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Geschrieben von Peter Sich  am  7. Dezember 2010

Das echte Leben im fiktiven. Foto: WDR

Von anderen Seifenopern hebt sich die „Lindenstraße“ seit jeher durch einen starken Bezug zu bundesdeutschen Realitäten ab. Die von Hans W. Geißendörfer konzipierte Sendung war und ist stets ein Spiegel sozialer Entwicklungen. So war es die „Lindenstraße“, die als erste deutsche Fernsehsendung einen homosexuellen Kuss zeigte, und auch tagespolitische Ereignisse werden innerhalb der Serie immer wieder aufgegriffen. Legendär ist das Vorgehen bei den Bundestagswahlen 1998 und 2005, die jeweils noch während der Auszählungen in den laufenden Folgen thematisiert wurden. Die „Lindenstraße“ stellt keinen geschlossenen Fiktionsraum dar, sondern ist bewusst durchlässig konzipiert. Nicht zuletzt dies unterscheidet die „Lindenstraße“ vom Eskapismus der täglichen Vorabendsseifenopern.

Dass das Gewinnspiel, das nun zum 25-jährigen Jubiläum veranstaltet wurde, ein Spiel mit den Ebenen von Fiktion und Realität darstellt, passt ins Bild. Den Startpunkt bildete ein fiktives, aber ganz alltägliches Ereignis: In einer Folge Anfang September 2010 verlor Mutter Beimer ihren Schlüssel. Diesen galt es zu finden, ganz real. 25.000 Schlüssel ließ die Kölner Agentur Promot überall in Deutschland verteilen. Möglichst zufällig; auf Straßen und Plätzen, in Zügen und Bussen, in Bibliotheken und Cafés. Maßgeblich war, dass das Objekt tatsächlich gefunden werden konnte, aber glaubwürdig als tatsächlich verlorener Schlüssel wahrgenommen wurde.

Mittels eines Codes auf dem Schlüsselanhänger konnten die Finder an einem Gewinnspiel teilnehmen. Danach waren sie aufgefordert, den Schlüssel absichtlich wieder zu verlieren. Umso mehr Menschen teilnahmen, desto mehr und wertvollere Preise gab es zu gewinnen. Zu diesem Zweck gab es im Internet Videoanleitungen, die in „die Kunst des Verlierens“, das geschickte und unauffällige Fallen- und Liegenlassen der Schlüssel, einführten. In diesem Konzept liegt schon der erste Witz der Aktion, die geschickt die Mechanismen viralen Marketings nutzt. Bis zum Ende hatten sich mehr als 250.000 Teilnehmer registriert.

Was aber den wirklichen Reiz der Aktion ausmacht, ist das geschickte Spiel mit den Realitätsebenen, dem Status von Fakten und Fiktionen. Den Hauptpreis gewann eine junge Frau: einen Auftritt in der „Lindenstraße“ in der Rolle der Schlüsselfinderin. Dies ist jedoch mehr als ein bloßer Gag. Tatsächlich ist es essentiell für das Funktionieren der Aktion als medialem Spiel. Denn erst hierdurch gelingt eine Rückkopplung der faktischen Realität des Schlüsselfindens an die fiktive Realität der Serie. Durch diese erhält dann auch die Gewinnerin einen neuen medialen Status. Sie ist nicht mehr eine unter hunderttausenden Gewinnspielteilnehmern, sondern wird zu einer fiktiven Figur. Der von ihr gefundene Schlüssel sticht insofern aus der Masse der Schlüssel hervor, als dass ihm der fiktive Realitätsstatus von „Mutter Beimers Schlüssel“ zugesprochen wird. Peter Sich

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