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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Die Spiegelung der eigenen Träume Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Patrick Bethke  am  16. Februar 2011

In seinem offenen Brief verkündete der iranische Regisseur Jafar Panahi, der in seinem Heimatland zu sechs Jahren Haft und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt worden war und somit seiner Funktion als Jurymitglied der Berlinale nicht entsprechen konnte, dass er fortan in den Filmen Anderer Ausschau halten werde nach Spiegelungen seiner Träume, an deren eigenhändiger Umsetzung ihn die iranische Regierung für die kommenden zwei Dekaden hindern will. Er wünsche sich nach seiner Haftentlassung begeistert in eine Welt treten zu können, die bereichert werden sein würde von neuen, großartigen Werken und Visionen seiner Kollegen aus aller Welt.

Nun feierte auf der Berlinale Asghar Farhadis „Nader and Simin, a Separation“ Premiere, der als erster der Wettbewerbsbeiträge wirklich vollends überzeugen konnte. Ein kleiner Film auf den ersten Blick, einer, der die Geschichte einer im Zerfall begriffenen iranischen Familie erzählt. Doch es ist eben einer jener Filme, die diesen Mikrokosmos mit so viel aufrichtiger Anteilnahme und einem solch genauen Blick zu formen vermögen, dass sich in den gezeigten, längst für bekannt und hinreichend durchdrungen gehaltenen Alltagssituationen immer wieder Unentdecktes, Aufregendes und tief Bewegendes offenbart. Ein Film, der die elementaren, profunden

"Nader and Simin": Ein kleiner, gewaltiger Film mit Peyman Moadi über den Zerfall einer Familie. Foto: Filmfestspiele Berlin

Erfahrungen seiner Figuren zielsicher erfasst und einfängt, und deren vermeintlich begrenzte gesellschaftliche Tragweite in eine emotionale Allgemeingültigkeit umzudeuten weiß. Dass es dazu keiner besonderen technischen Raffinesse bedarf, beweist Farhadi eindrücklich. „Nader and Simin“ gehört zu den inszenatorisch konventionellsten Beiträgen im noch laufenden Wettbewerb.

Der wurde zuletzt durch Alexander Mindadzes „An einem Samstag“, Ralph Fiennes‘ Regiedebüt, die Shakespeare-Adaption „Coriolanus“, und Miranda Julys Zweitwerk „The Future“ weiter ergänzt. Doch weder Mindadzes skurriler, aber holpriger und zu unentschlossener Danse Macabre eines Kleinbeamten, der nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vergeblich versucht, aus der Stadt zu fliehen, noch die Geschichte um den hochmütigen wie blutrünstigen Feldherrn Caius Martius Coriolanus, die der verdiente Schauspieler Fiennes mit viel Aufwand und Theatralik, aber zu wenig Herz und Ideen in das heutige Rom verfrachtete, konnten richtig überzeugen. „The Future“ war die von July („Me and You and Everyone We Know“) zu erwartende, durch und durch sympathische und herzerwärmende Beziehungsklamotte, die allerdings unter dem wachsenden Gewicht immer schrulliger ausfallender Regieeinfälle (Pfötchen, die Erzählerkatze, ist nur der Anfang) auf halber Strecke absäuft und nicht mehr auftaucht.

„Nader and Simin“, der bisher stärkste Wettbewerbsbeitrag, könnte einer dieser das Leben bereichernden Filme sein, die der inhaftierte Panahi nach seiner Entlassung zu sehen wünscht. Dass es sich dabei ausgerechnet um einen iranischen Film handelt, hat einen bittersüßen Beigeschmack, doch vor allem bedeutet es einen kleinen Sieg über die restriktive, menschenverachtende Kulturpolitik der iranischen Regierung. Sollte „Nader and Simin“ am Samstag den Goldenen Bären verliehen bekommen und wäre diese Wahl politisch motiviert – der künstlerischen Rechtmäßigkeit dieser Entscheidung täte es zu diesem Zeitpunkt keinerlei Abbruch. Patrick Bethke

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