Herlinde Koelbl ist eine der renommiertesten deutschen Fotografinnen. 1939 in Lindau geboren, fand die gelernte Modedesignerin erst mit Mitte 30 ihre Berufung. Zum ersten Erfolg der Autodidaktin wurde die Fotoserie „Das deutsche Wohnzimmer“, weitere bekannte Projekte von ihr sind die „Jüdischen Porträts“ sowie „Spuren der Macht“, eine Langzeitbeobachtung von Politikern. Herlinde Koelbls Fotos erschienen unter anderem im „Stern“, in der „Zeit“ und in der „New York Times“, außerdem hat sie zahlreiche Bildbände veröffentlicht. Neben der Arbeit als Fotografin entwirft Herlinde Koelbl auch Videoinstallationen und dreht Dokumentarfilme. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausge-zeichnet. Die Ausstellung „Mein Blick“ im Münchner Stadtmuseum zeigt in einer Werkschau 300 ihrer Bilder. Marius Nobach hat mit Herlinde Koelbl über die Ausstellung und ihre Arbeit gesprochen.
Inwieweit waren Sie an der Auswahl der Fotos für die Ausstellung beteiligt?
Ich habe alle Fotos selbst ausgewählt und auch die Anordnung, in der sie jetzt in der Ausstellung hängen, habe ich größtenteils selbst bestimmt. Dafür habe ich mich ein Wochenende lang im Museum aufgehalten, um zu sehen, wie sich die Fotos in den Räumen verteilen lassen. Ich musste mir genau überlegen, wie ich die Bilder und Themen am besten anordne, welche ich an den Beginn der Ausstellung stellen wollte und welche ans Ende. Eine Ausstellung sollte wie eine Komposition funktionieren, mit mal leiseren, mal lauteren Stellen. So habe ich versucht, diese Werkschau wie eine Musikkomposition zu verwirklichen.
Gibt es Bilder, die Sie gerne in der Ausstellung gehabt hätten, die aber nicht aufgenommen werden konnten?
Natürlich fällt die Auswahl immer schwer, und bei einer Werkschau ganz besonders. Sie war zwar vorher schon in Berlin zu sehen, aber jeder Ausstellungsort ist anders und verlangt auch wieder etwas ganz Neues. In München sind zum Beispiel auch meine neuesten Arbeiten mit dabei, die ich erst im letzten Jahr fertig gestellt habe. Die Auswahl ist ein Prozess, der sich über Wochen hinzieht, in denen die Entscheidungen immer weiter verdichtet werden. Wenn ich an einem bestimmten Bild hänge, dieses aber nicht zum Gesamtkonzept passt, bin ich gezwungen, streng zu mir selbst zu sein, und auf das Foto zu verzichten.
Warum trägt die Werkschau den Titel „Mein Blick“?
Der Titel sollte darauf verweisen, dass es sich um eine sehr spezielle Arbeitsweise handelt, bei der es mir immer sehr wichtig war, eigene Themen und Ideen zu entwickeln und diese über lange Jahre zu verfolgen. Da ich alle meine Projekte vollkommen eigenständig realisiere, bedarf meine Arbeit eines ganz eigenen Blicks.
In der Ausstellung sieht man als erstes Fotos von Prominenten. Ist es schwer, Berühmtheiten aus Politik, Sport, Film und Fernsehen anders abzubilden, als das sonst üblich ist?
Ein gutes Porträt entsteht immer aus dem Dialog heraus, man muss herausfinden, was möglich ist, sich vorher überlegen: Was ist das für ein Mensch, welche Persönlichkeit hat er? In diesem Fall habe ich bewusst einen eigenen Zugang gesucht. Fotos von Prominenten sind meistens großformatig ausgestellt und der Prominente wird dadurch quasi erhöht. Ich habe jedoch ein sehr kleines Format für die Fotos gewählt, weil ich wollte, dass sie eher beiläufig wirken, und weil sie nicht ein Hauptteil meiner Arbeit sind.
Neben den Prominenten-Fotos sind auch Ihre „Jüdischen Porträts“ aus den achtziger Jahren, in denen Sie Holocaust-Überlebende fotografiert und das, was sie sagen, festgehalten haben, in einem separaten Raum untergebracht.
Das ist vor allem wegen der Zitate notwendig. Die Texte, die bei den Begegnungen entstanden sind, sind sehr ernst und man braucht Ruhe, um sie zu lesen, sich auf die Schicksale einzulassen. Ich glaube, dass an den Bildern, die ich bewusst in Schwarzweiß gehalten habe, auch besonders gut erkennbar ist, dass sich in Gesichtern das Schicksal von Menschen ablesen lässt. Die Begegnung mit diesen Menschen, die nicht verbittert waren, obwohl viele von ihnen ihre Eltern oder Familien im Holocaust verloren haben, war sicherlich eine der für mich wichtigsten Arbeiten und ein beeindruckendes Erlebnis. Auch deshalb sollten diese Fotos nicht einfach zwischen den anderen Bildern hängen. Es braucht eine gewisse Stille, wenn man sich mit ihnen beschäftigen will.
Sie wollen also durchaus bestimmte Wirkungen mit ihrer Arbeit als Fotografin hervorrufen?
Ich kann mit meiner Kunst sicherlich nicht die Welt aus den Angeln heben. Aber Individuen können durch sie beeinflusst werden, und ich glaube schon, dass Menschen sich mit den Themen, die ich auswähle, beschäftigen und für sich bestimmte Erkenntnisse daraus ziehen können. Ich sehe auch, dass die Menschen bei Ausstellungen vor meinen Bildern diskutieren. Für mich ist schon viel erreicht, wenn der Geist angeregt wird, die Kraft, die in den Bildern zu sehen ist, sich auf den Betrachter überträgt.
Sie sind nicht nur als Fotografin tätig, sondern haben auch mehrere Videoinstallationen und Dokumentarfilme gemacht. Reichten Ihnen die Bilder irgendwann nicht mehr aus?
Als ich anfing, als Fotografin zu arbeiten, habe ich schnell begriffen, dass nicht jedes Thema, mit dem ich mich beschäftigen will, das gleiche Vorgehen erlaubt. Ich habe schon früh gemerkt, dass ich bei manchen Projekten neben den Fotos auch ein Zitat haben wollte. Generell überlege ich immer, wenn ich ein Thema in Angriff nehme, wie ich ihm gerecht werden kann. Ob da das Foto ausreicht oder ob auch Sprache nötig ist. Wenn ich Video, Film oder Gespräche verwende, müssen diese eigenständig für sich funktionieren. Bei dem Projekt „Spuren der Macht“, bei dem ich Politiker über acht Jahre hinweg begleitet und ihre Entwicklung in Fotos und Interviews festgehalten habe, war es zum Beispiel eine interessante Erweiterung, auch einen Film über das Thema zu drehen. Denn ich wollte auch den Tonfall der Befragten einfangen, den man beim Lesen der Interviews sonst nicht hört.
Bei „Spurend er Macht“ haben Sie es mit Menschen zu tun gehabt, bei denen man annehmen muss, dass sie die Kunst der Verstellung besonders gut beherrschen. Findet sich in so einem Fall überhaupt eine Möglichkeit, eine unverstellte Haltung zu bekommen?
Bei Politikern ist es schwieriger, weil sie ein Bild für die Öffentlichkeit kreieren wollen. Allerdings ist völlige Unverstelltheit vor der Kamera vielleicht gar nicht zu erreichen. Grundsätzlich versuche ich jeden zu porträtieren, wie er wirklich ist. Wichtig für mich als Fotografin ist, dass ich auf die Menschen eingehe und ihre Körpersprache lese, um diese dann ins Bild zu integrieren. Es sollte ein Dialog entstehen, der auch nonverbal sein kann, um ein gutes Porträt zu schaffen.
War das von Anfang an Ihre Arbeitsweise?
Im Grunde hat sich nicht viel verändert. Schon bei meinem ersten Projekt aus den späten Siebzigern, bei dem ich Menschen in ihren Wohnzimmern fotografiert habe, wollte ich, dass sich alle selbst darstellen und habe keine Anweisungen gegeben, wie sie sitzen oder stehen sollten. Mir ging es nicht um Kritik an bestimmten Lebensstilen, ich wollte nicht nur abbilden, sondern auch eine gewisse Wohnkultur zeigen. Die Wohnzimmer dienen auch als Repräsentationsräume für die Öffentlichkeit, man will zeigen, was man hat und dass man mit den Nachbarn mithalten kann.
In der Ausstellung sind die Wohnzimmer-Bilder so angeordnet, dass etwa die Abbildung eines luxuriösen Prestige-Raums eines neureichen Industriellen neben der spärlich eingerichteten Wohnstube eines Bauern hängt. Steckt in dieser Anordnung nicht doch ein gewisser kritischer Hinweis für den Betrachter?
Die Gegenüberstellung verschiedener Wohnzimmer, von überfüllten bis hin zu völlig kahlen, sollte die Kontraste hervorheben, die Gegensätze besser sichtbar machen. Bei dem Projekt selbst war mir wichtig, dass alle Schichten aus ganz Deutschland vertreten waren. Der Betrachter sollte vergleichen können. Weil Menschen sonst häufig nur in ihren eigenen, ich sage das bewusst, „Ghettos“ leben und keinen Kontakt mit fremden Welten haben, möchte ich etwas mehr von der Ganzheit der Welt vermitteln.
Was macht für Sie ein gelungenes Bild aus?
Bei einem wirklich guten Foto müssen Komposition und Inhalt stimmen, es sollte immer über den Tag hinaus wirken und sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart und die Zukunft sollten darin enthalten sein. Aber das plane ich nicht, sondern bei der Arbeit kommt einfach dieser Moment, in dem ich weiß: Jetzt wird das Bild gut.
Ihr Werk zeichnet sich durch eine große Themenvielfalt aus. Gab es mal einen Moment, wo Sie nicht wussten, was Sie als nächstes in Angriff nehmen wollten?
Nein, das Wunderbare ist, dass ich meine Themen nicht suchen muss, sondern sie zu mir kommen. Ich habe immer mehr Ideen, als sich realisieren lassen. Weil ich mich immer längere Zeit damit beschäftige, verfolge ich auch mehrere Projekte gleichzeitig. Ich organisiere meine Arbeit allein, und so stellt sich früh heraus, ob ein Thema trägt oder nicht, so dass ich auch nie ein Projekt hatte, das im fortgeschrittenen Stadium noch gescheitert wäre. Ich glaube, es ist entscheidend, dass man eine eigene Handschrift entwickelt und sie weiter verfolgt und dass man im Umgang mit Menschen offen bleibt. Und dass man, wenn ein Projekt beendet ist, auch wirklich einen Schlussstrich darunter zieht und sich Neuem zuwendet.
In der Ausstellung sind auch einige Ihrer neuesten, abstrakt wirkenden Arbeiten ausgestellt, in denen nicht mehr Menschen porträtiert sind, sondern die zum Beispiel Details aus einer brennenden Fabrik zeigen. Hat sich an Ihrer Arbeitsweise etwas verändert oder steckt da einfach die Lust am Experimentieren dahinter?
Der Mensch ist durchaus auch in dieser Serie vorhanden, nämlich in den Spuren, die er hinterlässt. Beim Brand ist die Zerstörung zu sehen und das, was wieder daraus entstanden ist. Es sind keine Porträts von Menschen, aber man sieht ihre Auswirkungen. Grundsätzlich habe ich immer Lust am Experimentieren, daran, bestimmte Dinge auszuloten. Satt sein, oder mich wiederholen, das ist nicht meine Sache.
Begleitend zur Ausstellung ist im Steidl Verlag ein Bildband erschienen, der im Museum erhältlich ist (28 Euro).
Wirklich großartige Bilder (und Serien), die sie dort ausstellt. Einige bewegen sogar richtig, in meinem Fall insbesondere die Kleinserie des alten Paares am Scheideweg.
Einen kurzen Bericht habe ich auf meinem Blog verfasst:
http://leichtscharf.de/fotografie/herlinde-koelbl-mein-blick-ausstellung-im-munchner-stadtmuseum/