
Verloren in Raum und Zeit (v. li.): Hildegard Schmahl, Benny Claessens, Wiebke Puls, Stefan Hunstein, Kristof Van Boven. Foto: Julian Röder
Zehn Jahre, vier Inszenierungen. Die Münchner Kammerspiele sind in den Nullerjahren zu einer Hochburg in Sachen Elfriede Jelinek geworden. Drei Mal hat Jossi Wieler hinter ausufernden Textflächen, die auf Figuren, Handlung und Konflikte verzichten, Familiengeschichten entdeckt.
Jetzt hat erstmals Johan Simons einen Text von Jelinek in Angriff genommen. Seine Uraufführung der „Winterreise“ beginnt mit einem Frontalangriff aufs Publikum. Der eiserne Vorhang ist, drei Stunden lang, heruntergefahren. Aus Lautsprechern dröhnen Windböen. Dann öffnet sich die kleine Tür in der Mitte. Daraus quillt ein Kunstschneetreiben hervor, ausgelöst von lärmenden Windmaschinen. Ein Mann in Wanderer-Montur rettet sich auf die Vorderbühne. Er ist außer Atem, vom Unwetter zerzaust und eingeschneit. Später zwängen sich weitere Figuren auf die schmale Spielfläche aus groben Holzbrettern, die bühnenbreit und weit in den Saal ragen. Sie sind ausgesetzt auf den Brettern der Bühne und agieren immer am Abgrund.
Elfriede Jelineks neues Theaterstück ist ein 130 Seiten langes Prosawerk, das sie für die Münchner Kammerspiele geschrieben hat. Bei diesem Stück handelt es sich um eine Gedankenreise durch Jelineks eigenes Leben, die immer tiefer in ihre Familiengeschichte hineinführt. In Jelineks sehr persönlicher Textversion von Franz Schuberts „Winterreise“ gibt es drei markante Stimmen. Es sind ein Ich, eine Mutter und ein Vater wahrnehmbar.
Jelinek rückt das Autobiographische ins Zentrum ihres Theatertextes und Simons rückt es ins Zentrum seiner Inszenierung. Wiebke Puls ist als Elfriede Jelinek ausstaffiert. Die langen, glatten Haare sind über der Stirn im hohen Bogen nach hinten frisiert zur legendären Jelinek-Krone. Puls trägt einen weiten 70er-Jahre-Mantel, der gemäß Jelineks Kleidungsstil die Körperformen nicht betont, sondern verhüllt. Die Begeisterung der Autorin für Computer und Internet klingt immer wieder im Text an. Von ihrer dominanten Mutter wurde die junge Jelinek zur Klavierspielerin dressiert – in den Kammerspielen hackt Wiebke Puls monotone Tonfolgen aus Schuberts Liederzyklus ins Klavier.
Dass Elfriede Jelinek eine große Kennerin der klassischen Musik ist, bildet die Grundlage ihres neuesten Stücks. Der Text von Franz Schuberts „Winterreise“ ist zu einem großen Teil in Jelineks Dichtung enthalten und wird assoziativ umkreist und weitergedichtet. Im Liederzyklus heißt es: „Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten, es schlafen die Menschen in ihren Betten“. In Jelineks Text landet ein alter Wanderer im Gitterbett.
Jelinek übertrug die Struktur der „Winterreise“ formal und inhaltlich auf ihr Stück. So wie Schubert eine Abfolge von Kunstliedern komponiert hat, stellt das Stück im Wesentlichen eine Abfolge von Monologen dar. In Interviews hat Elfriede Jelinek immer wieder erklärt, dass sie Themen und Probleme gedanklich umkreisen, aber nicht so gut auf den Punkt bringen könne. Das ist in der „Winterreise“ genauso. In den Monologen schwirren die Gedanken ziellos und grüblerisch um die immer gleichen Fragen: Alleinsein, das Vergehen der Zeit, das Leben als Sein zum Tode. Hildegard Schmahl spielt eine feine alte Dame, die unschwer als die Mutter Ilona zu identifizieren ist. Sie verzettelt sich ebenso in Zwangsgedanken wie André Jung, dessen Figur als der Vater Friedrich verstanden werden kann. Nach seiner Pensionierung erkrankte Jelineks Vater an Alzheimer. Von Frau und Tochter wurde er in die geschlossene Anstalt in Steinhof eingeliefert. Teils, weil ein Zusammenleben nicht mehr möglich war; teils, um ihn loszuwerden. Im ersten Teil spielt André Jung einen senilen und stummen Alten, der von seiner Frau mitgeschleppt wird. Nach der Pause hockt der graue Anzugträger am Klavier und tritt stumpfsinnig in die Pedale. Von Frau und Tochter wird er körperlich überwältigt. Doch der Vater erweist sich als hellsichtig und nachdenklich. Er beklagt, dass er „untreulich geführt“ ins Irrenhaus gebracht wurde. André Jung gelingt die packende Charakterstudie eines Mannes, der aus der Welt gefallen ist, aus dem aber immer wieder kurze Momente des Aufbäumens und der Heiterkeit hervorbrechen. So wie das Saallicht im Verlauf des Abends immer schwächer wird, dämmert der Vater dem Tod entgegen.
In Elfriede Jelineks Theaterstück heißt es: „Ich spreche mit mir selbst, sonst spricht ja niemand mit mir. Ich stecke bis zum Hals in meinem Scheitern.“ In Johan Simons’ Inszenierung der „Winterreise“ wird diese resignative Selbst- und Zeitdiagnose zur Lebenserfahrung der Bühnenfiguren. Fremd ziehen sie ein und wieder aus. Wenn zwischen den Akteuren Gemeinschaft entsteht, haftet ihr immer etwas Negatives an: stumpfsinniges Summen, Singen, Schreien und Toben. Deshalb treten die Figuren immer wieder die Flucht nach vorn an. Sie versuchen, mit dem Publikum Kontakt aufzunehmen, bitten um Rat und Bestätigung. Vergeblich natürlich.
Die „Winterreise“ gehört zu Jelineks stärkeren Texten und zu Johan Simons’ schwächeren Inszenierungen. Mit seiner Entscheidung, Elfriede Jelinek zur Bühnenfigur zu machen, hat er dem Text das Geheimnisvolle und Allgemeingültige genommen. Er hat den ungeschickt gekürzten Text so sehr verengt, dass die Inszenierung nicht über sich selbst hinausweist. Simons, der das Theater als Ort des Nachdenkens begreift, lässt die Zuschauer dieses Mal ohne neue Erfahrungen zurück. Philipp Mitterwieser