Der Ingenieur Tom und die Therapeutin Gerri heißen nicht nur, wie sie heißen, sondern sie sind auch noch miteinander verheiratet. Tom und Gerri. Der souveräne Fluss ihrer Ehe wird, wenn überhaupt, nur von Freunden oder Kollegen durchkreuzt, die in den behaglichen Wohnsitz irgendwo um London Einzug halten. Mit diesen Gestalten kehrt auch immer etwas Tristes ein. Joe (Oliver Maltman), ihr Sohn, ist schon jenseits der Dreißig, aber trotzdem noch Single. Ihr Freund Ken (Peter Wright) ist einer, der aufgegeben hat. Vom Schicksal gebeutelt, ist er nur noch ein liebenswürdiges Häufchen Elend. Allerdings ein ziemlich fettleibiges. Was das Lieben deutlich erschwert. Und dann ist da noch Mary. Die Sekretärin in Gerris Krankenhaus ist eine verwirrte, hypernaive, dauerkriselnde und -verdrängende Existenz. Ihre kleine Welt kann nur im Ausblenden der Realität fortbestehen. Dabei sind ein paar viel zu knappe Klamotten und jede Menge Alkohol behilflich. Alle diese Gestrandeten werden von Gerri und Tom mit routiniertem Wohlwollen und gönnerhaftem Mitleid auffangen. Auch wenn ihre Lebenswege völlig verschieden sind, eint alle, dass sie die besten Jahre hinter sich haben. Nur wie sie damit umgehen, unterscheidet sie. Seinem Titel folgend, begleitet Mike Leighs neuer Film „Another Year“ diese Menschen vier Jahreszeiten lang.
Der Filmwissenschaftler James Monaco hat die Worte geprägt: „Filme verstehen ist einfach. Da sie Wirklichkeit nachahmen, findet jeder Zugang zu ihrer Oberfläche.“ Das Standartwerk „Filme verstehen“ beginnt mit diesen Sätzen. Sie beziehen sich letztlich auf unser Sehverhalten, auf die Rezeptionsprozesse, auf das, was mit einem im dunklen Kinosaal passiert. Doch genauso wäre es möglich, diese Aussage auf die Filmproduktion selbst zu übertragen. Wirklichkeit wird nicht abgefilmt, sondern – aus Mangel an Alternativen – nachgeahmt. Filmemachen wäre demnach der Versuch, ein Zeichensystem zu entwickeln, das das Publikum an der erhofften Stelle die erhoffte Empfindung abtrotzt. Weil es sich an etwas erinnert fühlt, dass es kennen und bewerten kann. Oder um es mit den „Simpsons“ zu sagen: „Kühe sehen im Film nicht wie Kühe aus. Da muss man Pferde nehmen. – Und was machen sie, wenn ein Tier wie ein Pferd aussehen soll? – Dann binden wir meist nur ein paar Katzen zusammen.“
Solchen Überlegungen scheinen in „Another Year“, genauso wie schon in Mike Leighs vorangegangen Filmen, deplatziert. Aber sie erklären, was den britischen Filmemacher von vielen seiner Kollegen unterscheidet. Leighs Kunst besteht darin, die gespielte Wirklichkeit mit unvergleichlicher Präzision und Beobachtungsgabe so darzustellen, dass man fast vergisst, vor einer Leinwand zu sitzen. Womit er es schafft, unter die von Monaco beschriebene Oberfläche zu tauchen. Dazu gehört auch, sich von einigen Sehgewohnheiten zu verabschieden. Wenn Mary in innerer Unruhe und zwanghaftem Kampf gegen die eigene Wahrnehmung ihre Mitmenschen zunächst in Stellung und schließlich gegen sich aufbringt, kämpft auch das Publikum mit den Nerven. Marys Probleme, die Unfähigkeit ehrlich zu sich und anderen zu sein, veranschaulicht „Another Year“ nicht in einem abstrakten Zeichensystem – sie sind da! Erst in den wenigen und dafür langen Momenten entfaltet das eigene Drehbuch des Regisseurs seine Wirkung. Da wo sonst Fettnäpfchen und Peinlichkeiten geschehen und schnell wieder verschwinden, müssen hier ihre Opfer still und ertappt ausharren. Ein vitaler Sog der fehlenden Reizüberflutung entsteht. Die dramaturgische Länge – andernorts geächtet – wird bei Leigh zu einem stilbildenden, wirkungsvollen Mittel. Man möchte Mary ohrfeigen für ihre kläglichen Versuche, sich vom Platz am Rand der Gesellschaft zu erheben. Ihr einhämmern, wie nutzlos der Kauf eines Autos oder das Tragen ihrer Jungegebliebenen-Mode doch ist. Aber auch, um sich abzureagieren. Weil sie einen einfach in den Wahnsinn treibt.
Das man an den 129 Minuten von „Another Year“ trotzdem seinen ungebrochenen Spaß hat, liegt an zwei Dingen. Zum einen vermag es das Drehbuch, die Schwächen und Fehler seiner Figuren immer wieder ins Liebevolle zu drehen. Wie Mary vor unseren Augen sich vom hässlichen Entlein in ein aufrichtig-bemitleidenswertes, tragisches Entlein verwandelt, das erstmalig erkennt, gescheitert zu sein; das ist schön und traurig zu gleich. Es ist wahrhaftig. Plötzlich bekommen Gerri und Tom, die bisher immer so selbstlos und zeitaufwendig ein offenes Ohr für sie hatten, selbstgefällige, ja arrogante Züge. Wie Leigh das macht? – Er schneidet nicht. Stattdessen er überlässt seine Bilder stoisch sich selbst und beobachtet still und genau. Leigh überlässt es dem Zuschauer, gibt ihm die Zeit, die er benötigt, um zu entscheiden, ob er die zusammengebundenen Katzen als Kühe oder Pferde wahrnehmen möchte.
Zum anderen können solche Momente nur von einem fähigen Ensemble getragen werden. Lesley Manville als Mary steht dabei an der Spitze einer Gruppe, die es immer versteht, die kleinen, zauberhaften Augenblicke nicht überzubetonen und damit zu zerstören. Manville gelingt das Kunststück, Marys Lächerlichkeit – die zweifelsohne besteht – zu erklären, anstatt sie ihrer Figur vorzuwerfen. Der Zuschauer fragt sich abschließend nicht, warum Mary so anstrengend ist, sondern warum er sie ebenso wenig wie Gerri und Tom lieben kann. Auch Ruth Sheen als Gerri, die die Unsicherheiten ihrer Figur immer wieder behutsam einbringt und Jim Broadbent als Tom, dessen Lockerheit immer wieder als routinierte Belanglosigkeit entlarvt wird, tragen die Sensibilität der Erzählung. „Another Year“ ist einer der wenigen Filme, bei dem die Aussage, er wäre ohne seine Schauspieler nicht vorstellbar, ihren floskelhaften Charakter verliert. Also sitzt man zusammen, trinkt, isst und redet. Mehr passiert nicht, aber davon viel. Eine weitere Analogie zum Leben vor der Leinwand, die man nur zu gerne vergessen möchte.
Leigh arbeitete auch bei diesem Projekt mit dem ihm genauso eigenen wie bekannten Mitteln. Seine Schauspieler, die fast ausnahmslos bereits zuvor mit ihm gearbeitet haben, bekamen immer nur Teile des Drehbuchs ausgehändigt. Sie sollten ihre Figur durchdringen und damit auf spontane Situationen in den Proben reagieren, wenn das Ensemble zusammen geführt wurde. Dahinter verbirgt sich Leighs Ansatz, eine eigene, filmische Realität entstehen zu lassen. Nach den ausgiebigen Improvisationen wird am Set selbst nichts mehr geändert. Es gilt nur noch diese kleinen Wahrheiten einzufangen.
Dass dieser Versuch eine Arbeit mit filmischen, künstlerischen Mitteln nicht ausschließt, beweist „Another Year“ in fast jeder Sekunde. Es braucht nur einen Schnitt auf das mahnende Gesicht von Tom, um die gesamte herrschende Familiendynamik zu erklären, nachdem Gerri ihren Sohn nach dessen Liebesleben befragt hat. Genauso wie die unaufdringliche Kamera von Dick Pope immer nur wenig Bewegung benötigt, um die Beziehungen der Personen herausbilden. Klar und einfach. Ein rascher Blick aufs Handy verrät innerste Zufriedenheit. Auch die Farbgestaltung kommentiert das Geschehen, weit über das dokumentarische hinaus. Wobei dieses Mittel zu deutlich genutzt wird.
Da ist „Another Year“ dann doch nicht mehr authentisch rein. So häufig, wie man diese Realitätsnachahmung auch für bare Münze nimmt, sie ist es selbstredend nicht. Aber je mehr man sich darauf einlassen kann, desto mehr Schönheit kann man in „Another Year“ entdecken. Das Leben nehmen wie es kommt, um es damit zum Wunder zu erklären. Lukas Wilhelmi