Wer an diesem Abend das Staatstheater am Gärtnerplatz betritt, stellt fest, dass etwas anders ist als sonst. Die Saaldiener tragen rote Uniformen und Mützen, auf Brusthöhe prangt ein golden schimmernder Anstecker mit der Aufschrift „Grand Hotel“. Schon vor Beginn der Münchner Uraufführung des hierzulande wenig bekannten Musicals „Grand Hotel“ wird deutlich, dass die Theaterleitung darum bemüht ist, das Publikum in eine angemessen nostalgische Stimmung zu versetzen. Eine charmante, aber unnötige Maßnahme, denn sobald das Licht im Saal erlischt und das Staatsorchester die Eröffnungsnummer in ihrer Mischung aus Melancholie und jazzartiger Beschwingtheit anstimmt, wird man ohnehin unwiderstehlich in die Atmosphäre der 1920er Jahre hineingezogen.
Schauplatz des Musicals ist ein Berliner Luxushotel im Jahr 1928. Eine niemals anhaltende Drehtür führt in der Inszenierung von Pavel Fieber in ein Foyer mit spiegelndem schwarzem Marmorboden, wo die Gäste von Angestellten empfangen werden, die sich ebenso edel geben, wie es die Ausstattung des Hotels ist. Christian Floerens Bühnenbild ist auf den ersten Blick einfach nur prachtvoll, auf den zweiten deutet sich hier aber auch bereits das nahende Ende der goldenen Zwanziger an. Denn die edlen Tapeten sind vergilbt und die Verzierungen am Treppengeländer verblasst. Auch die Gäste sind nicht mehr als eine Ansammlung scheiternder und gescheiterter Existenzen. Hinzu kommt die Belegschaft des Hotels – Empfangschef, Portier, Pagen, Cocktailmixer, Zimmermädchen, Tellerwäscher –, die für die Bedienung der nicht mehr Reichen und nicht mehr ganz so Schönen sorgt. Als dramaturgisches Bindeglied zwischen den Szenen fungiert ein früherer Militärarzt, der als Stammgast von der Lobby aus das Geschehen im Hotel zynisch kommentiert.
Mit „Grand Hotel“ hat sich das Staatstheater am Gärtnerplatz eines der erfolgreichsten Broadway-Musicals der achtziger Jahre angenommen. Auf dem längst vergessenen Trivialroman „Menschen im Hotel“ von Vicki Baum beruhend, ist der Stoff heute am ehesten noch durch die Hollywood-Verfilmung von 1932 bekannt, ein Musterbeispiel für perfekt gemachtes Starkino. Nachdem ein erster Versuch einer Musicalbearbeitung in den Fünfzigern wenig erfolgreich war, wurde er in den Achtzigern erneut aufgegriffen. Gegen den Willen der Originalautoren wurde der renommierte Komponist Maury Yeston beauftragt, die Songs umzuschreiben und mit eigenem Material zu ergänzen. Der endgültigen Fassung von „Grand Hotel“, die am Broadway mehr als 1000 Aufführungen erlebte, sind der mühevolle Entstehungsprozess und die unterschiedlichen Urheber jedoch nicht anzumerken: Wie aus einem Guss präsentiert sich das Libretto, das auch musikalisch die Betriebsamkeit in dem Luxushotel aufleben lässt. Oft erklingen unterschiedliche musikalische Themen parallel zueinander, Gesangs- und Dialogpassagen überlappen sich. Auch aus diesem Grund ist es ein durchaus gewagtes Unternehmen, dieses Musical zu inszenieren, da das Timing bei der Aufführung perfekt sein muss. Regisseur Pavel Fieber und Choreograph Hardy Rudolz haben die schwere Aufgabe jedoch bravourös gemeistert. Mit Hilfe der Drehbühne gelingt eine nahtlose Verknüpfung der unterschiedlichen Handlungsstränge, durch die Lichttechnik wird der Blick des Zuschauers immer wieder auf andere Bereiche der Bühne gelenkt. Das von Andreas Kowalewitz dirigierte Staatsorchester interpretiert dazu schwungvoll die nuancenreiche Musik und meistert souverän die häufigen Stimmungswechsel von tänzerisch und leicht bis zu schwermütig und getragen.
Der Glanzpunkt der Aufführung sind jedoch die Sänger: April Hailer verkörpert den anfänglichen Lebensüberdruss der alternden Ballerina Elizaweta Gruschinskaja ebenso glaubwürdig wie deren kurzfristig zurückkehrende Lebenslust durch die Liebe zum jüngeren Baron Felix von Gaigern. Den spielt Lucius Wolter als gebrochenen Charakter, immer zwischen der Notwendigkeit, notfalls durch Diebstahl seine Armut vor der Welt geheim zu halten, und dem anerzogenen Anstandsgefühl schwankend. Einen gesanglichen Höhepunkt setzt Wolter mit seiner emotionalen Darbietung von „Liebe fiele nicht vom Himmel“, einer der schönsten Liebeserklärungen der Musical-Geschichte. Aber auch die Nebendarsteller überzeugen durchgehend: der einnehmende Gunter Sonneson als gedemütigter Buchhalter, Hardy Rudolz als skrupelloser Firmenchef, Milica Jovanovic als entwaffnend naive Stenotypistin. Ein großer Abgesang. Marius Nobach
Die nächsten Aufführungen: 2. März, 11. März, 17. März, 29. März