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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Glücksvorstellungen Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Philipp Mitterwieser  am  7. Februar 2011

Unterwegs zum Volksfest: Sarah Victoria Frick und Johannes Krisch in "Stallerhof". Foto: Anna Stöcher

Etiketten werden überall verteilt, auch an Theatermacher. Frank Castorf, der Dekonstruierer. Christoph Marthaler, der Melancholiker. Matthias Hartmann, der Karrierist. Der Regisseur und Intendanten-Aufsteiger steht wie kein anderer im Ruf, immer genau das zu machen, was von ihm erwartet wird. Am Schauspielhaus Bochum hat er nach den wilden Jahren von Leander Haußmann Seriosität in das Haus gebracht. In Zürich hat er nach den eigenwilligen Jahren von Christoph Marthaler eher konventionelle Theatersprachen durchgesetzt.

Hartmann ist an seinen Theatern nicht nur Direktor, sondern immer auch der dominierende Regisseur. Am Wiener Burgtheater hat er eine langjährige Strategie perfektioniert. Er selbst sorgt mit Inszenierungen, die niemandem wehtun, zuweilen sogar glatt und oberflächlich sind, für Publikumshits. Ende Dezember hat er dieses Verfahren innerhalb von wenigen Tagen zwei Mal angewendet. Als Silvestergeschenk für die Zuschauer war zum ersten Mal Hartmanns Erfolgsinszenierung von Friedrich Schillers Komödie „Der Parasit“ zu sehen. Diese Produktion ist, was in der jüngeren deutschsprachigen Theatergeschichte einmalig sein dürfte, bereits zwei Mal umgezogen: Nach der Bochumer Premiere im Jahr 2005 über Zürich nach Wien.

Bei Schillers Stück handelt es sich um eine Bearbeitung der Komödie „Médiocre et rampant“ von Louis Benoît Picard. Schiller hat dieses Stück im Vorfeld einer Inszenierung an der Weimarer Hofbühne übersetzt und bearbeitet. Der Dichter ist hier ähnlich vorgegangen wie bei seiner Nachdichtung von Carlo Gozzis „Turandot“, die derzeit im Residenztheater zu sehen ist. Im Mittelpunkt des Fünfakters steht der machtgierige Hochstapler Selicour. Mithilfe fieser Machenschaften übertölpelt er sämtliche Kontrahenten und legt eine politische Blitzkarriere hin. Erst eine noch fiesere Gegenintrige bringt ihn zu Fall.

In der rundum gelungenen Inszenierung setzen Hartmann und seine Schauspieler auf drastische Zerrbilder. Selicours Vorgesetzter ist Narbonne. Udo Samel spielt den Minister als schrulligen Aktenfresser, leichtgläubig und ohne Menschenkenntnis. Beim Lesen baumelt ihm die Brille von den Ohren abwärts. Selicours Untergebener ist Firmin. Johann Adam Oest führt ihn als dusseligen Beamten vor. Innerlich und äußerlich mausgrau, ist ihm jedes Prestigedenken fremd. Deshalb überlässt er Selicour ohne Zögern eine von ihm selbst angefertigte Studie. In der titelgebenden Hauptrolle vollbringt Michael Maertens eine außergewöhnliche Leistung. Mit säuselnder Stimme hechelt er Narbonne hinterher. Selicours kriecherisches Wesen wird körperlich sichtbar. Maertens verbiegt und verkrümmt sich, um kleiner als Narbonne zu sein. Weil er nichts zu sagen weiß, schwätzt er umso mehr. Damit kann der dauergrinsende Blender den Minister maßlos beeindrucken. Selicour umschwärmt auch Narbonnes Mutter, die von Kirsten Dene als überspannte Matrone gespielt wird. Maertens führt in aller Deutlichkeit vor, dass Selicour ein geschmeidiger und schneidiger Taktierer ist. Er buckelt nach oben und tritt nach unten. Das führt ihn zu einem Triumph auf ganzer Linie. Die Studie, die er Firmin abgeluchst hat und als seine eigene ausgibt, wird von Narbonne in den höchsten Tönen gelobt. Er ernennt Selicour zum Gesandten.

Doch wer hoch aufsteigt, kann tief stürzen. La Roche, der vom aufstrebenden Selicour aus seinem Amt gedrängt wurde, stellt dem Feind eine Falle. Oliver Stokowski zeigt La Roche als energischen Macher mit Berliner Schnauze. Auf seine Initiative hin behauptet Narbonne, dass ihm Selicours Untersuchung zum Verhängnis geworden sei. Auch deren Verfasser müsse das berufliche Aus fürchten. Daraufhin ruft Selicour blitzschnell, nicht der Urheber zu sein. Er redet schneller, als er denkt und stellt sich unfreiwilligerweise als Betrüger bloß. Der nach wie vor amtierende Minister Narbonne verstößt Selicour und ernennt den rechtschaffenen Firmin zum Gesandten.

Als Hinzufügung zu Schillers Text wird in Hartmanns Inszenierung die Schlussszene in zwei weiteren Varianten gespielt. Dank dieses Kunstgriffs gelingt es, die so gut wie nie gespielte Typenkomödie für die Gegenwart zu retten. Der Zuschauer erfährt zwar nichts, was er davor nicht auch schon gewusst hat, doch es werden grundlegende Fragen nach Wahrheit, Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit und Vertrauen gestellt. Als der angebliche Saubermann La Roche zum Gesandten ernannt wird, verfällt er sofort in das gleiche schleimige Gehabe wie Selicour. Einer ist wie der andere. Zuletzt triumphiert Selicour doch noch. Nur einer verpatzt ihm seine finale Ansprache ans Publikum. Ein Bühnenarbeiter kommt und schiebt den meterhohen weißen Rundhorizont auf die Seite. Eine eindeutige Wahrheit gibt es doch: Wenn das Spiel aus ist, ist es aus.

In einem Interview vor der Premiere behauptete Matthias Hartmann, dass in den vergangenen Jahrzehnten keine einzige gelungene Inszenierung von Shakespeares „Was ihr wollt“ entstanden sei. Wie auch immer, er selbst reiht sich nahtlos ein. Hartmanns Versuch ist viel Lärm um nichts. Für sein starbesetztes Machwerk gilt: Das Ganze ist weniger als die Summe seiner Teile. Ausgelöst wird das Geschehen dadurch, dass die junge Viola ein Schiffsunglück überlebt und an die Küste von Illyrien gespült wird. Viola verkleidet sich als Mann und legt sich den Namen Cesario zu, um am Hof des Herzogs Orsino Diener zu werden. Orsino ist unglücklich in Olivia verliebt. Deshalb schickt Orsino Cesario als Liebesboten zu ihr. Im Burgtheater schlägt Olivias Gefühlslage vom einen Extrem ins andere um. Dörte Lyssewski spielt zunächst eine schwarz eingehüllte Frau, die stumm um ihren Bruder trauert. Nach der ersten Begegnung mit Cesario ist sie wie ausgewechselt. Sie hat Feuer gefangen und kleidet sich rot – von oben bis unten. Farbe besitzen die Kostüme und die in Bonbontönen ausgeleuchtete Kitsch-Bühne. Die Hauptfiguren dagegen sind blass und uninteressant. Die Dreiecksbeziehung zwischen Viola, Olivia und Orsino ist kaum ausgearbeitet. In der konfusen Schlussszene bleibt unklar, welche Passanten zu Paaren werden. Das deutet weniger darauf hin, dass die Bühnenfiguren vom coup de théâtre verwirrt sind, sondern offenbart vielmehr, dass das Produktionsteam nicht zueinander gefunden hat.

Drei Stunden Schmalspurspäße. Maria Happel ist die Dienerin Maria, eine hüftwackelnde Ulknudel. Nicholas Ofczarek als dauerbetrunkener Toby Rülp ist spätestens bei seinem dritten Auftritt nur noch fad. Sven-Eric Bechtolf als müder Entertainer ist überflüssig. Michael Maertens ist als trotteliger Andrew Bleichenwang in einer Plastik-Ritterrüstung nur mäßig witzig.

Die einzige rundum gelungene Szene verdanken die Zuschauer Joachim Meyerhoff. Sein Malvolio bekommt einen gefälschten Brief untergejubelt. Er ist überzeugt, dass seine Angebetete Olivia ihm einen Liebesbrief geschrieben hat. Das versetzt ihn in Erregung und Angst. Er ahnt eine Sensation, wagt aber nicht, den Text zu lesen. Er tastet sich heran, liest erst nur einzelne Wörter. Langsam steigert er sich mit verklärtem Blick in seine Glücksvorstellungen hinein.

Vor seinem Amtsantritt beschrieb Matthias Hartmann, wie das Burgtheater sein solle: „Es darf vor Konventionalität so wenig Angst haben wie vor dem Experiment.“ Er selbst sorgt für Klassikerinszenierungen, die zuweilen ein großes Experiment darstellen. Zu seinem Einstand inszenierte er 2009 beide Teile von Goethes „Faust“, die inzwischen getrennt voneinander aufgeführt werden.

Bei „Faust II“ ist von Beginn an klar, dass Theater gespielt wird und nicht ein philosophisches Monumentalwerk. Gemeinsam mit acht Schauspielern hat Matthias Hartmann Wege gefunden, aus „Faust II“ ein bühnenwirksames Stück zu machen. Eineinhalb Jahre nach der Premiere sind die Vorstellungen so gut wie ausverkauft.

Auf die Vielzahl der Figuren und Themen im Goethe-Drama reagiert Hartmann mit einer Vielfalt der szenischen Mittel. Auf der Bühne von Volker Hintermeier sind sechs Rahmen aus Leuchtstoffröhren so aufgehängt, dass sie einen Videoscreen-Würfel bilden. Davor und darin erfindet Hartmann ein überbordendes Multimedia-Bühnenuniversum, in dem alles geboten wird, was das zeitgenössische Theater an spielerischen und technischen Möglichkeiten hergibt. Goethes Figuren werden von den Darstellern mal in der ersten Person verkörpert, mal in der dritten Person vorgeführt, mal mit hinzuerfundenen Texten kommentiert. Stabile Subjekte gibt es ebenso wenig wie klare Zuordnungen von Raum und Zeit. Nicht zuletzt durch die Kameraführung werden Fausts Reisen durch Epochen und Regionen illustriert. Wenn sich Faust nach dem Tod seines Sohnes Euphorion in die Lüfte schwingt, kommen nicht nur Anleihen bei der Videokunst ins Spiel, sondern auch Alufolie und Rasierschaum. Schließlich fliegt er über zerklüftete, schneebedeckte Berge. Jede Sekunde wird dem Zuschauer gezeigt, dass Theater gespielt wird, und dies mit einem brillanten Ensemble.

Schauplatzwechsel: andere Spielstätte, anderer Regisseur, ein lebender Autor – Franz Xaver Kroetz. Vor Jahren ein leuchtender Name. Doch heute: ratlose und gleichgültige Gesichter. Franz wer? Manche erinnern sich an seine Filmrolle im „Brandner Kaspar“. Doch was, bitte, ist mit seinen Theaterstücken heute anzufangen? Vor rund vierzig Jahren schrieb Franz Xaver Kroetz „Stallerhof“. Anfang Dezember wurde dieses Stück im Kasino am Schwarzenbergplatz wiederbelebt. David Bösch ist eine grandiose Inszenierung gelungen, weil er sich auf seine größte Stärke verlässt: Theater mit klaren, direkten, unverstellten Emotionen. Er schafft, was es nur selten gibt. Seine Inszenierung ist dem Text haushoch überlegen.

Ein Bauernhof, irgendwo in Oberbayern. Hier arbeitet und lebt ein Ehepaar mit seiner geistig unterentwickelten Tochter Beppi. Die ungeliebte Jugendliche wird von ihren Eltern schikaniert und vom Knecht Sepp geschwängert. Zu „Stallerhof“ schrieb Kroetz eine Fortsetzung unter dem Titel „Geisterbahn“. Einige Szenen aus diesem Stück bringt Bösch ebenfalls auf die Bühne. Beppi zieht zu Sepp in sein Münchner Untermieterkabuff. Doch Sepp wird krank und stirbt. Zuletzt tötet Beppi ihren Sohn Georg, statt ihn auf Behördenbefehl ins Heim einzuliefern.

Bösch widersteht der Versuchung, den naheliegenden Weg zu gehen und ein zeitgenössisches unterprivilegiertes Milieu zu zeigen. Gemeinsam mit seinem Ausstatter Patrick Bannwart hat er einen eher bäuerlichen Bühnenraum geschaffen, der von einem hoch aufragenden Kreuz mit Christusfigur schier niedergedrückt wird. Von der breiten Zuschauertribüne aus sind, neben vielem anderen, Strohballen, Blechkübel und ein Fleischwolf zu sehen. Die Qualität von Böschs Inszenierung besteht in aufregenden Akzentverschiebungen: Beppi ist nicht so sehr das Opfer ihrer Eltern. Sie lebt in ihrer eigenen Welt. Beppi ist ein Riesenbaby, das in der Nase bohrt und in den Pulli rotzt. Sie schneidet ununterbrochen Grimassen, ihr Körper hält keine Sekunde still. Wenn sie Smarties aus der Riesenrolle mampft, tapsig an ihrem Gitterbett turnt oder Musik vom Kocker Tscho nachplärrt, ist sie glücklich. Sarah Victoria Frick steht zwei Stunden auf der Bühne und verkörpert ein Mädchen, das gleichermaßen asozial und liebenswert ist.

David Bösch entdeckt in „Stallerhof“ Beppis unerfüllte Vision vom Glück. Ihr schöner Traum vom ganz anderen Leben und die bittere Wirklichkeit prallen aufeinander. Am Beginn lümmelt sich Beppi in den Fernsehsessel und glotzt „Die Schöne und das Biest“. Weil die Eltern ihr keine Ruhe lassen, kriegt sie das Happy end nie zu sehen. Und im eigenen Leben bleibt es ihr sowieso verwehrt, obwohl Sepp äußerlich ans Film-Biest erinnert. Johannes Krischs Bauernknecht steht ein entbehrungsreiches Leben ins Gesicht geschrieben: verzerrte Züge, ein weit vorspringender Unterkiefer und ein ständig halboffener Mund. Mit verkrümmtem Rücken, Schmerbauch und blutverschmierten Verbänden an Kopf und Händen schleppt er sich über die Bühne. Die Tränen in den Augen verraten den weichen Kern hinter der hart gewordenen Schale. Sepp ist ein immer zu kurz gekommener Haudegen. Nur bei Beppi kann er etwas erreichen.

David Bösch will zeigen, wie zwischen Beppi und Sepp eine Beziehung entsteht. Ziemlich bald malt das Mädchen mit einer Smarties-Rolle ihre beiden Namen in die Luft. Beppi ahnt ihre Wirkung auf Sepp, doch seine Küsse wehrt sie vorerst noch ab. Bald lädt der alte Mann Beppi aufs Volksfest ein. Dorthin gelangen sie per Moped. In Böschs spielerischer, aber nie verspielter Inszenierung sieht das so aus: Beppi springt plump auf Sepps krummen Rücken, beide ausgestattet mit Helmen und mit weit ausgestreckten Armen in „Titanic“ -Pose. Kurz danach wird Beppi von hinten überrumpelt und schwanger. Beppi kommt auf den Geschmack. Ab jetzt zieht sie sich immer wieder vor Sepp verschmitzt die Unterhose runter. Aus dem Kind wird eine Mutter. Beppi wird langsam erwachsen. Mit Kinderwagen und Windelvorrat bricht sie hoffungsvoll zu Sepp auf.

Doch sie erleben nur ein kurzes Glück, dann stirbt Sepp. Bis zuletzt sind sie gefangen in Floskeln und Redensarten und können nie aussprechen, was sie füreinander empfinden. Schließlich nimmt Beppi eine Puppe aus dem Kinderwagen und lässt sie fallen. Sie will ihrem Kind das ersparen, was sie selbst ertragen muss. Der Mord – eine Rettung? Philipp Mitterwieser

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