cult:online


Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Party im Folterkeller Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Nicole Baumann  am  27. März 2011

Foto: Ellen Coenders

Foto: Ellen Coenders

Ein Mädchen irrt umher, als suche es etwas oder als ob es den Weg nicht wüsste. Unbeholfen wiegt sich die junge Frau zu einer Musik, die man nicht hören kann. Sie trägt einen Pelzmantel, ihre Füße sind nackt. Hinter ihr türmt sich eine wüste Landschaft von Lautsprecherbergen. Es ist Paulina aus Till Wyler von Ballmoos’ Inszenierung von “Der Tod und das Mädchen”, die da um das Eintreten in ihre eigene Erinnerungswelt ringt.

Verstörung und Zerbrechlichkeit zeichnen diese Figur aus, gespielt von Rena Dumont. Vom ersten Moment an. Auf diese Weise entsteht ein Graben zwischen dieser Frau und der sie umgebenden Bühne von Evi Bauer, die von kalten und leblosem Technikschrott überquillt. In Ariel Dorfmans Stück geht es eigentlich um die Begegnung von Paulina mit ihrem Folterer und Vergewaltiger Roberto, den sie allein an seiner Stimme wieder erkennt, ihn im Beisein ihres Mannes Gerardo überwältigt und schließlich zu einem Geständnis zwingt. Doch Regisseur Ballmoos setzt dort an, wo der Abend schon Jahre zurückliegt. Er inszeniert den Widerhall dieser Situation und erforscht dadurch viel tiefer, was im Inneren seiner Hauptfigur vor sich gehen muss. Ein Ringen mit den ewig wiederkehrenden Gedanken, die sie quälen, und ihrem Widerstand dagegen. In einer Art surrealem Wachtraum, der vor allem über das Hören gespeist wird, laufen die Geschehnisse noch einmal ab.

Paulina ist allein mit sich und kommuniziert mit ihrer Außenwelt nur über Bande. Gerardo und Roberto sitzen links und rechts an Tischen und agieren wie Sprecher in einer Hörspielsituation. Geräusche und Klänge begleiten Texttiraden, die durch Hall- und Echoeffekte verzerrt zu Paulina vordringen. Sie bleibt isoliert auf der Bühne, in einer Art Gefängnis, das ihr Bewusstsein ist. In feinem Rhythmus abgestimmt wechseln sich wache Momente mit schwankenden ab und spiegeln dadurch Paulinas verunsicherte Wahrnehmung. Das Liebesgeständnis ihres Ehemannes zum Beispiel vermischt sich zunächst unmerklich, dann zunehmend erschütternd, mit Wortfetzen Robertos, sexuellen Anspielungen, perversen Begierden.

Im Laufe des Abends wird diese Verschränkung zwischen den beiden Männern immer wieder greifen. Der Richter Gerardo, ein Recht-und-Order-Mann, penibel dargestellt von Stefan Maaß, und der schmierige Arzt Roberto, auftrumpfend von Oliver Losehand verkörpert, ähneln sich nicht nur äußerlich. An diesem von Paulinas Wahrnehmung diktiertem Abend stehen beide gleichermaßen für Bedrohung und Verrat. Die Schauspieler geben sich die Führung immer wieder an den jeweils anderen ab und lassen so auch die Abhängigkeit voneinander deutlich werden. Täter, Opfer, Zeuge – diese Rollen wechseln. Was bleibt, ist das Kreisen um die Frage der Schuld und die Suche nach Vergebung.

Irgendwann dringt Roberto in Paulinas Gedächtnis ein und betritt den Lautsprecherwald. Playback singend zu Ella Fitzgeralds’ „Embrace me“ sieht man Paulina Roberto verführen und ist verwirrt. Gleich darauf überwältigt sie ihn, schlägt ihn nieder. Ihr Triumph gipfelt in einem von ihr dirigiertem Orchesterkonzert über seinem am Boden liegenden Körper. Hinein mischen sich die Schreckensrufe Gerardos, der, noch an seinem Tisch sitzend, wie aus Ferne an ihr Gewissen mahnt.

Ariel Dorfmans Text ist mittlerweile zwanzig Jahre alt. An Aktualität hat er nichts verloren. Die Textpassagen, die sich mit Folter und Vergewaltigung beschäftigen, machen weiterhin betroffen. Auch wenn von Ballmoos sie aufbricht und frech mit den heiklen Szenen umgeht. Doch nicht aus der Darstellung von Gewalt bezieht er Spannung. Allein vom Bühnenbild geht sie aus: Wie laut könnten Schreie oder schrille Klänge werden, wenn sie aus hunderten von Lautsprechern ertönen? Ebenso erzeugt das enorme Spieltempo Spannungen. Ballmoos treibt seine Spielchen mit Paulinas Erinnerungen, aber er verrät sie nicht. Beim Blackout Paulinas, bei einer Verweigerung, gehen einfach die Lichter auf der Bühne aus. Anstatt Roberto zu knebeln, montiert sie lieber Bass- und Obertonlautsprecher aus einer Box heraus und drückt sie aufeinander. Beim ersehnten Geständnis Robertos wird eine Party im Kopf von Paulina gefeiert. Spielerisch, fast übermütig entblößt sie ihren Peiniger, zieht ihm Unterhose nach Unterhose herunter, bis er nackt da steht. Diese Szene könnte man das als einen lustigen Spaß ansehen, doch durch das zu selbstgefällige Spiel Robertos droht die Stimmung zu kippen.

Am Ende geht Roberto unbeschadet von der Bühne. Das enttäuscht, denn er ist mit seinen Schandtaten davongekommen. Gerardo und Paulina stehen unter den Resten der Partydekoration, als hätten sie einen Kater. Nähe zwischen ihnen entsteht nicht mehr. Es ist ein wenig versöhnliches Ende. The party’s over. Wehe dem Erwachen. Nicole Baumann

Share |


Einen Kommentar schreiben