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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Unter aller Kanone Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Marius Nobach  am  3. Februar 2011

Karl-Theodor zu Guttenberg auf Familienausflug in Afghanistan

Was mag Karl-Theodor zu Guttenberg am Sonntagabend wohl gemacht haben? Ob er angespannt vor dem Fernseher saß? Immerhin drehte sich in der Show von ARD-Moderatorin Anne Will eine Stunde lang alles um ihn – ohne dass er selbst anwesend war. Das musste er aber auch nicht sein, wie der Titel der Sendung verriet. Dieser behauptete nämlich, der Minister sei bereits zum Mythos geworden – und Mythen müssen sich bekanntlich nicht mehr selbst erklären und rechtfertigen. Dafür gibt es ja ihre Anhänger und Gegner. Die fanden sich dann auch bei Anne Will in Person von Alexander Dobrindt (CSU) und Thomas Oppermann (SPD) ein, um ein Urteil darüber zu fällen, ob und inwieweit dem Minister sein Verhalten bei den jüngsten Bundeswehr-Skandalen geschadet habe. Die Argumentation der beiden verlief dabei jeweils parteipolitisch stringent: Dobrindt fand Guttenbergs Vorgehen zumindest nachvollziehbar, Oppermann hingegen nannte es absurd und unangemessen, gewissermaßen „unter aller Kanone“. Was sei von einem Verteidigungsminister zu halten, der mit der Entscheidung, den Kommandanten der Gorch Fock seines Amtes zu entheben, seine Soldaten zum Weinen gebracht habe? Wobei das eigentlich Verwerfliche ja sei, dass Guttenberg offensichtlich nur einer Forderung aus der Boulevardpresse nachgegeben habe.

Damit gelangte die Diskussion auf eine Ebene, an der sich die anwesenden Medienvertreter beteiligen konnten. Nikolaus Blome, Leiter des Hauptstadtstudios der „Bild“, wiegelte Oppermanns Vorwurf erst einmal ab. Das hieße denn doch, die Möglichkeiten seiner Zeitung zu überschätzen. Sichtlich geschmeichelt war er trotzdem und von daher bereit, auch den Minister positiv zu bewerten. Erwartungsgemäß ganz anders fiel das Urteil der verkniffen wirkenden „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl aus, die Guttenbergs Meinungsänderungen im Zusammenhang mit der Gorch-Fock-Affäre als Medienhörigkeit tadelte. Dass sie selbst aber nichts dagegen hätte, mit ihrer Zeitung Politikerentscheidungen beeinflussen zu können, war nur zu deutlich zu spüren.

Von den jüngsten Ereignissen führte der Weg geradewegs zur generellen Einschätzung von Guttenbergs Auftreten als Minister. Hier bezog Anne Will den Schauspieler Ulrich Matthes in die Diskussion ein, der wohl selbst der Ansicht war, mehr von Theaterpolitik als von Politiktheater zu verstehen, und deswegen zunächst klären wollte, warum er überhaupt in der Runde saß: „Ich bin doch hier, um die Performance des Ministers zu bewerten?“ Matthes fand aber schnell seine intellektuelle Selbstsicherheit wieder und sparte nicht mit Tadel. Insbesondere Guttenbergs Talkshowauftritt in Afghanistan im Dezember kritisierte er als „schlechten Stil“, weil der Minister dort mit seiner attraktiven Frau, mit Johannes B. Kerner und mit einer spiegelnden Sonnenbrille aufgetreten war. Guttenbergs „cooles“ Auftreten sei ein Anlass zur Sorge, denn dadurch könnte der Einsatz in Afghanistan heroisiert werden, befand Matthes, der es lieber gesehen hätte, wenn Guttenberg zumindest auf eines seiner Accesoires verzichtet hätte.

Unterstützung für seine eigenwilligen Erklärungen fand Matthes wenig überraschend bei Oppermann, der bekräftigte, Guttenberg sei generell und besonders in diesem Fall ausschließlich an seiner Selbstinszenierung und nicht an den Problemen der Soldaten interessiert gewesen. Diese Aussage des SPD-Politikers nutzte Anne Will, die ansonsten als Moderatorin wie gewohnt eher moderat auftrat, für die Einspielung von Aufnahmen, die Sigmar Gabriel während seiner Zeit als Umweltminister beim Posieren mit Knut dem Eisbär zeigten. Ob das denn eine angemessene Form der Selbstinszenierung gewesen sei, fragte sie Oppermann. „Aber ja doch“, erwiderte dieser, ohne eine Miene zu verziehen. Schließlich habe in diesem Fall eine politische Botschaft – Sensibilisierung für den Klimaschutz – dahintergesteckt. Große Erheiterung beim Publikum und bei der Moderatorin: Der Politiker avancierte mit dem beharrlichen Festhalten an der Parteilinie endgültig zum größten Unterhaltungsgaranten des Abends. Zum Clown gemacht hatte er sich freilich bereits zuvor, als er sich zu erklären bemühte, warum es zwar gut sei, wenn Politiker beliebt seien, warum das in Guttenbergs Fall aber nicht gelte. Hinter dessen glänzender Fassade seien deutliche Mängel sichtbar, die nur offenbar nicht jeder bemerke.

Eine Behauptung Oppermanns, die, angesichts der immer noch großen Zustimmung für Guttenberg bei der Bevölkerung, den deutschen Wählern nicht unbedingt schmeichelte. Laut aussprechen wollte der SPD-Politiker die Wählerschelte im Fernsehen aber dann doch nicht. Obwohl er vermutlich Unterstützung in der Runde gefunden hätte, in der zeitweise der Eindruck aufkam, das Volk der Wähler irre ziemlich orientierungslos herum und verzehre sich nach Glamour in der Politik. Ob die Hoffnung, diesen beim Verteidigungsminister zu finden, zu Recht (Dobrindt, Blome) oder zu Unrecht (Matthes, Pohl) bestand – das blieb am Ende dieses munteren, wenn auch nicht sonderlich ergiebigen Abends offen. Einigkeit herrschte jedoch darüber, dass die größten Aufgaben des Ministers noch vor ihm liegen.

Und Guttenberg selbst? Wie hat er nun wirklich diesen Abend verbracht, an dem sein Mythos zur Debatte stand? Hat er sein Familiensilber poliert? Hat er neue Pläne für Bundeswehrreformen ausgearbeitet? Nur eines scheint eher unwahrscheinlich: Dass Guttenberg an diesem Abend vor dem Fernseher mit bangem Herzen die Diskussionsrunde bei Anne Will verfolgte, um nach deren Ende erleichtert in sein Feldtagebuch zu notieren: „Der Mythos lebt.“ Marius Nobach

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Ein Kommentar zu “ Unter aller Kanone ”

  1. Rene schrieb

    Netter Blog, gefaellt mir.

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