunehmend nervös. Die Zeit für die Veranstaltung ist eigentlich abgelaufen.

Ken Follett steht um halb sieben auf, setzt sich im Morgenmantel an den Schreibtisch, außer einer Tasse Tee gibt es nichts bis zum Mittag. Dann schreibt er weiter bis fünf Uhr am Nachmittag. Dann eine Stunde Büroarbeit, Korrespondenz und dann, wenn seine Kreativität versiegt ist, zur Belohnung ein Glas Champagner. Und das sechs Tage die Woche. So wird er den zweiten Teil seiner Trilogie mit den Titel „Winter of the world“, der die Jahre bis 1949 umfasst, in zwei Jahren fertig haben und den dritten Teil der Geschichte bis zum Mauerfall 1989 im Jahr 2014 abliefern. Ein straffes Programm. Auch Margarete von Schwarzkopf attestiert dem kleinen weißhaarigen Mann mit den energisch geschwungenen schwarzen Augenbrauen einen harten Arbeitswillen. Selbst auf der Tour habe er unentwegt recherchiert und geschrieben und sei nur zwischendurch auf die ein oder andere Bühne gestiegen, um die Lesung zu absolvieren. Das tut er professionell und ein bisschen zu effizient. Und so sind auch seine Bücher: gute Recherche, ein, zwei Lovestories, viele Wendepunkte und Geschehnisse in rasanter Geschwindigkeit, die die Geschichte vorantreiben. Auch diese Antwort auf die Frage nach seinem Geheimrezept des Bestsellerschreibens bleibt Ken Follett seinen Zuhörern nicht schuldig. Doch dann wird die Veranstaltung beendet. Es scheint noch etwas anderes zum Rezept zu gehören: Disziplin und Strenge.

Nach der Aufforderung „Bitte ordentlich aufstellen, damit es zu keinen Verzögerungen kommt!“ reihen sich die Besucher zu Hunderten in die Schlage für die Signierungen ein, die natürlich direkt an dem Verkaufstisch für Ken-Follett-Bücher vorbei führt. Mit Bewunderung und Wärme für den Autor im Herzen schmettert der weibliche Fan seinem Idol ein „Thank you“ entgegen, als sie an der Reihe ist. Ken Follett blickt blitzschnell auf, liefert das „Pleasure!“ mit mechanisch hinaufgezogenen Mundwinkeln und hat den Kopf auch schon wieder über den nächsten Wälzer gesenkt, als sie ihr signiertes Buch von seiner Assistentin in die Hand gedrückt bekommt. Die Arbeit wartet – bitte schnell weitergehen!

Nicole Baumann

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