Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Der Kuh ist er ein Metzger und dem Fiffi ein Herrchen. Wie sich die Menschen zu- und miteinander verhalten, sieht man ja allerorten. Die Beziehung Mensch-Kuh kann man an der Fleischtheke betrachten (dort beginnt sie für viele ja erst). Und welch absurd-inniges Verhältnis Mensch zu seinem Haus- und Nutzgetier pflegt, auch und gerade in Leben-und-Tod-Situationen, das gibt es nachmittags auf Vox zu sehen.
„Menschen, Tiere & Doktoren“ (MT&D) begleitet seit mehr als 1000 Episoden Tierärzte: auf dem Land, in Zoos, in Tierkliniken. Das ist bestes Doku-Soap-Entertainment, mit einer ausgewogenen Mischung aus Momenten des Mitgefühls und drastischen Dramen. Das ist wie „Toto und Harry“ – nur mit Tieren. Und mit mehr Blut und Tränen, denn wir sind hier nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit seinem kuscheligen Zoo-TV, sondern bei den Privaten. Tierheimhunde sind hier nicht nur Tierheimhunde, sondern versehrte Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Oder sie wurden zumindest aus einem Messie-Haus gerettet, zusammen mit drei Dutzend Artgenossen.
Ein großer Teil entfällt natürlich auch bei MT&D auf die weniger spektakulären Fälle: entzündete Sittichklauen, verstauchte Pfoten, Waschbären, die sich vor der Impfung ängstigen und mit Eierlikör bestochen werden. Oder auf flatulenzgeplagte Reptilien. Leguan Specki frisst nichts mehr, pupst aber reichlich. Sein Frauchen erklärt in schönstem Badener Singsang, warum sie einen Leguan besitzt: „Weil, es sind zu hundert Prozent Vegetarier.“ Da legt man sich mal ganz umweltbewusst ein Haustier mit geringer CO2-Emission zu, und dann so etwas.
Also erstmal Echsenkotprobe, Ultraschall, Röntgen. Das ganze Spektrum an Diagnosemöglichkeiten der Tierklinik wird ausgeschöpft. Bis die unangenehme, wenn auch banale Ursache feststeht (Hefepilze im Darm), sowie auch die Therapie (Diät). Bei siechenden Viechern ist es somit nicht anders als bei menschlichen Patienten: Ärzte versuchen an ihnen Geld zu verdienen, so lange es geht.
Mit Tieren darf man eh machen, was mit Menschen zu tun man sich nicht so recht getraut. Essen. Einschläfern. Oder sie verkuppeln und züchten. Bei MT&D heißt das dann „Partnervermittlung“. Dr. Reinschmidt, verantwortlich für das Zuchtmanagement in der Volière „Loro Parque“ auf Teneriffa, hat ein Problem mit seinen Blaukehl-Aras: Die Vögel vögeln nicht, sind liebesfaul und drohen sich abzuschaffen. Also muss Reinschmidt neue Paarkonstellationen ausprobieren und die Papageien zwangsumsiedeln. Das macht er mit Wasserpistole, Käscher und viel Geduld. Untermalt wird das wahlweise mit einem Liebesswing im Dreivierteltakt oder einem Tango. Irgendwann hocken dann alle neuen Paare in ihren Käfigen; Reinschmidt lauert zwei Stunden auf erste Sympathiebekundungen unter den Aras. Aber auch er kennt die Grenzen zwangsverordneter Familiengründung: „Da kann die Genetik noch so doll passen – wenn die Liebe nicht stimmt, dann klappt’s halt nicht.“
Dauerthema bei MT&D: Kühe. Denn Rindviecher gibt’s ja reichlich, und die haben auch immer irgendwas: Das Kalb hat sich in der Gebärmutter verkantet, das Euter ist entzündet oder einer der unzähligen Mägen ist verdreht. Labmagenverlagerung ist der Klassiker bei diesen Tieren. Der Labmagen ist gewissermaßen die Sollbruchstelle der Hochleistungsmaschine Kuh, seine Erkrankung der Kraftfutterdiät geschuldet.
Rinderwirt Alexander Krause kennt jeden seiner bovinen Mitarbeiter beim Namen und von Kalbesbeinen an, aber in seiner Funktion als Herdenmanager muss er es stets von der Leistungsfähigkeit der erkrankten Kuh abhängig machen, ob und wie sie medizinisch zu behandeln ist. Als Indikator hierfür dient die Milchkurve. Glück für die Kuh, die seit Tagen apathisch ist und nicht mehr fressen mag: Sie ist laut Buchführung ein rentabler Mitarbeiter. Der angereiste Tierarzt Bernd Linke stellt auch rasch die Diagnose: Labmagenverlagerung rechtsseitig. Dazu bedarf es nur eines fachkundigen Griffes in die Untiefen des Kuhdarms. „Die Hand in der Kuh ersetzt für den Tierarzt die Augen“, sagt Tierarzt Linke. „Jetzt sind Tast- und Geruchssinn gefragt. Erstmal ein Rundumgriff, um zu kucken.“
Wenn man bei MT&D eines über Veterinärmedizin lernt, dann dieses: Der Kuh zu Diagnosezwecken einen behandschuhten Arm in den Darm zu stecken ist so selbst-verständlich wie Pulsmessen und Lunge abhorchen beim Menschen. Verdacht auf Organverlagerung oder Schwangerschaft? Arm in den Po. Die Kuh klagt über Schnupfen und Unwohlsein? Arm in den Po. Sie hat sich den Huf verknackst? Ja mei, ein Fall für den Rinder-Orthopäden, aber wenn man schon mal hier ist . . .
Und somit ist rasch klar: „Wir haben Labmagen rechts.“ Der Mensch sagt: „Ich hab’ Rücken“, bei der Kuh heißt’s, „sie hat Labmagen rechts.“ Die Verlagerung zu beheben ist beinahe so simpel, wie sie zu diagnostizieren: Die Kuh wird im Stall und im Stehen operiert; Rinderwirt Krause muss mithelfen und den Einschnitt offenhalten. Denn: „Eigentum verpflichtet!“, lacht Linke. Dereinst greift dieser tief in die Eingeweide, ertastet den Labmagen, zuppelt ihn zurecht und näht ihn an der Bauchdecke fest. Noch schnell den Einschnitt verschließen, Pflaster drauf, fertig. Die Kuh ist wie neu. Krause hingegen rennt reichlich blass davon, wird aber gelobt: „Für deine erste OP haste dich ganz wacker geschlagen.“
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Marko Pfingsttag