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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

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Geschrieben von Marius Nobach  am  5. Januar 2011

Die Trappisten von Tibhirine stehen vor einer fatalen Entscheidung. Foto: Verleih

Früh am Morgen im algerischen Atlasgebirge: Für einen kleinen Orden französischer Trappisten, die in den neunziger Jahren hier in einem Kloster leben, beginnt der Tag schon vor Sonnenaufgang. In der Kapelle versammeln sich die Mönche zum ersten gesungenen Stundengebet, das ihren Alltag ebenso prägt wie theologisch-wissenschaftliche Studien und die handwerkliche Arbeit im Klostergarten, mit dem sie sich selbst versorgen können. Das Kloster, ein Überbleibsel der Kolonialherrschaft, wirkt inmitten der kargen Berglandschaft wie ein kleiner Garten Eden, der allerdings nicht von der Welt drum herum abgeschlossen ist. Im Gegenteil: Die Beziehung zu den muslimischen Bewohnern des nahegelegenen Dorfes Tibhirine ist von Freundschaft und gegenseitigem Respekt geprägt. Mit Freude nehmen die Mönche an den islamischen Festen teil, ihr Rat ist sowohl bei persönlichen Dingen wie auch bei gesellschaftlichen Fragen stets willkommen. Einer der Mönche ist Arzt und bietet den Dorfbewohnern unentgeltlich medizinische Hilfe an, andere Ordensmitglieder helfen zum Beispiel beim Verfassen von Briefen. Es ist eine friedliche Welt, in die jedoch plötzlich Gewalt eindringt, als der Terror islamistischer Gruppen im Land zunimmt. Als nahe des Dorfes einige kroatische Bauarbeiter brutal ermordet werden, wird den Mönchen klar, dass auch sie in Gefahr schweben.

Xavier Beauvois’ Film „Von Menschen und Göttern“, der in diesem Jahr in Cannes zu den wenigen durchweg positiv aufgenommenen Wettbewerbsbeiträgen zählte und den großen Preis der Jury erhielt, erzählt eine wahre Geschichte, die in Frankreich Ende der 1990er für Entsetzen und Empörung sorgte. Im Frühjahr 1996 wurden sieben der Trappistenmönche aus Tibhirine von islamistischen Rebellen aus ihrem Kloster entführt, weil diese in Frankreich inhaftierte Kampfgenossen freipressen wollten. Die französische Regierung ging nicht auf die Forderung ein, im Mai wurden die Köpfe der entführten Mönche aufgefunden, die Umstände ihres Todes sind bis heute nicht geklärt. Xavier Beauvois und sein Co-Drehbuchautor Etienne Comar stellen bei der Umsetzung dieses zeitgeschichtlichen Stoffes jedoch nicht die Ermordung der Mönche in den Mittelpunkt, sondern deren Leben und Verhalten angesichts der ständigen Bedrohung.

Dabei erschließt sich der Regisseur die Welt der Mönche mit ebensoviel Einfühlungsvermögen und Präzision, wie er sie schon in seinem letzten Film „Eine fatale Entscheidung“ über die Arbeit einer Polizeiabteilung angewandt hat. In langsamem, zurückhaltendem Erzählrhythmus fängt er die Rituale des Klosterlebens ein, bei diesen Szenen verzichtet er auf Kamerabewegungen. Auch bei der Arbeit mit den Schauspielern legte Beauvois sehr viel Wert auf Detailgenauigkeit und Realismus. So mussten sich die Darsteller in wochenlanger Vorbereitung in die Lebensweise der Trappisten einfühlen; sie interpretieren auch die Chorgesänge im Film selbst, was diesem eine dokumentarische Aura verleiht. Das exzellente Zusammenspiel der Schauspieler sichert dem Film zudem ein Höchstmaß an Intensität, als es um die Frage geht, ob die Mönche der Bedrohung weichen oder aus Solidarität mit der einheimischen Bevölkerung ausharren sollen. Keineswegs eine einfache Entscheidung, wie Beauvois in seinem Film zeigt. Christian, der Prior des Ordens, lehnt die Aufgabe des Klosters ab und erklärt kategorisch, dass auch verletzte Aufständische die Hilfe der Mönche in Anspruch nehmen dürfen. Vor dieser Respektsperson weichen sogar die Islamisten zurück, als sie Weihnachten 1993 das erste Mal ins Kloster eindringen, eine Szene, in der die Kamerafrau Caroline Champetier sich erstmals der Handkamera bedient, um den Einbruch der rohen Gewalt in das Paradies auch auf der Bildebene auszudrücken.

Das Verhalten Christians ist jedoch keinesfalls so bruchlos, wie es scheinen könnte, immer wieder wird sein fester Glauben an den Sinn seines Vorgehens durch die Gewalt in seiner Umgebung in Frage gestellt. Eine wunderbare schauspielerische Leistung vollbringt Lambert Wilson, dem es gelingt, das Ringen des Priors um das richtige Handeln angesichts der Verantwortung für seine Mitbrüder nachhaltig und ergreifend zu verkörpern und Christian als ebenso glaubens- wie charakterstarken Menschen zu zeichnen. Das Vorgehen des Abtes ist zunächst innerhalb des Ordens nicht unumstritten, einige der Mönche unterstützen ihn, während andere aus Angst oder aus der Überzeugung, dass ein sinnloser Tod nicht dem entspräche, was sie als ihren christlichen Auftrag wahrnehmen, zum Weggehen raten. Erst allmählich ringen sich die Mönche zu dem einstimmigen Beschluss durch, im Kloster zu bleiben. Es ist die wohl größte Leistung des Films, dass es ihm gelingt, diese Entscheidung, für die bei den Einzelnen wiederum die unterschiedlichsten Gründe ausschlaggebend sind, nicht leichtsinnig oder fatalistisch erscheinen zu lassen, sondern als die einzig logische Option. In einer eindringlichen Szene hebt Beauvois diese Gewissensentscheidung der Mönche hervor und erteilt auch jeder Spekulation, diese treibe womöglich eine Sehnsucht nach dem Märtyrertod an, eine endgültige Absage: Während des gemeinsamen Abendessens lauschen die Ordensbrüder einer Aufnahme von Tschaikowskis „Schwanensee“ und Beauvois zeigt in Großaufnahmen, wie sich in ihren Gesichtern lebensbejahende Freude, Glück und der Wunsch nach Frieden spiegeln.

So kommt es im Laufe des Films zu einer bemerkenswerten Verschiebung: Am Ende stellt man sich als Zuschauer nicht mehr die Frage, warum die Mönche trotz der drohenden Gefahr in ihrem Kloster geblieben sind, sondern die grundsätzliche Frage, wieso es überhaupt Menschen gibt, die andere zu einer solchen Entscheidung zwingen. „Von Menschen und Göttern“ ist zwar in seiner Beschränkung auf das Schicksal der Mönche und der Dorfbevölkerung von Tibhirine eigentlich kein Film über den algerischen Konflikt zwischen den Islamisten und der Armee, dem in den neunziger Jahren um die 100.000 Menschen zum Opfer fielen. Dennoch gelingt es Beauvois eindrucksvoll, das Grauenhafte und Absurde des Bürgerkriegs zu verdeutlichen, wobei auch das algerische Militärregime in der Darstellung nicht gut wegkommt. Als ein Armee-Hubschrauber minutenlang über dem Kloster kreist, während der Gottesdienst zelebriert wird, beginnen die Mönche, den Blick gen Himmel gewandt, zuerst zaghaft, dann immer lauter, eine Lobpreisung Gottes als Überwinder der Finsternis zu singen, überwinden damit ihre Angst und setzen für sich und den Zuschauer zugleich ein Zeichen, dass sie Gewalt in jeder Form nur als einen unnatürlichen Eingriff in die natürliche Ordnung der Dinge ansehen können. Marius Nobach

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