Auch wenn das Messie-Syndrom erst vor etwa 30 Jahren als Begriff auftauchte – zwanghafte Sammler wertloser Dinge mit eingeschränktem sozialen Umgang gab es schon lange vorher. Mit den wahrscheinlich berühmtesten Messies der Geschichte beschäftigt sich der amerikanische Autor E. L. Doctorow in seinem neuen Roman „Homer & Langley“ aus dem Jahr 2009, der nun erstmals auf Deutsch vorliegt. Doctorow geht vom Leben der Brüder Homer und Langley Collyer aus, die ihr vierstöckiges New Yorker Haus bis unters Dach mit unbrauchbaren Gegenständen vollstopften. Um die beiden Sonderlinge rankten sich seit den 1930ern unter den Bewohnern New Yorks zahlreiche Gerüchte, die von der Sensationspresse begierig ausgewalzt wurden. Die Collyers, letzte Abkömmlinge einer einst sehr angesehenen und wohlhabenden Familie, verließen ihr Haus damals schon seit Jahren so gut wie nicht mehr und lebten im ständigen Kampf mit den Behörden, weil sie sich weigerten, ihre Rechnungen zu bezahlen. 1947 fanden die Brüder ein klägliches Ende: Langley, der aus Furcht vor Einbrechern zahlreiche Fallen aufgestellt hatte, geriet selbst in eine von ihnen und wurde von dem Gerümpel, das er angehäuft hatte, erschlagen. Sein älterer, teilweise gelähmter Bruder Homer verhungerte und verdurstete daraufhin. Die Polizei musste sich erst mühsam einen Weg zu den Leichen bahnen, die inmitten von weit mehr als 100 Tonnen Müll lagen.
Das Leben und der Tod der beiden Einsiedler dienten bereits zahlreichen Schriftstellern zur Inspiration, nun hat sich erstmals einer der renommiertesten amerikanischen Autoren des Stoffes angenommen. E. L. Doctorow, der bei seinen Romanen meist von historischen Ereignissen der amerikanischen Geschichte ausgeht, diese aber nach seinen Vorstellungen umgestaltet, hat sich auch diesmal zahlreiche Freiheiten genommen. So ist bei ihm Homer der jüngere Bruder, der – wie sein berühmter griechischer Namensvetter – blind, aber künstlerisch begabt und ein begnadeter Pianist ist. Homer ist der melancholische Ich-Erzähler des Romans, der am Ende seines Lebens einen episodenhaften Bericht über die Beweggründe für die immer größere Weltabschottung verfasst, in der er und sein Bruder leben. Doctorow macht aus den paranoiden Exzentrikern zwei eigenwillige, aber liebenswürdig kreative Aussteiger, deren Refugium nicht wie bei Henry David Thoreaus „Walden“ in der unberührten Wildnis, sondern im Herzen von New York liegt. Der Rückzug aus der Gesellschaft ist im Roman in einem Trauma begründet, das Langley als Soldat im Ersten Weltkrieg erleidet. Von Verachtung für die Gesellschaft bestimmt, beginnt er, Objekte zu sammeln: Klaviere, Waffen, elektrische Geräte und Maschinen bis hin zu einem Ford Model T, den er im Speisezimmer aufstellt. Sein größtes Projekt betrifft das Aufkaufen aller verfügbarer Tageszeitungen, um daraus eine ultimative Zeitung mit Nachrichten von ewig gültigem Wert zusammenzustellen. Doctorow lässt Langley sein wahnhaftes Horten mehrheitlich nutzloser Gegenstände in Gesprächen mit seinem Bruder als durchaus folgerichtige Suche nach Perfektion in einer Welt enthüllen, von deren Unzulänglichkeit der gesellschaftliche Außenseiter längst überzeugt ist.
In den langen Jahren, die die Brüder allein in ihrem Haus zubringen, bleibt die äußere Welt jedoch nicht ausgesperrt, sondern dringt immer wieder ins Innere vor. Doctorow verlängert das Leben seiner Protagonisten großzügig bis in die 1980er und konfrontiert sie mit Vertretern der jeweiligen Epochen. Die Begegnungen mit Jazzmusikern, Mafiosi oder Blumenkindern bleiben allerdings nicht mehr als Episoden, die eher willkürlich ausgewählt – vielleicht zu sehr mit Blick auf frühere Werke wie „Ragtime“ oder „Billy Bathgate“ – erscheinen und zu den schwächeren Passagen des Romans zählen. Stärker und ergreifender sind Homers sporadische Verhältnisse zu Frauen geschildert. Die schüchterne Zuneigung zu einer jungen Musikstudentin und der letztliche Verzicht. Die Freundschaft mit einem Hippie-Mädchen. Und die letzte große Liebe zu Jacqueline Roux, einer französischen Schriftstellerin, der Homer zufällig begegnet. In ihr scheint Doctorow einiges von seinem Verständnis des Schriftstellerberufs zu enthüllen. Jacqueline Roux, die Homer ermuntert, seine Erinnerungen niederzuschreiben, deutet ihre Umgebung poetisch und findet das Geheimnisvolle und Unerwartete im schon Bekannten.
Nichts anderes tut auch Doctorow, der als genau auswählender Chronist der amerikanischen Geschichte wie die Collyer-Brüder ein Sammler von „Artefakten aus unserem amerikanischen Leben“ ist. Doch hat der Autor anders als Homer und Langley es immer verstanden, sich nicht in der Masse an vorgegebenem Material zu verlieren, sondern nur bestimmte Elemente auszuwählen und sich vom Rest, wenn auch mitunter schweren Herzens, zu trennen. Marius Nobach
E. L. Doctorow: „Homer & Langley“. Aus dem amerikanischen Englisch von Gertraude Krueger. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 224 Seiten, 18,95 Euro.